Immer noch nicht kapiert? Dann zeigen wir es nochmal!

Spielszene aus dem Theaterstück "Drei Schwestern". Foto: Jekaterina Zwetkowa.

Spielszene aus dem Theaterstück "Drei Schwestern". Foto: Jekaterina Zwetkowa.

Das RusImport Festival im Berliner Festspielhaus – rückblickende Bemerkungen.

Die Drei Schwestern gaben den Auftakt. Rasch, ohne besondere Modulation, setzt Galina Tjunina als Olga zu sprechen an: Vor einem Jahr ist Vater gestorben, genau an diesem Tag, am 5. Mai, deinem Geburtstag, Irina. Nach und nach steigen die anderen Schauspieler ins Stück ein, die schönen rothaarigen Schwestern Polina und Xenia Kutepowa als Mascha und Irina. Als seien wir auf einer Probe im Moskauer Künstlertheater, ist auch der Autor da, verfolgt höchstpersönlich den Verlauf seines Stücks, mischt sich ein, protestiert in einem Brief an die Regie, beharrt auf den Pausen, setzt sich durch, als Mascha ihm das Textbuch entwinden will.

Ach, Tschechow! Er starb 1904. Seine unsterblichen Figuren aber müssen, ob sie wollen oder nicht, immer wieder auf der Bühne ihr Schicksal in der öden Provinz durchleben. Auch in Berlin. Die Schwestern sind gebildet und feinsinnig, eine Art „überflüssige" Menschen, von denen es nicht mehr viele gibt. Herbe Verluste erleiden sie: vom Haus, von Menschen, von Hoffnungen. Man weiß nicht, was schwerer wiegt. Einzige Gewinnerin ist die derb-dreiste Schwägerin Natascha. Sie hat das Heim der Schwestern okkupiert und triumphiert. Warum passiert einem das alles im Leben? Wenn man es nur wüsste...

Die Inszenierung des unlängst verstorbenen Pjotr Fomenko entstand 2004, hundert Jahre nach Anton Tschechows Tod. Seitdem ist sie in Moskau ein Renner. Die Akteure vom Fomenko-Studio spielen höchst filigran und mit tödlichem Ernst. Eine der schönsten Szenen kommt ganz leicht und luftig daher: Irina und der Baron werfen sich zum Abschied spielerisch den Strohhut zu, wie Kinder. Über seiner linken Schulter hängt ein heller Sommermantel, über der rechten der Militärmantel. Sein naher Tod im Duell aber schimmert durch sie Szene wie Herbstlaub, das golden aufleuchtet, bevor es stirbt. Man staunt als Zuschauer vor solchen Kostbarkeiten – so fein und nuanciert wird auf deutschen Bühnen schon lange nicht mehr gespielt. Kostüme und Bühnenbild sind historisch getreu, die Inszenierung ähnelt einem schönen alten Museum mit feinsten Exponaten. Solches ist in Berlin heute leider eher unpopulär.

Die Kluft zwischen russischer und deutscher Kultur ist groß. Unkenntnis trifft auf Unverständnis. Wie sagte Marina Dawydowa, Leiterin des Moskauer NET-Festivals und Theaterkritikerin, auf dem Podium? Es gebe zwei extreme Vorstellungen von Ausländern: entweder werde die russische Kultur dämonisiert oder idealisiert. Beides sei nicht zutreffend. Wie wahr! Wer weiß z.B., dass Moskau in Anzahl und Vielfalt seiner Theaterfestivals Paris oder Berlin weit übertrifft? Wahr ist auch, was niemand artikulierte (oder nicht weiß?): dass sich das Theater in Russland von jeher mit seelischen Vorgängen beschäftigt und damit zu gewisser Bürgerlichkeit neigen mag, in Deutschland dagegen der gesellschaftliche Diskurs in postmoderner Form und Spielweise gesucht wird. Rückständigkeit oder Fortschritt – das ist hier die Frage! Was aber sind die Kriterien?!

Nun wurden bei RusImport vorwiegend Veranstaltungen gezeigt, die eben nicht in der Tradition des „alten Einfühl-Theaters" standen, die hier generell als „Stanislawski" gilt (er selber löste sich zuletzt davon, seine späte Phase des „physischen Handelns" ist hier aber ganz unbekannt), sondern durchaus Politisches aufs Korn nahmen. Dennoch fanden sie bei manchen Berliner Kritikern keine Gnade - sie wurden vom Kontext her nicht verstanden.

Was hilft es, wenn im Programm erklärt wird, dass im Stück „GORKI-10" sowjetische Mythen zertrümmert werden, das emotionale Grauen darunter für deutsche Zuschauer aber nicht fühlbar ist? Dann bleiben bei der Groteske über Lenin, Krupskaja und Dserschinskij, die Dmitrij Krymow von der Moskauer „Schule für Dramatische Kunst" neben anderer sowjetischer „Romantik" szenisch variierte - eine immer bitterböser und Gewalt entlarvender als die andere - die knallenden Platzpatronen im Gedächtnis haften, nicht aber der traurige und aktuelle Subtext der Mechanismen, wie man Menschen zwingt und zerbricht. Heutige Transformationen alter russischer Märchen nennt Krymow das. „Beim ersten Mal nicht kapiert?" sagt er, „Dann zeigen wir's eben nochmal!" In Moskau funktioniert das sehr gut. In Berlin weniger. Selbst bei der phänomenalen Videokunst (AES+F Trilogie), die im Martin-Gropius Bau zu bestaunen war. Der Berliner Zeitung war sie immerhin eine ganze Seite wert!

Bei aller Freude darüber, dass dieses Festival stattfand, hätten manche Veranstaltungen doch im Vorfeld mehr aufbereitet gehört für Zuschauer, bei denen kein differenziertes Wissen vorauszusetzen ist. So saßen gegen Ende des Festivals bei den Diskussionen fast nur noch russisch Sprechende unter sich. Der Trend begann bereits mit der Performance von „Gospodin choroshij" (wäre „Herr Gutmensch" nicht zeitgemäßer übersetzt als „Unser bestes Stück"?), die nur auf Improvisationen mit zutiefst sowjetischen Kontexten und heutigen Politgrößen aufbaut und deshalb ohne deutsche Übersetzung lief.

Das Gespräch zwischen Tilmann Spengler und Dmitrij Bykow hingegen, neben dem Schauspieler Michail Jefremow einer der Autoren dieser schrägen Politsatire, war eines der aufschluss- und geistreichsten. Bykow, ein Urgestein der russischen Intelligenzija, der unermüdlich literarisch aufklärt, Verse schmiedet und nicht nur russische Klassiker, sondern auch den Faust auf Anhieb zitiert, spricht ironisch und ohne Furcht Klartext: „Die russische Gegenwart ist ja nun sehr marktfähig. Wir sind bestens informiert über die Schrecken im Westen, jedes ehrliche Gespräch über Probleme im eigenen Land ist jedoch tabuisiert."

Dennoch sieht er ein großes Potential im „ungebildeten, grenzenlosen Russland", das nicht mit solchen kulturellen Barrieren ausgestattet sei, wie Europa. Außerdem verlaufe die russische Geschichte zyklisch, stets wechselnd zwischen erhabenen Impulsen in Bezug auf die Heimat und der Haltung: „Rettet mich, ihr Völker, vor dem Volk und seinem Geschrei!" Vieles hätten Deutsche bei den Gesprächen erfahren können – wären sie dabei geblieben. „Wir brauchen Unterstützung und keine Häme aus dem Westen!" rief Marina Dawydowa vehement aus, und sie meint damit die heutige künstlerische Intelligenzija, die genauso in der Minderheit ist, wie vor hundert Jahren Tschechows drei Schwestern. Ihr Wort in deutsche Ohren!

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