Das Niveau des MBA-Studiums in Russland steigt, nicht aber sein Ansehen

Absolventen des Skolkowo School of Management in Moskau. Foto: Pressebild.

Absolventen des Skolkowo School of Management in Moskau. Foto: Pressebild.

Die chaotischen Anfänge des russischen MBAs in den 1990er‑Jahren werfen ihre Schatten auf die mittlerweile immer anspruchsvoller gestalteten Studiengänge – noch immer werden Abschlüsse im Ausland nicht anerkannt.

Den MBA (Master of Business Administration) kann man in Russland noch nicht lange erwerben, da es Managementausbildungen zu sowjetischen Zeiten nicht gab. Die Anfänge des MBA-Studiums in Russland gestalteten sich chaotisch: Sie fielen in die erste Hälfte der 1990er‑Jahre, als neue Geschäftsmodelle im Land boomten. Die meisten Anbieter der neuen akademischen Disziplin arbeiteten nur auf dem Papier legal – Business‑Schulen ohne ordnungsgemäße Lizenzen warben mit „vollständigen" Harvard‑Programmen, die ihre Studenten für 15 000 bis 25 000 Euro innerhalb weniger Monate absolvieren konnten. Am Ende solcher Lehrgänge stellten sie Zertifikate aus, die denen der amerikanischen Eliteuniversität ähnelten.

Die föderalen Universitäten waren die einzigen Institutionen, die sich darum bemühten, Programme auf weltweitem Niveau zusammenzustellen, und mehr daran interessiert waren, die akademischen Standards anzuheben, statt schnelles Geld zu machen. Zur Jahrtausendwende hin wurden die russischen Verbraucher allmählich anspruchsvoller, insbesondere nach der Krise von 1998. Anbieter auf dem Ausbildungsmarkt sahen sich einem erhöhten Anpassungsdruck ausgesetzt. Nur wenige konnten sich behaupten.

 

MBA-Anbieter

Die führenden Anbieter von Managementprogrammen in Russland stellen an die Universitäten angegliederte Hochschulen dar: Institute der Moskauer Staatlichen Universität, der St. Petersburger Staatlichen Universität und der Akademie für Nationalökonomie bedienen fast die Hälfte der Marktnachfrage.

Skolkowo, die sich als Elitehochschule etabliert hat, hebt sich von allen Anbietern ab. Insgesamt gibt es etwa 80 akkreditierte Hochschulen. Die

Studiengebühren liegen zwischen 45 000 Euro an den größten Business‑Schulen und 70 000 Euro für eine Ausbildung an der Skolkowo-Hochschule. An kleineren und nicht akkreditierten Hochschulen kostet ein Studium dagegen lediglich 4000 bis 8000 Euro, die Abschlüsse sind entsprechend weniger angesehen.

Die weltweit besten Aufbaustudiengänge bieten die American Business Association, die European Business Association und die British Business Association. Keine russische Hochschule hat den westlichen Standard bislang erreicht. In Russland gibt es keine einzige in den USA lizenzierte Hochschule, hingegen sind zwölf Hochschulen in Großbritannien akkreditiert und die Graduate School of Management der St. Petersburger Universität wird in absehbarer Zeit eine europäische Lizenz vorweisen können – ein Präzedenzfall in Russland.

Den Hochschulrektoren zufolge hängt die schwache internationale Kompatibilität russischer MBAs in erster Linie mit landesspezifischen Besonderheiten zusammen. Es sei vor dem Hintergrund der lokalen Eigenheiten des Wirtschaftslebens und der Mentalität russischer Manager nur bedingt zielführend, im Westen anerkannte Standards einzuführen.

Etwa 10 000 Studenten absolvieren jährlich eine Managementausbildung in Russland. Wie auch in anderen Ländern sind die meisten MBA-Studenten (78 Prozent) Angehörige des mittleren oder höheren Managements. Nach Angaben der Russischen MBA League begründet die Hälfte der Absolventen ihre Studienwahl mit besseren Aufstiegschancen, 45 Prozent hoffen, ihren Job besser ausführen zu können, fünf Prozent wollen ein eigenes Unternehmen gründen.

In den USA und in Europa werden die meisten MBAs von den Arbeitgebern finanziert, in Russland dagegen kommen 80 Prozent der Studenten selbst für ihre Ausbildung auf. Viele Studenten bitten die Hochschulen, ihren Arbeitgebern nichts von ihrem Studium zu erzählen – oft ist dieses das Sprungbrett in einen anderen Job.

Häufig betrachten die Studenten die mit dem Erwerb eines MBA verbundenen Kosten als Investition und stellen die Frage, wann sich diese rentieren werden. Experten meinen jedoch, dass es keine sichere Antwort auf diese Frage gibt.

 

Herausforderungen am Arbeitsplatz

„Ein Management-Studium ist sinnvoll, wenn man bereits Manager ist. Für Beschäftigte der unteren betrieblichen Ebenen wäre das herausgeschmissenes Geld", sagt Sergej Mjasojedow, Vorsitzender der Russian Association of Business Education.

Ihre hauptsächliche Aufgabe sehen Anbieter von MBA-Programmen darin, so Mjasojedow, ihre Studenten auf die Lösung konkreter Managementprobleme vorzubereiten. Ein klassischer Fall sei der begabte Ingenieur, der zum Vize-Vorstandschef aufsteigt und sich in dieser Position neuen Aufgaben gegenübersieht wie zum Beispiel Betriebsabläufe und Personal zu managen oder strategische Pläne zu entwickeln.

Die Schulen liefern kontinuierlich statistische Daten: Nach Angaben der Russischen MBA League und dem Webportal Superjob.ru steigen 40 Prozent der Absolventen von Business-Schulen innerhalb von zwei bis fünf Jahren nach ihrem Abschluss in ihrem Job auf.

Unter Experten und Angehörigen des mittleren Managements liegt die Aufstiegswahrscheinlichkeit bei 60 Prozent. Wer einen solchen Karrieresprung erreicht, kann mit durchschnittlich 50 Prozent mehr Einkommen rechnen.

Russische MBAs unterscheiden sich von europäischen oder US-amerikanischen kaum, was Studienpläne, Studiendauer und die Kosten betrifft. Auch wenn die Standards zwischen den Schulen zum Teil gravierend voneinander abweichen, können sich die führenden russischen Hochschulen hinsichtlich der Ausbildungsqualität mit ihren europäischen Konkurrenten messen.

Die Zeugnisse russischer Business-Schulen erwecken dennoch im Ausland nach wie vor Skepsis. Personalmanager erklären das überwiegend mit dem Schatten der 1990er‑Jahre: „Eine große Anzahl von ‚Fake'-Schulen haben das russische Hochschulsystem am Ende des vergangenen Jahrhunderts diskreditiert. Aus diesem Grund haben russische MBA-Titel bei internationalen Unternehmen immer noch wenig Vertrauen", erklärt ein Experte eines Headhunter‑Unternehmens.

Es werde nach seiner Einschätzung noch weitere zehn Jahre dauern, bis diese Stereotype überwunden sind. Schulen, die gemeinsam mit europäischen Instituten lizenzierte Programme anbieten, können ihren Absolventen zwei Diplome ausstellen: ihr eigenes und das der Partnerschule.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland