Segensreiche Neujahrszeit in Russland

Das Erliegen des öffentlichen Lebens in Russland während der Neujahrsfeiertage kann mit der Zeit nach dem Mondfest in China oder der Ferienzeit im Sommer in Europa verglichen werden. Foto: RIA Novosti

Das Erliegen des öffentlichen Lebens in Russland während der Neujahrsfeiertage kann mit der Zeit nach dem Mondfest in China oder der Ferienzeit im Sommer in Europa verglichen werden. Foto: RIA Novosti

Die Neujahrstage sind in Russland eine wunderbare Zeit, um zu entspannen und Energie für den harten Winter zu tanken. Unser aus Indien stammender Autor erzählt, was ihm an der Neujahrszeit in Russland reizt.

Für viele Außenstehende verliert das Außergewöhnliche des Neujahrsfestes in Russland häufig nach einigen Jahren seinen Reiz. Die Feiertage sind in dem Land so überkommerzialisiert, dass die lange Freizeit auch nervig werden kann. Kurz vor Mitternacht geht es sehr emotional zu, aber häufig ist die Feier am 31. Dezember auch sehr schnell wieder vorbei. Es herrscht der Aberglaube, dass das kommende Jahr nicht gut verläuft, wenn das Neujahr nicht perfekt begrüßt worden ist.

Am liebsten mag ich am verlängerten Neujahrsfest die vielen Feiertage, die es begleiten. Aus einem Land kommend, wo Banken am 1. Januar geöffnet

haben und bereits einen Tag später das Leben zur völligen Normalität zurückgekehrt ist, sind diese zehn freien Tage für mich ein absoluter Segen. Es gibt kein besseres Gefühl, als einen Ausflug zum Eisangeln an das Ochotskische Meer zu unternehmen mit der Gewissheit, dass der nächste Arbeitstag noch mehr als eine Woche hin ist. Es ist herrlich, an einem sonnigen Wintertag in der freien Natur Schlittschuh zu laufen oder im verschneiten Wald spazieren zu gehen. Ich liebe es auch, zu Hause eine warme Tasse Tee zu trinken, leicht bekleidet wie in den Tropen, und auf das Glitzern des Sonnenlichts im frisch gefallenen Schnee zu schauen.

Das Erliegen des öffentlichen Lebens in Russland während der Neujahrsfeiertage kann mit der Zeit nach dem Mondfest in China oder der Ferienzeit im Sommer in Europa verglichen werden, wenn scheinbar alle Einheimischen gleichzeitig in den Urlaub gefahren sind. Natürlich gibt es hinsichtlich des Wetters zwischen dem August in Europa und den ersten zehn Tagen des Januars in Russland einen großen Unterschied. Wem Wintersportarten nicht gefallen, dem können die Feiertage endlos erscheinen, und einige Menschen sehnen sich tatsächlich danach, endlich wieder ins Büro zurückzukehren.

Was ich an dieser Zeit so liebe, ist die absolute Gelassenheit, die sich über Russland ausbreitet, sei es in der Provinz oder in den Großstädten. Für knapp vierzehn Tage ist der Smog nicht mehr zu sehen. Es ist eine Zeit der absoluten Entspannung und der Besinnlichkeit. Die Feiertage sind eine Phase, die genutzt wird, Kraft und Energie aufzutanken (sobald der Kater vorbei ist), um den Winter zu überstehen, der in vielen Teilen Russlands im Januar und Februar am härtesten ist.

Die Geschenke werden gewöhnlich während des Neujahrsfestes verteilt, aber das russische Weihnachten ist gleichwohl ein besonderes Fest. Anders als Neujahr ist Weihnachten nicht zum Opfer des Kommerzes gefallen, sondern stellt immer noch eine Familienfeier dar. Wer auf weiße Weihnachten hofft, hat eine Chance, diese zu erleben, wenn er am 7. Januar in Russland weilt. Da viele Menschen die Neujahrsfeiertage für einen Urlaub in wärmeren Gefilden nutzen, kann man das entspannende Feriengefühl in den Großstädten mindestens noch bis zum orthodoxen Neujahr am 14. Januar genießen. Es mag schade sein, dass diese Feiertage nicht bis dahin andauern, aber wenn es nicht so wäre, würde die Industrieproduktivität im Land im Januar statt um die üblichen 25 Prozent gleich um 40 Prozent fallen.

Was ich an meinem langen Neujahrsurlaub in Russland geliebt habe, war der schlichte Umstand, dass ich den russischen Winter in seiner reinsten Form genießen konnte. Es ist pure Glückseligkeit, die Schönheit des Winters zu genießen und eins mit der Natur zu sein, sich nicht um Termine oder unerledigte Aufgaben sorgen zu müssen. Ich bin immer der Letzte, der sich beklagt, wenn die Temperaturen auf unter minus 30 Grad fallen, aber vielleicht ist es auch gerade mein Drang, den heißen Gefilden zu entfliehen, der mich den großen kalten Norden so lieben lässt.

Ajay Kamalakaran (Indien) war von 2003 bis 2007 Herausgeber der Sachalin Times.

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