Alexandrow: Die Residenz des Schreckens

Foto: Robert Neu

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Er ist ein Superstar der russischen Geschichte: Iwan IV., der Schreckliche genannt. Während sein Name heute, fast 430 Jahre nach seinem Tod, immer noch in unseren Ohren klingt, ist seine heimliche Hauptstadt Alexandrow ein meist übersehener Ort am Goldenen Ring. Zu Unrecht, wie sich herausstellt.

Mit Verrat beginnt die Glanzzeit Alexandrows, mit Totschlag endet sie. Aber keine Angst: Die unsicheren Zeiten sind längst vergangen, Jahrhunderte später öffnet sich dem Reisenden eine lebendige Kleinstadt, mag er Hobbykriminologe, Historiker, Pilger oder einfach ein erholungssuchender Großstädter sein.

Ziemlich verdutzt müssen die Moskauer geschaut haben, als der Zar und Großfürst im Jahre 1564 seine Schlitten bepacken ließ und in das verschlafene Alexandrowa Sloboda, die Alexandersiedlung, aufbrach. Iwan der IV. fühlte sich von Adeligen und Gefolgsleuten verraten und bedroht.In dieser Lage entschloss er sich, Moskau den Rücken zu kehren und seine Residenz außerhalb zu errichten.

Alexandrow lebt bis heute vom Mythos der vergangenen Tage. Ein unscheinbarer Bahnhofsvorplatz erwartet den Reisenden; die Regionalbahn in die Gebietshauptstadt Wladimir benötigt wenige Stunden für die rund hundert Kilometer lange Fahrt. Angekommen führt es ihn über einen improvisierten Marktplatz direkt zur Hauptstraße Richtung Mariä-Entschlafens-Frauenkloster, auf dessen Territorium die ehemalige Zarenresidenz zu finden ist.


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Nach zehn Minuten gemütlichen Spaziergangs mit schönem Blick auf das kleine Flüsschen Seraja, ragen die weiß gekalkten Wehrtürme des Klosters empor. Eines der faszinierendsten Kapitel der russischen Geschichte wurde hier geschrieben. Bis heute beschäftigen die Schreckensherrschaft, das Talent und die grausame Leidenschaft Iwans Biografen, Filmschaffende und Künstler. Bald nach seiner Ankunft in Alexandrow strömten Moskauer aller Schichten ins damals schwer zugängliche Umland, um den Zaren zur Rückkehr zu bewegen.

Auch sie werden den Fluss überquert haben, das Radiokombinat und den Kulturpark hat es damals freilich noch nicht gegeben. Iwan kehrte zurück, aber siebzehn Jahre lang regierte er über seine Untertanen faktisch von hier aus. Das Kloster liegt auf einer Anhöhe, vielleicht hat der entflohene Zar seine Untertanen damals schon aus der Ferne kommen sehen.

Im heutigen Frauenkloster liegt der Geruch von Geschichte und Gebet in der Luft. Als Museumskomplex ist in diesen Mauern Besuch ausdrücklich erwünscht. Blumenbeete blühen im Innenhof – an die gewaltsamen Momente der Vergangenheit erinnert äußerlich nichts. Im Gegenteil: Liebevoll kümmern sich die Schwestern um Beete und Gemüsegarten, wohltuender Schatten lädt zum Verweilen ein.

Zu Iwans Zeiten wird es anders ausgesehen haben. Berittene Horden in furchteinflößenden Rüstungen strömten durch das Tor und terrorisierten Land und Leute. Sie ritten im Zeichen „des Hundes und des Besens“: Verfolgung und Säuberung waren die Schlagwörter der Opritschina.

Iwan baute eine allein ihm Rechenschaft schuldige, treue Streitmacht auf. Damit bezweckte er, die Hausmacht der Adligen zu brechen und seinen autokratischen Herrschaftsstil zu wahren. Hier in Alexandrow befinden wir uns auf seinen Spuren. So blutrünstig er war, der Schreckliche, das 16. Jahrhundert war in keinem Teil Europas friedlich – weniger Iwans Taten selbst als vielmehr das Ausmaß seiner Taten war erschreckend.

Nein, Iwan heiße er nicht, aber ich dürfe ihn gerne Iwan nennen, sagt Daniil, der mich am Imbissstand vor den Klostertüren angesprochen hat. Wir begeben uns ins Stadtzentrum und trinken im Café CCCP (UdSSR) einen Tee. Modernes Äußeres, sowjetischer Kern: Alte Fotos von Maiparaden und Komsomolzen auf dem Bau kontrastieren mit einer Innenausstattung, die sich in Las Vegas nicht verstecken bräuchte.

Die Geschichte ist Alexandrows größtes Faustpfand. Daniil alias Iwan berichtet vom Kleinstadtleben und dem täglichen Pendeln nach Moskau. Die Umgebung ist landwirtschaftlich geprägt, nur einige kleinere elektrische Betriebe gebe es noch. Immerhin hat er es zu bescheidenem Wohlstand gebracht und baut ein Haus.

Es ist Zeit, einen letzten Gang durch das historische Kleinod der Stadt zu unternehmen. Im Museum werden Exponate der russischen Alltagskultur des 19. Jahrhunderts ausgestellt, eine wundervolle Sammlung verschiedener Samoware befindet sich darunter.

Foto: Robert Neu

Doch ins Staunen gerät der Besucher beim Anblick von Iwans Elfenbeinthron. Stolz und erhaben stellt man sich den Herrscher darauf vor, wie er inmitten seiner Notabeln sitzt. Bedeutende Eroberungen wie Astrachan und Kazan sowie innenpolitische Reformen, die dem modernen Russland das Fundament legten, sind seine Hinterlassenschaft. In Alexandrow kommt man hautnah an die Orte, an denen sich Geschichte vollzog.

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