Alpha 09 träumt von der Championsliga

Das Kaliningrader Frauen-Team Alpha 09 arbeitet sich mit einem deutschen Trainer seit drei Jahren in der Liga steil nach oben. Foto: Pressebild

Das Kaliningrader Frauen-Team Alpha 09 arbeitet sich mit einem deutschen Trainer seit drei Jahren in der Liga steil nach oben. Foto: Pressebild

Frauenfußball wird in Russland immer populärer. Der Aufstieg der „Alpha-Ladies“ Kaliningrad steht beispielhaft dafür. Trainiert wird die Mannschaft von einem Deutschen.

Fußball hat Olga Bekrenewa schon gespielt, da war sie noch keine zehn. Wenn den Jungs im Hof mal jemand in der Mannschaft fehlte, sprang sie ein. Später traf sie sich auf dem Spielfeld beim Sportverein Lokomotive mit anderen Mädchen. Das alles ist noch gar nicht lange her, und es war kaum mehr als Kicken so zum Spaß.

Inzwischen ist die 24-Jährige auf dem Weg nach ganz oben: „Spätestens im übernächsten Jahr steigen wir in die russische Premier Liga auf, das ist unser Ziel", sagt sie selbstbewusst. „In fünf Jahren wollen wir zu den Top drei in Russland gehören und dann auch in der europäischen Champions League spielen."

Olga Bekrenewa ist Kapitänin von FK Alpha 09 Kaliningrad, einer der jüngsten und schon erfolgreichsten Frauenfußballmannschaften Russlands. Die Elf aus dem einstigen Königsberg legt gerade einen sagenhaften Aufstieg hin: Erst im September 2009 gegründet, spielt Alpha inzwischen in der zweithöchsten russischen Spielklasse, der Ersten Division, und wurde in ihrer Regionalzone West Zweiter. Beim Finalturnier im Herbst in Sotschi erkämpften die Kaliningraderinnen Rang acht.

 

Am Anfang war echter Straßenfußball: impulsiv und ehrgeizig

„Bei besserer Vorbereitung wäre noch mehr drin gewesen", sagt Stefan Lindemann. „Es war unser bisher größter Coup. Da kann man schon stolz sein. Aber im nächsten Jahr wollen wir das Finalturnier gewinnen, ganz klar." Der Deutsche hat am Aufstieg der Alpha-Frauen großen Anteil, er trainiert sie von Beginn an, formte sie zu einem Team. „Wo wir als Mannschaft heute spielerisch stehen, das haben wir Stefan zu verdanken", sagt Anastasia Kolomiets, auch in dieser Saison wieder Torschützenkönigin des Clubs.

„Für mich ist es ein Traumjob", sagt Lindemann selbst und lächelt. „Die Mädchen sind talentiert und spielen einen Top-Fußball, da können sich Männermannschaften noch was abgucken."

Zu seinem Posten kam der 46-Jährige eher zufällig. Lindemann, er lebt seit Anfang der 1990er Jahre in Kaliningrad, brachte eines Tages seinen Sohn zum Training im Verein Lokomotive, sah dort eine Frauenmannschaft spielen. „Das war echter Straßenfußball, impulsiv und ohne große Strategie, aber ehrgeizig und mit vollem Einsatz."

In Deutschland hatte er selbst viele Jahre aktiv Fußball gespielt, brachte es bis in die Verbandsliga Schleswig-Holsteins. „Ich hab eine Weile beim Spiel zugeschaut, wir kamen ins Gespräch, und plötzlich war ich Trainer", erzählt er.

 

Gleich in der ersten Saison Gebietsmeister

Mädchen, die Fußball spielen wollten in Kaliningrad, liefen bis dahin in den „Männerclubs" eher so nebenbei, wenn überhaupt. Um der Kickerei eine Form zu geben, gründeten sie im September 2009 den FK Alpha 09, von Beginn an ein reiner Frauenfußballverein.

Vorbild dieses Club war das System von Turbine Potsdam. Lindemann führte ein straffes Trainingssystem auf, viermal die Woche ging es auf den

Platz, dazu Taktik, Ausdauer. Erfolge ließen nicht lange auf sich warten, gleich die erste Saison schloss Alpha 09 als Gebietsmeister der Ostsee-Exklave ab. Im Finalturnier der Zweiten Liga in Anapa am Schwarzen Meer stürmten die Kaliningraderinnen im Jahr darauf bis ins Endspiel und verloren nur knapp. Zu Hause organisierte Lindemann ein Freundschaftsspiel gegen eine Verbandsliga- Auswahl vom Berlin. Russisch-deutscher Frauenfußball, die Szene horchte auf im sportvernarrten Kaliningrad: Die Ränge im großen Stadion des Zweitligisten „Baltika" füllten sich. Alpha gewann 1:0.

Zur schäumenden Siegesparty im Deutsch-Russischen Haus kam sogar der deutsche Generalkonsul, aus dem Spiel ist mittlerweile eine echte deutsch-russische Fußballfreundschaft mit den Berlinerinnen gewachsen. „Was die Politik nicht hinkriegt, im Sport klappt das", sagt Lindemann.

 

Auf dem Weg zum Profiteam?

Der deutsche Trainer und seine jungen Fußball-Ladies sind in Kaliningrad längst stadtbekannt. Der Klub zieht seine Planungen inzwischen professionell auf. Man hat Sponsoren gefunden, die die weiten Wege zu den Spielorten finanzieren. Manchmal sind es über tausend Kilometer bis zum Auswärtsspiel.

Für die nächste Saison will man zudem zwei U-18-Nationalspielerinnen verpflichten. „Wenn wir nach ganz oben aufsteigen wollen, geht das nicht anders", sagt Lindemann. Auch die Gründung einer Nachwuchsmannschaft für Mädchen von zwölf bis sechzehn ist geplant. „Das wird dann unser Double-Team."

 

Frauenfußball ist im Kommen

Die steile Karriere des FK Alpha 09 Kaliningrad könnte auch gut als Beispiel für den Aufschwung stehen, den der Frauenfußball in Russland gerade nimmt. Jahr für Jahr kommen Dutzende neue Mannschaften hinzu, es gibt mittlerweile vier Spielklassen von der Premierliga mit ihren derzeit acht Proficlubs bis hinunter zu den Stadt- und Gebietsmeisterschaften. In der Ersten Liga, in der Kaliningrad spielt, kämpfen 40 Teams in sechs Regionalzonen um Punkte.

Gewiss ist Frauenfußball immer noch etwas Exotisches in der Machowelt russischer Fußballstadien. Aber das Bild wandelt sich. „Wir wollen, dass man uns am Männerfußball misst", sagt Swetlana Schurawljowa, Direktorin des Spitzenclubs „Rossijanka" Krasnoarmejsk, kürzlich in einem Radiointerview. „Wir spielen in vielem sogar faszinierender als Männer. Frauenfußball ist klüger, wenn er auch manchmal unlogisch ist. Er ist wie ein Frau, oft einfach ein Rätsel."

 

Der Traum vom WM-Stadion

Einen Traum haben die Kaliningrader Fußballfrauen natürlich auch. „Einmal in unserem WM-Stadion spielen", meint Anastasija Kolomiets, „das wär's. Oder aber wenigstens als Zuschauerin dabei sein bei einem der Spiele."

Seit Herbst steht fest, dass Kaliningrad im Sommer 2018 zu den Ausrichterstädten der Fußballweltmeisterschaft in Russland gehören wird. Jetzt steht der Stadt ein beispielloser Bauboom bevor, für eine halbe Milliarde Euro soll ein ganzes Sportstädtchen aus dem Boden gestampft werden rings um das supermoderne WM-Stadion für 45.000 Zuschauer.

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