Weltpolitik am Scheideweg

Bild: Nijas Karim

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Unser Autor Fjodor Lukjanow vergleicht die Welt von heute mit der von vor Hundert Jahren. Die Erosion der Regeln und ein gleichsam in der Luft liegendes Gefühl der Gefahr, das ist es, was die Welt damals und heute eint, so sein Fazit.

Wer die UdSSR erlebt hat, weiß noch gut, dass stets das Jahr 1913 als Vergleich herangezogen wurde, wenn es darum ging, die immensen Fortschritte des Landes unter der Sowjetmacht zu demonstrieren. So sehr absurd diese Herangehensweise auch war, so figurierte das Jahr 1913 dabei nicht zufällig.

Denn 1913 befand sich das Russische Reich auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung, die bereits ein Jahr später durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen wurde. Und darauf folgten jene weiteren Erschütterungen, von denen wir uns bis heute nicht vollends erholt haben.

Doch nicht nur Russland geriet 1913 an den Rand des Abgrunds. Auf dem Balkan wurde bereits aktiv gekämpft, wenngleich zunächst nur lokal, ohne

direkte Einbeziehung der Großmächte. Doch der gewaltige Berg Reisig für ein großes Feuer war bereits aufgetürmt, es bedurfte lediglich noch eines Funkens. Die gerade gegründete Republik China erschütterten politische Morde, Umstürze und Aufstände.

In Mexiko wechselte die Macht innerhalb eines Jahres mehrere Male. In den USA wurde Woodrow Wilson als 28. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt. Wilson führte Amerika bald darauf in die globale Arena, als er entschied, in den europäischen Krieg einzugreifen. Nach Kriegsende schlug er eine liberale Weltordnung vor, mit der seinerzeit jedoch weder die Welt, noch sein eigenes Land etwas anzufangen wussten.

Im Vorfeld der feierlichen Amtseinführung des Präsidenten erlebte Washington eine gewaltige Demonstration der Suffragetten, die für die Emanzipation der Frauen stritten. Eine Aktion, die die erbitterten Gleichberechtigungskämpfe des 20. Jahrhunderts vorwegnahm. Amerikanische Truppen unter Führung von General John Pershing schlugen einen Aufstand auf den Philippinen grausam nieder, mehr als 2000 Menschen wurden getötet.

In Paris tagte 1913 der „Arabische Kongress", dessen Teilnehmer, arabische Nationalisten, über die Zukunft des Osmanischen Reiches debattierten. Mahatma Gandhi, der spätere Totengräber des British Empire, war zu jener Zeit als Jurist in Südafrika tätig und begann dort seinen Kampf für Bürgerrechte indem er sich an die Spitze einer Bewegung aus Indien eingewanderter Bergleute stellte.

Im Rückblick erscheinen viele Ereignisse prophetisch, doch damals vermochte kaum jemand abzusehen, wohin sich die Dinge entwickeln würden. Die Alte Welt war bemüht, das Herannahen der Katastrophe auszublenden, obwohl sich die Wolken bereits seit Ende des vorausgegangenen Jahrhunderts zusammengezogen hatten.

Auch heute, an der Schwelle des Jahres 2013, spüren wir, dass weitere Veränderungen auf uns zukommen. Allerdings können wir auch diesmal nicht vorhersagen, welche der künftigen Ereignisse der Geschichte eine neue Richtung geben werden.

2013 verheißt eine Fortsetzung des arabischen Frühlings, der immer konfusere Formen annimmt. Wenn vor 100 Jahren das Pulverfass auf dem Balkan stand, so befindet es sich heute im Nahen Osten. Der brutale Bürgerkrieg in Syrien geht weiter. Jordanien ist unmittelbar betroffen, ein Machtwechsel wird dort immer wahrscheinlicher. Das Palästina-Problem tritt in eine neue Phase, nachdem die Frage der realen Staatlichkeit im Grundsatz geregelt ist.

Ägypten konsolidiert sich unter der Herrschaft der Muslim-Brüder. Alles, was in diesem Land geschieht, trägt die Farben einer Konfrontation zwischen zwei Strömungen des Islam, der Sunniten und der Schiiten. Auch hier liegt die Parallele zum Balkan auf der Hand, denn auch dort wurden nationalistische Bestrebungen und die nationale Befreiungsbewegung stets reichlich mit religiösen Motiven angeheizt.

Doch der Nahe Osten wird heute genauso wenig zum Auslöser eines Weltkriegs wie der Balkon vor 100 Jahren. Das Paradoxon besteht darin, dass bei aller Explosivität der Lage im Nahen Osten die Hauptlinie der geopolitischen Spannung nicht hier, sondern in Ostasien und der Pazifik-Region verläuft.

Die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und China bestimmen die Perspektiven der weltweiten Stabilität. Diese beiden größten Weltmächte befinden sich in einer eigentümlichen Symbiose, die politischer Natur ist, allmählich jedoch auch, bei permanenter wechselseitiger finanziell-ökonomischer Abhängigkeit, zur militärischen Konkurrenz wird.

Allerdings ist ein Weltkrieg unwahrscheinlich. Die Atomwaffen, jene todbringende Erfindung des vergangenen Jahrhunderts, zwingen die Politiker dazu, ernsthafter über die Konsequenzen ihres Handelns nachzudenken, als dies 1913-1914 der Fall war. Zwar sind die Bedrohungen des Jahres 2013 vielgestaltiger und diffuser als 1913, doch gewisse Lehren hat die Welt aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts immerhin gezogen.

Die Erosion der Regeln und ein gleichsam in der Luft liegendes Gefühl der Gefahr, das ist es, was die Welt damals und heute eint. Ebenso wie die Neigung, nicht glauben zu wollen, dass etwas Nichtwiedergutzumachendes geschehen könnte.

An einem der letzten Dezembertage des Jahres 1913 schrieb Rainer Maria Rilke aus Paris an einen österreichischen Freund, die Quintessenz seiner Wünsche nicht nur für das Jahr 1914, sondern auch für alle weiteren, sei Ruhe und ein beschauliches Leben mit vertrauten Menschen auf dem Lande. Bis zu jenem Weltkrieg, der das gute alte Europa vernichtete, blieben da weniger als acht Monate.

Fjodor Lukjanow ist Chefredakteur der Zeitschrift „Russia in Global Affairs" und Vorsitzender des Präsidiums des russischen Rates für Außen- und Verteidigungspolitik.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Global Affairs.

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