Stirbt das Arbeitsbuch angesichts der wachsender Arbeitskräftemobilität?

Arbeitsbücher könnten in Russland bald abgeschafft werden. Foto: ITAR-TASS

Arbeitsbücher könnten in Russland bald abgeschafft werden. Foto: ITAR-TASS

Der Wechsel von Beschäftigungsverhältnissen greift ums sich. Ist das Arbeitsbuch bald nur noch Relikt der sowjetischen Ära?

Wie das russische Statistikamt Rosstat ermittelt hat, wechseln Russen ihren Arbeitsplatz inzwischen häufiger als ihre europäischen Pendants. Elf Prozent der Beschäftigten geben ihre Arbeitsstelle schon innerhalb des ersten Jahres auf und suchen sich eine neue Aufgabe; rund 700 000 Angestellte und Arbeiter wechseln ihren Arbeitsplatz sogar schon im ersten Monat.

Dieser Trend zum häufigen Wechsel des Arbeitsverhältnisses - die Mobilität - bricht sich in allen entwickelten Ländern Bahn und hat nun auch Russland erreicht. Noch in der Sowjetzeit hieß es, dass der häufige Arbeitsplatzwechsel etwas Schlechtes sei. Menschen, die ihren Unternehmen oft wechselten, wurden als Nomaden abgestempelt, in Karikaturen verspottet und öffentlicher Verurteilung preisgegeben.

Der Soziologe Sachar Gotowzew sieht die neue Entwicklung positiv: „Russland ist ein Land mit einem recht traditionalistischen Lebensstil.

Deswegen ist es begrüßenswert, wenn sich die Russen allmählich der sowjetischen Stereotypen entledigen und sich für eine Arbeit entscheiden, die ihnen persönlich gefällt, statt für eine Stelle, die ihnen von der Partei, der Regierung oder irgendeiner anderen Behörde zugewiesen wird." Nikita Maslennikow, Berater am Institut für moderne Entwicklung (INSOR) Moskau, erkennt in der wachsenden Arbeitskräftemobilität den wirtschaftlichen Trend zu innovativen Branchen:„Die Menschen versuchen, körperlich schwere, eintönige und unterbezahlte Arbeit durch attraktivere, qualifiziertere oder geistig herausfordernde Tätigkeiten zu ersetzen, wodurch die Entwicklung von Branchen, die Produkte mit höherer Wertschöpfung erzeugen, gefördert wird." Ihm zufolge wechseln die Arbeitskräfte, die früher in der Landwirtschaft sowie in der Verarbeitenden Industrie Beschäftigung fanden, in den Dienstleistungs- oder Hightech-Sektor.

Was Maslennikow lobt, beobachten andere Experten mit Sorge, da in bestimmten Branchen, vor allem in den arbeitsintensiven, die immer noch einen wesentlichen Teil der Wirtschaft Russlands ausmachen, die Arbeitskräfte knapp werden. Der Analyst Timofei Schatskich konstatiert: „Der Arbeitskräftebedarf in der Landwirtschaft und der Verarbeitenden Industrie ist heutzutage sehr hoch. Hochqualifizierte Spezialisten sind in diesen Sektoren rar und deswegen äußerst begehrt."

Personen, die oftmals den Arbeitgeber wechseln, können nicht die erforderlichen Kompetenzen entwickeln, um in einer spezifischen Branche Karriere zu machen. Deshalb seien Arbeitgeber zunehmend gezwungen, auch Bewerber zu akzeptieren, die nicht über die adäquaten Qualifikationen verfügen. „Es kommt auch immer häufiger vor, dass ein Arbeitgeber jemanden entlassen muss, weil der Betreffende nicht den Anforderungen gerecht wird. Das ist auch ein Grund für die hohe Personalfluktuation", meint Schatskich.

Irina Makejewa, Leiterin der Personalabteilung von Norilsk Nickel, beschränkt das Problem auf die Facharbeiter: "Es ist in vielen Fällen schwieriger, Produktionsfacharbeiter mit angemessener Erfahrung zu finden als etwa Büropersonal, und sobald das Unternehmen geeignete Kandidaten entdeckt hat, bemühe wir uns sehr, sie zufriedenzustellen." Infolgedessen könne von einer Fluktuation von Produktionsmitarbeitern im Konzern nicht gesprochen werden.

 

Vom Arbeitsbuch zum Lebenslauf

Obwohl viele Personalabteilungen ihre Not mit der Rekrutierung qualifizierter Mitarbeiter haben, reagieren sie positiv auf neuere Gerüchte, dass die russische Regierung die Arbeitsbücher abschaffen könnte. Das Arbeitsbuch ist ein Relikt aus der Sowjetära, in dem die Berufsgeschichte eines Erwerbstätigen einschließlich seiner Ausbildung, seiner Kompetenzen und seiner Beschäftigungsdauer minutiös festgehalten wird.

Gotowzew glaubt, dass getrost auf Arbeitsbücher verzichtet werden kann: „Natürlich entsteht früher oder später das Erfordernis, die Glaubwürdigkeit der von einem Angestellten in den Bewerbungsunterlagen vorgelegten Details zu überprüfen. Aber dieses Problem ist schon heute relevant, denn ein Arbeitsbuch ist keine Röntgenaufnahme und kann noch dazu leicht gefälscht werden aus. Daher überprüfen immer mehr Firmen ihre Bewerber zusätzlich. Durch die Abschaffung der Arbeitsbücher werden die Referenzen und allgemeinen sozialen Persönlichkeitsmerkmale höheres Gewicht erlangen. Das wäre kein Nachteil." Den Personen, die sich als Fachkräfte ausgeben, aber keine sind, würde es schwerer fallen, eine hochqualifizierte Arbeit mit einem attraktiven Gehalt zu finden, wenn sie sich auf keine Referenzen berufen können, meint Gotowzew.

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