Welche deutschen Bücher lesen die Russen?

Die Vergangenheitsbewältigung bleibt ein aktuelles Thema in deutscher sowie in russischer Literatur.  Foto: RIA Novosti

Die Vergangenheitsbewältigung bleibt ein aktuelles Thema in deutscher sowie in russischer Literatur. Foto: RIA Novosti

Das Portal litrix.de empfiehlt russischen Verlagen deutsche Bücher. Themen von gemeinsamen Interesse, von Vergangenheitsbewältigung über Wiedervereinigung zur Völkerverständigung, gibt es ausreichend.

Maria Sorkaja erinnert sich: „Ich war 20, zum ersten Mal in Berlin, Hauptstadt der DDR. Ich stand vor dem Brandenburger Tor, schaute durch das Tor in Richtung Westen und dachte: Dort werde ich niemals sein."

37 Jahre später: Prof. Maria Sorkaja ist eine renommierte Übersetzerin der deutschen Literatur ins Russische und reist regelmäßig nach Deutschland. Die deutsche Wiedervereinigung ist ein wichtiges Thema in der Literatur und wird es ihrer Überzeugung nach auch noch lange bleiben.

 

„Ähnliche Gefühle bei Deutschen und Russen"

„Die Wiedervereinigung als literarisches Thema ruft bei vielen Deutschen und Russen ähnliche Gefühle hervor", sagt die Moskauer Professorin für Literatur und denkt dabei an die ‚Ostalgie' im Osten des heutigen Deutschlands und die Phantomschmerzen vieler Sowjet-Nostalgiker im postsowjetischen Russland.

Der aktuelle Anlass für unser Gespräch ist das Projekt des Portals litrix.de,

das der deutschen Gegenwartsliteratur den Weg nach Russland bahnen soll. Dazu hat eine deutsche Jury Bücher vorgeschlagen, die ihrer Ansicht nach für russische Leser besonders interessant sind. Die russische Jury, zu der auch Sorkaja gehört, stellt aus den Vorschlägen eine „Short List" zusammen, die anschließend russischen Verlagen zur Veröffentlichung empfohlen wird. Auf der Buchmesse non/fiction im Dezember 2012 in Moskau wurde das litrix-Projekt heiß diskutiert. Die deutschen Partner hätten bei ihrer Wahl zu viel Wert auf den „Russland-Bezug" der jeweiligen Bücher gelegt, meinte die Moskauer Jury.

Besonders negativ fiel dabei das Buch „Moskaus Macht und Musen – Hinter russischen Fassaden" der Russland-Korrespondentin Kerstin Holm auf, das laut Sorkaja längst überholte Vorstellungen von Moskau und Russland aufgreife. „Wenn das Ziel des Projekts darin besteht, unsere Völker einander näher zu bringen, wozu soll dann ein solches Buch übersetzt werden?"

Gelungen hingegen sei das Buch „Melitta von Stauffenberg. Ein deutsches Leben" von Thomas Medicus. Es erzählt vom Leben einer Frau, Enkelin eines nach Deutschland ausgewanderten Juden aus Odessa, die den Bruder des Hitler-Attentäters Claus von Stauffenberg heiratete und zugleich zu einer hoch dekorierten Testfliegerin im Dienste der Nazi-Luftwaffe wurde.

 

Deutsches Thema „Vergangenheitsbewältigung"

Vergangenheitsbewältigung ist ein weiteres Thema, das sowohl für Deutschland als auch für Russland aktuell bleibt: ein Mensch, der in einem totalitären Regime lebt und sich daran auf diese oder jene Weise beteiligt.

Historisches Schuldgefühl, Vergangenheitsbewältigung, Mitverantwortung sind bezeichnende Begriffe für das Deutschland der Nachkriegszeit. So auch für die Literatur. Das zeigt etwa „Der Vorleser" von Bernhard Schlink, einer der größten Welterfolge der deutschen Belletristik der letzten Jahre. „Bücher wie ‚Der Vorleser' oder ‚Selbstjustiz' würde ich allen empfehlen", sagt Sorkaja.

Neben Schlink wurden Heinrich Böll, Günter Grass und Siegfried Lenz ins Russische übersetzt. Die Übersetzungen dieser Autoren beeinflussten das Kulturleben der Sowjetunion der Chruschtschow- und der Breschnew-Epoche ganz massiv. Während es in diesen Büchern um Vergangenheitsbewältigung ging, trugen sie zugleich immens zur Völkerversöhnung nach dem Krieg bei. Ihre Auflagen gingen in die Millionen.

Die Zeit von Chruschtschow und Breschnew war auch die Zeit des Aufblühens einer ganz spezifischen deutschsprachigen Literatur: der Literatur des „ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden". Bei all ihrer Spezifik hat die DDR-Literatur herausragende Autoren hervorgebracht, die auch in Sowjetrussland gern gelesen wurden, beispielsweise Anna Seghers, Christa Wolf, Günter de Bruyn oder Ulrich Plenzdorf.

 

„Texte von allen und jedem"

Heutzutage werden Texte anders geschrieben und auch anders gelesen. Sorkaja begegnet diesen Prozessen mit traurigem Kopfschütteln. Die literarische Landschaft der Gegenwart ist nach Ansicht der Expertin sowohl in Deutschland als auch in Russland von Schreibwütigen geprägt. Sie diagnostiziert einen „Verfall der Textkultur". Dank dem Computer „werden heute Texte von allen und jedem produziert", stellt sie fest.

Außerdem sei es heute „überhaupt kein Problem mehr", ein Buch herauszugeben. „Die meisten Autoren feilen gar nicht mehr an ihren Texten. Sie wissen ja gar nicht, was die Begriffe ‚Komposition', ‚Szenenwechsel' oder ‚Satzbau' bedeuten. Sie kennen nur das ‚Ich' und wollen darüber schreiben. Dabei wissen die meisten herzlich wenig über die Welt und die Menschen um sie herum", klagt Sorkaja.

Eine weitere Folge des Dilettantismus sei auch der künstlerische Verfall des Übersetzens. Sorkaja vertritt eine der wenigen Hochburgen, die diese Kunst schützen wollen: die Literaturhochschule in Moskau. Diese ist eine 1933 auf Anregung Maxim Gorkis gegründete Bildungseinrichtung und weltweit die einzige ihrer Art. Hier werden Schriftsteller, Lyriker und auch Übersetzer von Belletristik ausgebildet.

Maria Sorkaja, Professorin an dieser Hochschule, stellt mit Stolz fest, dass aus dieser Bildungsstätte „exzellente, herausragende Übersetzer" hervorgehen. Jedoch könnten die wenigsten von ihnen wegen der kläglichen Übersetzer-Honorare ihr Talent entfalten und davon leben. Das litrix-Projekt sei Dank seines Etats einer der wenigen Rettungsringe, mit denen sich einige Literatur-Übersetzer halbwegs über Wasser halten könnten, so die Professorin.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei RIA Novosti.

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