Von Russen lernen heißt Skepsis lernen

Eine der wesentlichen Merkmale der Auslandsberichterstattung in Europa ist die Schwarz-Weiß-Malerei, ist unser Kolumnist Der Eulenspiegel überzeugt.

Was soll ich davon halten? Unter der Führung Frankreichs kämpft der Westen gegen Islamisten in Mali.

Ich dachte immer, wir unterstützen die? Zumindest hat der Westen das doch immer getan, von Afghanistan in der 1980ern über Bosnien bis heute,

in Libyen, Ägypten und Syrien. Und das, obwohl sie bei uns Bomben schmeißen... Natürlich unterstützen wir sie nicht als religiöse Fundamentalisten, sondern als demokratische Freiheitskämpfer und müssen offiziell so tun, als ob wir nicht wüssten, dass sich der eine hinter dem anderen versteckt.

Als interessierter Beobachter hier in Europa hat man ja kaum eine Chance, die verworrenen Konflikte anderswo zu durchschauen. Nur wenige sind in der Lage, Schilderungen der Medien mit eigener Erfahrung abzugleichen. Solche Menschen fragen sich, in wieweit wir den offiziellen Statements und den Medien überhaupt noch trauen können. Mir geht es so mit der Russland-Berichterstattung. Da ich hier vergleichen kann, schätze ich sie nicht nur als mangelhaft ein, sondern auch als einseitig. Nicht, dass die Fakten durch die Bank falsch wären, aber ihre Auswahl und ihre Deutung zeichnen ein Bild, das nicht nur unzutreffend ist, sondern bestimmte Interessen bedient.

Wer diese Erfahrung gemacht hat, der beginnt zu zweifeln an den Berichten über Konflikte in der weiten Welt. Eine der wesentlichen Merkmale der Auslandsberichterstattung ist normalerweise die Schwarz-Weiß-Malerei. Da sind auf der einen Seite die Bösen, blutrünstige Diktatoren, die sich auf Kosten des Volkes bereichern und jeden zaghaften Ansatz einer Lockerung gnadenlos niederschlagen.

Auf der anderen Seite stehen die strahlenden Helden, selbstlose Kämpfer für Freiheit und Demokratie. Man muss kein Experte für internationale Politik sein, um zu ahnen, dass es so einfach nicht ist. Wichtige Fragen bleiben häufig unbeantwortet, Fragen wie „wer steht hinter den Parteien?", „wer profitiert vom Status quo, wer von einem Umsturz?", „was für eine Gesellschaft wollen die Rebellen?", „Welche Rolle spielen Bodenschätze und andere Ressourcen?".

Und wenn es darauf Antworten gibt, dann wieder nur solche, die das Schwarz-Weiß-Schema stützen. Natürlich sind die Bösen mit anderen Bösen im Bunde, während die Guten nur für sich selbst und für die Freiheit stehen. Nur Bösewichte sind auf Öl und seltene Erden scharf, und nur sie foltern und vergewaltigen.

Im Fall Mali scheint die Berichterstattung anders zu sein, differenzierter. Und ich habe das Gefühl, als wäre dieser Feldzug einmal tatsächlich in unserem, europäischen Interesse. Na gut, vor allem im französischen, aber das sind ja unsere Nachbarn, und unter Nachbarn hilft man sich. Ja, und es geht um Uran, das wird auch gesagt. Aber warum nicht, sollen wir das Zeug etwa den Taliban überlassen? Damit sie damit Bomben basteln? Oder sollte ich vielleicht doch auch hier skeptisch sein mit meiner Lagebeurteilung, nach all den schlechten Erfahrungen? Oder ist der Fall einfach so gelagert, dass keine Notwendigkeit besteht, aus Terroristen Engel zu machen? Die ungeschönten Fakten rufen im Westen ja ohnehin die „richtige" Reaktion hervor. Oder, oder, oder...

Ich habe es häufig bei Russen beobachtet, die im Westen leben und hier die Medien konsumieren: sie haben den Glauben in unsere vierte Gewalt verloren. Vor allem auf dem Feld der Außenpolitik.

Das begann mit dem Jugoslawienkrieg. Die Russen, die traditionell mit den orthodoxen Serben sympathisieren, machten Einseitigkeit aus und die spätere Entwicklung gab ihnen in vielen Punkten Recht. Die westlichen Medien hatten die Gräueltaten der Serben krass übertrieben, die der anderen Parteien verniedlicht.

Das wird dann in Beziehung gesetzt zu der verzerrten Berichterstattung über Russland, und so höre ich immer wieder den Verdacht, dass alle Dissidenten und Rebellen dieser Welt Schurken sind. Vor allem, wenn sie in den Westmedien gelobt werden. Was die Machthaber angeht, sind die Russen skeptischer. Dass sie die vom Westen gepäppelte Opposition in ihrem eigenen Land kritisch sehen, heißt nicht, dass sie deshalb loyale Anhänger der Regierung sind. Dieser differenzierte Blick wird auch auf das Ausland übertragen. Zum Beispiel: man misstraut den Regimekritikern in China („von Amerika bezahlt") aber man ist deswegen nicht unbedingt ein Fan der KP Chinas.

Diese Skepsis ist aus meiner Sicht eine besondere Form politischer Reife. Sie hatte sich schon in der Sowjetunion herausgebildet. In den späten 1980er Jahren zweifelten die Russen an allem, was die Partei als offizielle Linie vorgab. Dafür hielten sie den Westen für die Quelle aller Wahrheit. Das gab sich schnell in den Jahren unter Boris Jelzin, als Amerika und Europa das Land in den Augen vieler Russen ausplünderten und verrieten.

Heute halten sich Desillusion in punkto Westen und Misstrauen gegenüber der eigenen Regierung die Waage. Das führt nicht selten zu Pauschalurteilen à la „Westmedien lügen noch schlimmer als unsere" .Aber ist diese Skepsis nicht allemal besser als das blinde Vertrauen, das aufgeklärte Menschen im Westen trotz ihrer „kritischen Grundhaltung" den eigenen Autoritäten entgegenbringen? "Wenn mir der Nachrichtensprecher und der Außenminister versichern, dass in der syrischen Opposition nur brave Demokraten und keine Taliban kämpfen, dann muss das doch wahr sein..." Ein Russe hätte darauf schon eine Antwort. Nur: was soll ich jetzt von Mali halten?

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland