Unter Dampf

Die Sandunowskije Banji  ist ein berühmtes Moskauer Dampf Bad. Foto: RIA Novosti

Die Sandunowskije Banji ist ein berühmtes Moskauer Dampf Bad. Foto: RIA Novosti

Im Dampfbad gibt es keine Generäle, sagen die Russen. Die Kolumnistin von "Russland HEUTE" erzählt über die russische Art des Badens.

Um dem Alltagsstress zu entfliehen und gleichzeitig etwas für Leib und Seele zu tun, ziehe ich mich oft an einen meiner Lieblingsorte in Moskau, ja in ganz Russland zurück. Da kann man ungezwungen tun und lassen, was man will und dort sind wirklich alle gleich. Darauf wird jeder noch einmal am Eingang hingewiesen: V banje generalov net! (Im Dampfbad, also in der Banja gibt es keine Generäle!) Blanke Demokratie eben. Das, wovon alle reden, aber wohl noch keiner auf dieser Welt gesehen hat. Es scheint allen nur so.

Badefreuden ungetrübt. Die Sandunowskije Banji sind inzwischen 117 Jahre alt, was man ihnen nicht ansieht. Nach anderen Angaben sind sie sogar noch älter, aber da scheiden sich die Geister. Im Jahre 1996 wurden sie zum hundertsten Geburtstag liebevoll und aufwendig renoviert. Bei einem ausgedehnten Abendessen mit den Inhabern im zur Banja gehörenden ebenso prunkvollen Restaurant zeigten sie mir Videoaufnahmen von den Restaurierungsarbeiten und führten mich anschließend durch alle drei Männerabteilungen und die für Einsiedler mietbaren Minibanjas, die Damenbäder kenne ich ja in- und auswendig. Jeder kann wählen, ob er mehr oder weniger prunkvoll, komfortabel und teuer oder sehr teuer schwitzen möchte. In einer Minibanja wurde übrigens für das Roadmovie zum Russlandalbum von Helmut Lotti gedreht. Ich glaube, es hat ihm dort auch sehr gut gefallen. Nur peitschen lassen wollte er sich partout nicht.

Aber um auf den 100. Geburtstag der Sandunyi, so werden die Bäder von den Banjafreaks kurz und bündig genannt, zurückzukommen, zum Jubiläum hatten sich die Eigentümer ein besonderes Bonbon für die Besucher ausgedacht. An diesem Tage konnte man kostenlos die Banja besuchen. Das hatte sich sehr schnell herumgesprochen, so dass ab dem frühen Morgen eine dicke, breite und endlos lange Schlange vor den Türen stand. Um sie abzuarbeiten, hätte wahrscheinlich ein ganzer Monat nicht gereicht. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt und die Menschen harrten geduldig in der Schlange aus. So ein Banjabesuch ist nicht gerade billig und da gibt man bei einem Gratisangebot nicht so schnell auf.

1996 wehte nämlich ein raues Lüftchen in Russland. Der kranke Jelzin schickte sich an, eine zweite Amtsperiode stemmen zu wollen, verdammt dazu von der sogenannten Kremlfamilie, die natürlich nicht daran interessiert war, die fetten Pfründe zu teilen oder gar zu verlieren. Und alle, die unter seinem Deckmantel ihr eigenes trübes Süppchen kochten, unterstützten ihn stimmgewaltig und mit allen Mitteln. Einer davon, klein von Wuchs und mit einem smarten Ledermützchen auf dem kugelrunden Kopf (der damalige Moskauer Oberbürgermeister Luschkow), schrie sich die Seele aus dem Leib, um die angetretene Masse von potenziellen Wählern mit „Jelzin! Rossija! Jelzin! Rossija!" in die gewünschte Richtung zu treiben. Gott, wie wurde da gelogen! Kennen wir ja auch irgendwoher, von wegen blühende Landschaften und so.

Jelzin stellte man trotz seiner schweren Krankheit als fit und arbeitsfähig hin, zeigte ihn hin und wieder vor der Kamera, um ihn ein paar Sätze, die ewig lange aus ihm heraus tröpfelten, sagen zu lassen. Danach verschwand er wieder für längere Zeit im Kremlkrankenhaus oder auf einer der vielen Regierungsdatschas. Dem geduldigen Volke teilte man lakonisch mit, Präsident Jelzin arbeite „mit den Dokumenten", wie hier alle von höchster Stelle voll geschriebenen Blätter offiziell heißen.

Tatsächlich war es der Kremlfamilie noch einmal gelungen, ihn auf den Thron zu hieven. Wie heißt es doch so schön: wichtig ist nicht, wie man wählt, wichtig ist, wie man zählt. Darüber weiß übrigens George Busch jr. ebenfalls bestens Bescheid. Er hatte seinen Gegner Al Gore ordentlich über den Löffel balbiert, aus den gleichen Gründen wie überall: an der Macht bleiben, die Pfründe behalten.

Also, in dieser turbulenten Zeit, wo die Massen auf der einen Seite im freien Fall lebten, keine Kinder geboren wurden (von 10 Schwangerschaften wurden 8 abgetrieben und von den 2 Neugeborenen kam eines ins Kinderheim), Renten und Löhne nicht gezahlt wurden, die Wirtschaft vollends den Bach runterging und andererseits die kriminelle Anhäufung von Kapital mit Siebenmeilenstiefeln voranschritt (ist übrigens nichts bedenkliches, Marx schreibt dazu ausführlich. In England z.B. passierte das vor rund 200 Jahren. Da dachten sich die pfiffigen Jungs aus Komsomol- und ähnlichen Kreisen, lieber spät als nie!), beschlossen einige Babuschkas, auch ein kleines Geschäft zu machen. Sie stellten sich mitten in der Nacht vor den Sandunyi an und verkauften dann ihre Plätze an die hoffnungslos hinten Stehenden. Reißender Absatz war ihnen garantiert. Ist doch pfiffig, oder?

Die Wendigkeit der Russen bewundere ich, sie haben immer noch nebenbei „was zu laufen". Die bitterste Strafe, die einen Russen treffen kann, zu Sowjetzeiten war es ganz genau so, lautet: du sollst nur von deinem Gehalte leben müssen! Oder kann man sich in Westeuropa wirklich vorstellen, dass ganze Familien ohne Lohn ein halbes Jahr und länger auskommen mussten, keine Sozialleistungen erhielten und trotzdem nicht verhungerten oder abgerissen herumliefen? Wie haben sie das gemacht? Sie können es nicht eindeutig beantworten, sagen nur trocken: irgendwie ging's schon.

Nach dem Rubelcrash am 17. August 1998 (früh kostete ein US $ noch 6 Rubel, abends 22, peng!) sanken natürlich auch die Besucherzahlen in den Sandunyi. Die Bäder konnten sich aber über Wasser halten und mussten nicht schließen, und heute sind sie gut besucht, obwohl, wie schon gesagt, nicht billig. Der Eintrittspreis ist ja nur die eine Seite der Medaille, wer sich noch vom Banchik, dem Bademeister sozusagen, bei den Frauen ist es natürlich eine Banchiza, mal richtig waschen lassen will oder mit Birken- oder Eichenbesen gehauen werden möchte, muss schon einige Rübelchen hinblättern. Friseur, Maniküre und Pediküre kosten nahezu astronomische Summen. Auch große Laken, Badelatschen und Filzhütchen, um dem Kopf zu schützen, müssen, soweit nicht selbst mitgebracht, gemietet werden.

Frauen und Männer schwitzen in den Sandunyi getrennt, keine schlechte Variante übrigens. In den anderen Banjas und Saunen der Stadt muss man immer gleich die ganze Sauna mieten, heißt also, eine ganze Schar von Mitschwitzern zusammentrommeln, damit es für den Geldbeutel verträglich ist. Viele dieser Einrichtungen sind schlicht und einfach Puffs. Da kommen dann „rein zufällig" zu einer Männerrunde ein paar einsame Bordsteinschwalben und versüßen den Herren den Aufenthalt. Oder sie bringen sie selbst mit. Richtige Männer zeichnen sich eben hier auch dadurch aus, dass sie sich mit blutjungen Nutten in Banjas amüsieren und nicht, wie einige wenige Schlappschwänze, mit ihren eigenen Frauen dahin gehen. Soll fürs Herz nicht so gut sein, in Saunen und Banjas hochprozentigen Alkohol zu trinken und sich körperlich zu verausgaben.

Ich beobachte mit großem Vergnügen, wie jeder so seine eigene Banjaphilosophie entwickelt und sie mit cleveren Argumenten verteidigt. Das müsste in der Politik mal so zugehen, wäre das eine Freude. Jede bringt sich ihr eigenes Schönheitselixier mit. Während ich auf Kaffeesatz mit fettiger Sahne vermischt als Körpermaske und Peeling in einem stehe, bevorzugen andere gemahlenen Mais mit Honig oder Schlamm aus dem Toten Meer. Aber das kommt erst nach mehreren Gängen in den Schwitzraum alles zum Einsatz, wenn auch die letzte Pore offen ist. Vorher lässt man sich im heißen Dampfe sitzend so allerhand durch den Kopf gehen. In Banjas und Saunen wird übrigens auch Politik gemacht. Es heißt ja hier nicht umsonst, wenn einer eine steile Karriere macht oder schnell superreich wird, dass er zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Banja saß.

Es ist ein nahezu masochistisches Vergnügen, beim Dampfmachen schon im Schwitzraum auf dem Fußboden, in ein großes Laken eingewickelt, zu liegen und die steigende Temperatur und den heißen Dampf zu genießen. Man schält sich dann langsam aus dem Laken und sitzt aufrecht, bis es nicht mehr geht. Anschließend ins Eisfass, dann in das Schwimmbecken, dann den vorsorglich in kaltem und dann in heißem Wasser eingeweichten Birkenstrauß, oder Besen, wie es hier heißt, schnappen und wieder rein und sich ordentlich damit gehauen, ähnlich wie die Mönche bei der Kasteiung. Tut nur nicht so weh, hinterlässt keine Spuren und vertreibt Verspannungen, fördert die Durchblutung, macht einfach schön. Die Finnen sagen nicht umsonst, dass die Frau eine Stunde nach der Sauna oder Banja am schönsten sei.

Es grenzt wirklich an ein Wunder, dass 15-20 Frauen im Schwitzraum sitzen und es fällt kein einziges Wort. Quatschen stört beim Schwitzen und Nachdenken. Der leiste Versuch, sich flüsternd zu unterhalten, manche können es eben nicht lassen, wird nieder gezischt. Es ist eben ein Schweigeparlament mit strengen Gesetzen. Demokratie halt, weil sich diese durch strenge Gesetze und disziplinierte Einhaltung auszeichnet, die Minderheit unterwirft sich der Mehrheit.

Blitzsauber, erfrischt und ein wenig schlapp wird im Restaurant der Banja ein Bier gezischt und dann zu Hause ausgiebig Mittagsschlaf gehalten. Ein Miniurlaub, unvergleichlich heilsam für Körper und Seele.

Mit der Demokratie in den Sandunow Bädern hat es trotzdem einen Haken. Die Banjas für die Herren der Schöpfung sind viel prunkvoller als die für die Frauen. Sollen wir ihnen das durchgehen lassen?

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland