Sind Namen Schall und Rauch?

Unsere Bloggerin Adele Sauer erzählt über die russische Kosenamen und Vaternamen.

Daheim in Deutschland rollt die Welle der abstrusen Namen noch immer mit voller Wucht durch die Köpfe der jungen Eltern, doppelte Doppelnamen und exotischste Kombinationen werden den unschuldigen Kleinen angetan.

Hier in Russland ist man da eher noch traditionell, alte russische Vornamen haben wieder mal Konjunktur. Aber auch hier sind Wellen zu verzeichnen Vor ungefähr 10 Jahren kam es zu Ballungen von Anastasijas, jetzt hat gerade Sophie die Nase vorn. Aber auch schöne alte Namen kommen wieder in Mode, wie zum Beispiel Marfa, Warwara, Praskowja, Kirill, Artjom oder Arseni

Die russischen Namen haben eine Besonderheit – sie haben mehrere Koseformen. Anastasija zum Beispiel wird meistens Nastja genannt, Sophie Sonja. Das sind in Deutschland schon eigenständige Namen. Das ist für Russen nur schwer verständlich. Mein Neffe heißt Sascha, obwohl das die Koseform von Alexander ist. Auch die Alexandra kann Sascha genannt werden, aber auch Schura oder Schurotschka, der Junge hingegen Schurik.

Wladimir geht als Wolodja, Wowa, Wowtschik, Wowan und mehr durch. Die Koseformen sind nun wieder für Ausländer eine harte Nuss. Wie kann denn ein Name so viele verschiedene Formen haben!

Die höflichste Form der Anrede ist die volle Nennung des Vor- und Vatersnamens. Jeder Russe und jede Russin haben einen Vatersnamen, d.h., der Vorname ihres Vaters wird in abgewandelter Form dem eigenen hinzu gesellt. Wenn also zum Beispiel ein Pjotr, der auch Petja heißen kann im Freundeskreis, Vater eines Sohnes wird, so heißt der Sohn mit Vatersnamen Petrowitsch, Sohn des Pjotr. Heißt er zum Beispiel mit Vornamen Iwan, so wird aus ihm Iwan Petrowitsch. Wird eine Tochter geboren, die er Irina nennt, heißt sie dann Irina Petrowna.

Da muss man bei der Wahl des Vornamens also auch noch schauen, ob der gewählte Name zum Vatersnamen passt. Ein Glück, dass es in Deutschland keinen Vatersnamen gibt. Unvorstellbar, wie der Sohn von Tyrell Noe Don Tamino dann heißen würde.

Vertraute und Verwandte nennen sich manchmal auch beim Vatersnamen, aber erst im reiferen Alter. Da kommt der eigentliche Vorname dann nur in offiziellen Papieren vor.

Die Kinder sprechen ihre Lehrer mit Vor- und Vatersnamen an, Vorgesetzte, offizielle Persönlichkeiten werden auch so angesprochen. Das bei uns übliche Herr und Frau in Verbindung mit dem Familiennamen löst hier eher Heiterkeit aus. Das stammt noch von vor 1917 und ist in der Sowjetzeit total untergegangen. Herren gab es nicht mehr, alle waren zu Knechten glatt gebügelt worden.

Ich musste bei meinem Teilstudium auch ein Schulpraktikum absolvieren. Die Kinder haben sich köstlich über unsere seltsamen Vatersnamen amüsiert. Ich hieß Martina Wernerowna. Franzewna, Chainzewna, Gansowna usw. hatten wir im Angebot. Aus Hein wurde Chainz und aus Hans Gans, weil es im Russischen kein H gibt. Viele Jahre später, als ich in einer russischen Nachrichtenagentur tätig war, hatte mir die Buchhaltung einfach einen Vatersnamen verpasst, um mich problemlos ins System eingeben zu können Ich hieß Iwanowna und wurde von meinen Kollegen damit ordentlich gefoppt.

Vatersnamen kann man, so sagt es ja schon die Bezeichnung, nur von männlichen Namen kriegen. Ich habe einen guten bekannten, Oberst a.D., der mit Vatersnamen Larisowitsch heißt. Das machte mich stutzig, dachte ich doch, das käme von Larissa. Weit gefehlt. Ein Militär und Larisowitsch, der Ärmste.

Als sein Vater getauft werden sollte, schickten die Eltern, also Larissowitschs Großeltern, die Taufpaten mit dem Täufling zur Kirche, die sieben Werst entfernt war. Sie nannten dem Patenonkel den Vornamen des Jungen, auf den er getauft werden sollte: Wladimir. Der Patentante sagten sie nichts, weil ja Frauen nicht viel zählten. Unterwegs trank der Pate einen über den Durst und kam volltrunken in der Kirche an, unfähig, sich an den Namen zu erinnern, der dem Jungen gegeben werden sollte.

Die Patin war ratlos, denn sie hatte man ja nicht ins Vertrauen gezogen. Also kam der Pope zu dem Schluss, dass ein Name aus dem Kirchenkalender genommen werden soll. Aufgeschlagen, mit dem Finger drauf getippt und siehe da, Laris. So kam der Junge dann später zu diesem merkwürdigen Vatersnamen.

Wenn einem Manne nachgesagt wird, er sei ein Weichei und stehe unter dem Pantoffel der Frau, foppt man ihn schon mal mit einem weiblichen Vatersnamen, meist mit dem seiner gestrengen Frau. Auch Michail Gorbatschow kam in den Genuss solcher Scherze, weil seine Frau Raissa großen Einfluss auf ihn hatte. Man nannte ihn in Sketchen schon mal Michail Raissowitsch. Er nahm es gelassen.

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