Ein Königreich für eine Wohnung

Die Wohnungsfrage in Russland bleibt höchst aktuell. Foto: ITAR-TASS

Die Wohnungsfrage in Russland bleibt höchst aktuell. Foto: ITAR-TASS

Privat eine Wohnung zu mieten ist keine leichte Aufgabe in Russland. "Russland-HEUTE"-Kolumnistin erzählt über die Besonderheiten des russischen Immobilienmarkts.

In Moskau, ja in Russland überhaupt, privat eine Wohnung mieten zu wollen ist höchst abenteuerlich und nicht ganz einfach. Es gibt keine oder kaum Wohnungsgenossenschaften, die im großen Stile vermieten und noch dazu die Interessen der Mieter wahren. Die Mieter sind total rechtlos, der Willkür und der Preistreiberei der Vermieter ausgesetzt.

Für Diplomaten, Repräsentanzchefs und akkreditierte ausländische Journalisten gibt es die UPDK, die besonders dafür bestimmte Wohnhäuser

verwaltet und sie an die genannten Personenkreise vermietet. Die Firmen und Medien zahlen die Miete für ihre Mitarbeiter. Bis Anfang der 2000er Jahre war UPDK gegenüber den Wohnungen auf dem so genannten „freien Markt" in Moskau recht teuer, das hat sich aber schon lange relativiert.

Kurz zur Erklärung: die UPDK hatte früher die Aufgabe, alle Ausländer bei sich zu beherbergen. Außerhalb der gut abgehörten Wohnungen zu leben war nicht gewünscht.

Heutzutage kann man per Internet auf Wohnungssuche gehen, Anfang der 90er war man auf Flüsterpropaganda und zwielichtige Agenten angewiesen, die einem beflissen eine Wohnung nach der anderen zeigten, gegen ein Entgelt, versteht sich. Da habe ich Bruchbuden und total mit altem Zeug zugestellte Wohnungen gesehen, die für einen ordentlichen Preis vermietet werden sollten. Ich zog es dann doch vor, mich von meinen Mitarbeitern oder später von Bekannten oder Kollegen beraten oder „vermieten" zu lassen.

Der Wohnungsmarkt war vor der Krise total überhitzt, will sagen megateuer, und hat sich auch während der viel beschworenen Krise nicht merklich abgekühlt. Vermietbarer Wohnraum ist knapp in Russland, besonders in Moskau und anderen großen Städten versteht sich, deshalb ist er auch so teuer.

Für Einzimmerwohnungen am Stadtrand in Schnarchsiedlungen, die ich gerne als ausklappbares Wohnklo bezeichne, muss man schon tief in die Tasche greifen.

Die Gastarbeiter aus den ehemaligen asiatischen und kaukasischen Sowjetrepubliken belegen dann zu zehnt und mehr eine kleine Wohnung und schlafen in Schichten, um das Dach über dem Kopf bezahlen zu können. Betuchtere Expats, junge Fachleute aus dem Ausland, mieten sich in renommierten Wohngegenden gern in eine WG ein. So haben sie eine gute Adresse vorzuweisen, wohnen komfortabel und haben sogar noch Gesellschaft.

Wer Moskauer ist und noch ein bis zwei Omas vorweisen kann, braucht sich um seine Nebeneinkünfte keine Sorgen zu machen. Die Wohnungen werden vermietet und schon fließen regelmäßig die Rubelchen in die Kasse, natürlich in bar und steuerfrei. Tja, nur Bares ist Wahres. Würde der Staat seine Aufgaben erfüllen und nach dem Gesetz Steuern eintreiben, gäbe es weniger Korruption. Aber daran ist ja der Staat in Gestalt seiner fetten Beamten nicht interessiert.

Die Wohnungsfrage hat die Bevölkerung degradiert, für eigenen Wohnraum, neu unbezahlbar, wird betrogen, sogar gemordet. Familien brechen im Wohnungsstreit auseinander, Geschiedene sind wegen der Wohnungsfrage aneinander gekettet. Oder einer von ihnen zieht unter die Brücke. Eine unlösbare Misere.

Da jeder seine Wohnung, die er mal vom Staat oder dem Betrieb oder der Armee bekommen hatte, in den frühen 90er Jahren privatisieren konnte, gibt es also nur Eigentums -und keine Mietwohnungen. Wer in den so genannten Zuckerbäckerhochhäusern eine Wohnung hatte, gehörte früher schon zu elitären Kreisen und hat heutzutage einen Sechser im Lotto, denn diese Wohnungen sind sehr teuer. Da besteht ein gewaltiger Unterschied zu den tristen Plattenbauwohnungen. Eines eint sie alle – die unsäglichen Hauseingänge. Es stört keinen, wie es in den Hausfluren aussieht. Türe zu und weg ins eigene Reich. Hin und wieder verschmieren Reinemachefrauen mit ollen Scheuerlappen und einer dunklen Lurke den Dreck regelmäßig im Treppenhaus. Fenster, sofern sie noch Glas haben, werden nie geputzt in den Treppenhäusern.

Ich bin in Moskau viermal umgezogen und kann ein Lied von den tollen Treppenhäusern und Haustüren, die eher an Stalltüren erinnern und immer auf der Rückseite des Hauses sind, singen. Tja, die herrschende Klasse ging im Sozialismus durch den Dienstboteneingang! In Bulgakows „Hundeherz" äußert sich der Professor sehr treffend über das Verhalten der Prolls gleich nach der Revolution.

Das Umziehen ist kein Sport von mir, sondern wirtschaftlich bedingt. Die Vermieter heben ab und verlangen für ihre Hütten Megapreise. Wenn es zu derb wird, räume ich dann das Feld. Mein vorletzter Vermieter heiratete in zweiter Ehe eine Frau, der wie Donald Duck Dollarnoten im Auge blinkten. Sie erhöhte jeden zweiten Monat die Miete für eine kleine Buchte, wo meine Möbel standen, die ich mehrmals renoviert hatte usw. Das war mir dann doch zu bunt und ich zog aus.

Der Umzug ist die kleinere Hürde, man schmeißt einiges weg und weiß mal wieder, was man alles so hat. Aber der Schmutz, den man zu Sonderkonditionen gleich mit mietet, ist schon belastend. Man vermietet hier meistens die Wohnungen so, wie sie verlassen wurden, ohne umständlich vorher sauber zu machen. Und der alte Schrapel, der Schränke und Balkone füllt und heilig ist, darf weder angerührt noch weggeworfen werden. Der Mist ist noch für die Datsche vorgesehen, nicht wahr.

Ich habe im noblen und teuren Südwesten in zwei verschiedenen Wohnungen gewohnt (clevere Immobilienhaie haben den Südwesten als den Bezirk mit der saubersten Luft vermarktet und machen damit einen fetten Schnitt), dann in einem "limitnyi" Rayon, was soviel heißt wie Nistplatz der Zugereisten, der Limita. Zu Sowjetzeiten wurden für die Moskauer Betriebe Arbeitskräfte im Land gesucht und ihnen die begehrte Aufenthaltsgenehmigung für die Hauptstadt als Lockmittel angeboten.

Diese Limitierten mutierten dann schnell zu überheblichen Beutemoskauern, von oben herab auf Neulinge blickend und von den echten Moskauern (ja, die gibts wirklich!) mit Nichtachtung bestraft. Nun habe ich mich in einem Stadtbezirk der Alteingesessenen niedergelassen. Interessante Typen dabei, die bei jedem Wetter ihre Hunde am Kanal ausführen. Mal sehen, wie lange die Vermieter einen kühlen Kopf bewahren und nicht von Habgier überwältigt werden und was die Aborigeny, wie sich die Bewohner scherzhaft selbst nennen, so auf der Pfanne haben.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland