Wenn der Indianer mit dem Chinesen einen Walzer tanzt

In der Ethnowelt kann man sich handwerklich ausprobieren, traditionelle Backkunst erlernen, Schmuck herstellen und musizieren. Foto: Flickr / Nick Wallen

In der Ethnowelt kann man sich handwerklich ausprobieren, traditionelle Backkunst erlernen, Schmuck herstellen und musizieren. Foto: Flickr / Nick Wallen

Unsere Bloggerin besuchte die Etnowelt, ein touristisches Dorf in Kalugaer Gebiet. Jetzt teilt sie ihre Eindrücke mit den Russland HEUTE-Lesern.

In den vergangenen Tagen war ich viel unterwegs, schaute in Japan vorbei und kurz bei den Chinesen rein, war auf Stippvisite in Südamerika und Australien, übernachtete in einem ukrainischen Gehöft, besuchte mongolische Jurten und aß in einer russischen Kneipe.

Das alles mutet sehr unrealistisch an, ist es aber nicht. Ich war einfach zu Gast in der Ethnowelt bei Borowsk im Kalugaer Gebiet, gar nicht weit weg

von Moskau. Da existieren die Pavillons der Länder der Welt friedlich nebeneinander unter einem Dach, unter einem sehr großen Dach. Das lang gezogene Gebäude mutet wie ein Flughafenterminal an. Aber da kann man wenigstens, ohne vom Wetter abhängig zu sein, durch die Welt spazieren.

Dort kann sich die ganze Familie die Zeit vertreiben, sich handwerklich ausprobieren, traditionelle Backkunst erlernen, Schmuck herstellen und musizieren. Und natürlich alles genau anschauen und viel dabei lernen. Schüler aus dem Moskauer und Kalugaer Gebiet werden zu Exkursionen hingefahren.

Der wohl sehr betuchte Unternehmer Ruslan Bairamow baut auf knapp 100 Hektar Land seine Traum- und Spielwelt. Bis zum Ende dieses Jahrzehnts will er mit seinem Mammutprojekt fertig sein. Man wird aber den Eindruck nicht los, dass er nicht so recht weiß, wie er das alles gestalten soll. Experten bezweifeln auch, dass sich das ganze wirtschaftlich trägt.

Vielleicht ist es eine Art Geschenk an das Kalugaer Gebiet? Für begangene Sünden oder als Vorabbonus für fette Aufträge? Nichts Genaues weiß man nicht.

Die Ethnowelt wird hauptsächlich von Moskauern und Kalugaern besucht, die Bewohner der umliegenden Dörfer kommen nicht, es ist ihnen wohl zu teuer. In den zahlreichen Souvenirläden muss man tief in die Tasche greifen, um ein Mitbringsel zu erwerben. Russisches findet der Besucher dort allerdings kaum, dafür viel Chinesisches und Überseeisches. Unter 600 (knapp 15€) Rubeln gibt's kaum etwas.

Auch die Kantine im lang gestreckten Haus ist nicht billig, dafür schmeckt das Essen nicht. Abgestandene Sowjetküche zu überhöhten Preisen, serviert auf kleinen Metalltellern, den Tee trinkt man aus ebensolchen Metalltassen. Eine Reminiszenz des Inhabers an vergangene schwere Jahre hinter schwedischen Gardinen? Könnte man annehmen.

Ein solcher, leicht merkwürdiger Eindruck drängt sich auch auf, wenn man die zahlreichen Gastarbeiter aus den asiatischen Republiken bei ihrem Tun beobachtet. Da fegen zum Beispiel 10 Mann Schnee, beaufsichtigt von einem mürrischen Vorarbeiter, der gelangweilt raucht und herumsteht. Die Türen werden ebenfalls von den Jungs aus dem fernen Asien vor den Besuchern geöffnet, ein völlig sinnloser Service in Anführungsstrichen. Der richtige Service fehlt natürlich, wie überall im Lande.

Die Gaststätte „Der weise Wanderer" ist ganz und gar im russischen Stil eingerichtet, rustikal und gemütlich zugleich. Die Hülle ist gut, die Füllung nicht. Die Speisekarte hält nur die von mir schon gescholtene Sowjetküche parat. Die Köche, zumindest nennen sie sich so, sind so richtige Boulettenschmiede. Und das Bier schmeckt säuerlich, weil die Leitungen nicht gespült werden und zu wenig ausgeschenkt wird. Schade, so eine schöne Einrichtung mit knurrendem Magen verlassen zu müssen.

Übernachten kann man zum Beispiel in der Ukraine, also in einem schönen bunt bemalten Häuschen im ukrainischen Stil, innen rustikal, schöne rohe Holzmöbel, kein Fernseher. Angeblich sollen die Leute hier abschalten, aber im „weisen Wanderer" wird der Gast von großen Flachbildschirmen mit Werbung und anderem Müll beballert. Auch auf das in Russland häufig vorhandenen Welan muss man weitestgehend verzichten, nur an ein paar ausgewählten und nicht sehr bequemen Orten kommt man in seinen Genuss. Das ist einer von vielen Widersprüchen im Bairamovschen Erholungsparadies.

In Sibirien, so heißt eine recht große Siedlung aus imposanten Holzhäusern, gibt es auch Übernachtungsmöglichkeiten und in Jurten, dort allerdings eher im Sommer. Nur die Härtesten verbringen hier im Winter ein paar Nächte. Wer friert, kann im Ofenmuseum vorbeischauen. Es ist in einem überdimensionalen russischen Ofen untergebracht.

Im Winter ist es aber besonders schön in der Ethnowelt, schon wegen der frischen Luft. Die Huskies fühlen sich hier auch besonders wohl. Ob man mit ihnen eine Fahrt wagen darf? Bisher nicht, wäre aber ein Bonbon für die Besucher.

Im großen russischen Haus gibt es unter anderem ein Puppenmuseum. In seinem weiträumigen Innenhof steht seit einem Jahr ein neues Denkmal für Eduard Ziolkowski, der gern als Vater der Raumfahrt bezeichnet wird und im benachbarten Kaluga lebte und arbeitete, und Sergej Koroljow, dem berühmten Raketenkonstrukteur. Es heißt „Verbindung der Zeiten".

Denkmäler gibt es auf dem Gelände einige, so unter anderem für Michail Lomonossow, der lässig das Gebäude der Universität, die seinen Namen trägt und den Kreml in seinen Händen balanciert, und für Gagarin. Der Hausherr möchte gerne alles, aber auch alles in seinem Zauberland vereinigen. Man darf auf die Vollendung gespannt sein.

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