Von Nordwest nach Fernost

Foto: Artjom Sagorodnow

Foto: Artjom Sagorodnow

Von Nordwest nach Fernost: Ich fahre mit dem Auto von Murmansk nach Wladiwostok und überwinde dabei 16 000 Kilometer Tundra. So sieht mein Offroad-Abenteuer während der Expedition Trophy 2013 aus – das heute beginnt.

Die Größe Russlands sollte man nicht unterschätzen. Manchmal überwältigt diese einen sogar, wenn man bedenkt, dass man elf Stunden in eine Richtung fliegen kann, ohne dabei das Land zu verlassen.

Das wurde mir denn auch bewusst, als ich im Flugzeug nach Murmansk saß, der Stadt, in der mein Offroad-Abenteuer beginnen sollte. Jetzt erst begriff ich, dass man mit dem Flugzeug schneller von Moskau nach New York unterwegs ist als nach Wladiwostok, das an der Ostküste Russlands liegt. Und ich will mit dem Auto dorthin fahren! Dass ich zusätzlich noch zweieinhalb Stunden in die entgegengesetzte Richtung flog, nur um an den Startpunkt der Rallye zu gelangen, erschien mir beinahe schon absurd. Mein Flugzeug landete am 22. Februar am Internationalen Flughafen in Murmansk.

Murmansk befindet sich im Nordwesten Russlands und liegt nahe der Grenze zu Norwegen. Diese Stadt birgt viel Interessantes: Sie ist die größte Stadt der Welt nördlich des Polarkreises mit einer Bevölkerung von 307 000 Einwohnern und hat aufgrund der warmen Meeresströmungen im Atlantik einen Hafen, der das ganze Jahr über eisfrei ist. Die größte Flotte nuklearer Eisbrecher der Welt hält den Hafen auch im Winter in Betrieb und stellt mitunter eine wirtschaftliche Aorta der Stadt dar.

Murmansk, die letzte noch im russischen Zarenreich erbaute Stadt, entstand mitten im Chaos des Ersten Weltkriegs im Jahr 1915 und diente damals dazu, die von Europa über die Nordsee kommenden Rüstungslieferungen sicherzustellen. Aus diesem Grund gewann Murmansk im Zweiten Weltkrieg zunehmend an Bedeutung. Dies führte jedoch auch dazu, dass die Stadt schwer bombardiert wurde und eine Blockade erlebte, die nur von der Blockade Leningrads übertroffen wurde. Die Stadt bekam daher auch den Titel „Heldenstadt“ verliehen.

Murmansk ist vielen auch deswegen ein Begriff, weil ein im Zweiten Weltkrieg versenkter Container durch ein internationales Team in den 1980er-Jahren spektakulär geborgen wurde. An Board waren etwa fünf Tonnen Gold, mit dem Stalin die Rüstungslieferungen aus Europa bezahlen wollte. Die Stadt war auch erst vor relativ kurzer Zeit in den Schlagzeilen, nachdem im Jahr 2000 unweit vor der Küste Murmansks das russische U-Boot „Kursk“ gesunken war, das erst im darauffolgenden Jahr geborgen werden konnte.

In den späten 1980ern verzeichnete die Stadt einen Bevölkerungshöchststand mit 470 000 Einwohnern. Kurz danach wanderten jedoch etwa 150 000 Einwohner aus der Stadt aus, da das durch den Zerfall der Sowjetunion ausgelöste wirtschaftliche Chaos viele zur Migration zwang. Obwohl seit dem Ende des Kalten Kriegs die Staatsausgaben für Verteidigung stark gesunken sind, gelang es Murmansk, seinen Status als wichtigen Militärhafen zu behalten.

In den letzten Jahren erachtet die russische Regierung die Nordseeroute als billigere und sicherere Alternative zum Suezkanal für die Verschiffung von Gütern aus dem aufsteigenden Asien nach Europa. Die nördlichen Städte Russlands, darunter auch Murmansk, profitieren nun von der für den Gütertransport notwendigen Logistik.

Als ich im Hotel eincheckte, kam mir der Gedanke, das letzte Tageslicht zur Stadterkundung zu nutzen – wir befanden uns ja immerhin am 69. Breitengrad.

Vachtan, ein örtlicher Taxifahrer, den ich nach dem Check-in vor dem Hotel herangewinkt hatte, war in den 1990ern aus der Hauptstadt Aserbaidschans, Baku, nach Murmansk gekommen. Mittlerweile war er russischer Staatsbürger. Seit über 20 Jahren habe er nun schon in dieser Stadt gelebt und nicht einen einzigen Tag davon bereut.

Vachtan zeigte mir stolz den Handelshafen der Stadt und das nahegelegene Denkmal der „Wartenden Frau“, die stets hoffnungsvoll auf das Meer hinausblickt, ihr Mann möge eines Tages zurückkehren.

Während am Rande der alles auf die Marine ausgerichtet ist, findet man im Zentrum alles, was das Herz eines Städters begehrt: mehrere Einkaufszentren, ein fast fertig errichtetes McDonald’s-Restaurant sowie andere Bauwerke, welche die Globalisierung in Murmansk einläuten.

Am Abend fand noch ein Briefing zu unserer bevorstehenden Reise statt, auf welcher der Komfort eines Hotels bald in Vergessenheit geraten sollte. Vor uns lägen nämlich Nächte, die wir in unseren Autos zubringen würden, Tage ohne unsere gewohnten Waschmöglichkeiten und Momente, in denen hitzige Streitereien zwischen Teammitgliedern entflammen könnten – so sagte man uns zumindest. Mehr als 16 000 Kilometer gefrorene Tundra lagen vor uns. Ich war gespannt!

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