Alles Euro oder was? Hitverdächtige Euroableger

Das Wort Euro, auf Russisch Jevro, hat das Land total erobert. Foto: AP

Das Wort Euro, auf Russisch Jevro, hat das Land total erobert. Foto: AP

Mit der bedeutungsschweren Vorsilbe Euro wird in Russland so manches benannt, was auf europäisches Niveau hinweisen soll.

Russland gehört zu Europa, zumindest bis zum Ural. Aber das Wort Euro, auf Russisch Jevro, hat das Land total und bis in den Fernen Osten im Sturm erobert. Mit der bedeutungsschweren Vorsilbe Jevro wird hier so manches benannt, was auf europäisches Niveau hinweisen soll. Angefangen hat alles mit der etwas anderen Renovierung von Wohnungen, als es plötzlich neue Baumaterialien in Hülle und Fülle gab, die man in alter Manier benutzte und verhunzte. So renovierte Wohnungen kosteten natürlich ungleich mehr als herkömmlich Instand gesetzte Behausungen. Das alles nennt sich nun schon viele Jahre Jevroremont. 

Das treibt herrliche Blüten und hat meist wenig mit europäischem Standard zu tun. Aber es klingt doch so schön! Herkömmlich verlegter Asphalt, also etwas uneben und mit Raum für viele schöne große Pfützen, wird neuerdings Jevroasphalt genannt. So kann man beim Befahren oder Begehen schön von europäischen Straßen träumen. Ist doch auch schon was, oder?

 Im Frühjahr und im Herbst haben die Reifenwerkstätten alle Hände voll zu tun. Um sich von der Konkurrenz abzuheben, bezeichnet eine Werkstatt in der Nähe der Erlöserkathedrale ihre Dienste mit Euroreifenwechsel, Jevroschinomontasch. Angesichts der Bretterbuden würde ich es aber nicht riskieren, meine Reifen dort wechseln zu lassen.  Auch bei den Umzugsfirmen wird mit der Euromasche gepokert. Euroumzug, Jevroperejezd, heißt der neue Trend. Leider ist es nur ein Wort, der Umzugsstandard ist der Alte geblieben.

So könnte ich die lange Reihe mit den Eurodienstleistungen fortsetzen, Reinigungsfirmen geben vor, europäisch sauber zu machen. Wie geht das? Keiner weiß es, aber man nennt sich stolz Jevrouborka. Was die Zöllner alles so an Land ziehen, firmiert in ihren Spezialläden unter Jevrokonfiskat und Schuhe aller Art, auch von fleißigen Händen in dunklen Kellern genäht, werden als Jevroobuv, also Euroschuhwerk, angeboten. Und Stiefel, die nicht so dick gefüttert sind aber doch zur Winterkollektion gehören, heißen Eurowinterstiefel, Jevrozima, also für nicht ganz so grimmig kalte Winter.

 Aber in der Jevro-Trickkiste gibt es auch etwas gegen die Kälte. Gepresste Holzbriketts gehen in den Baumärkten weg wie warme Semmeln, um in Kaminen und Datschenöfen zu verschwinden. Man nennt sie hier unbekümmert Jevorbriket. Da wird einem doch gleich warm, wenn man das hört.

 Den Vogel schießen aber die Sexshops ab, die ebenfalls auf der Eurowelle schwimmen und sich Jevrointim nennen. Sollte das etwa von den billigen deutschen Pornoschinken herrühren, die in den Neunzigern das Land überschwemmten? Aus dieser Zeit kennen die Leute noch ein paar komische Vokabeln, die sie aus den Filmen aufgeschnappt hatten. Sie gesellen sich zu den Wörtern, die sich aus den sowjetischen Kriegsfilmen in den Köpfen eingenistet haben und bilden eine komische Melange.

 Der ausufernde Eurotrend und die zahlreichen Touristen in Richtung Westen zeigt doch eigentlich die Hinwendung zu Europa oder signalisiert zumindest den Wunsch dazu. Leider sieht die Realität etwas anders aus. Das Land ist auf dem Wege, sich einzuigeln, einen besonderen russischen Weg gehen zu wollen und alles Fremde abzulehnen. Das ist bedauerlich. Die russisch-orthodoxe Kirche ist auf dem Vormarsch, erobert Schulen und Hochschulen, setzt Glauben vor Wissen. Sie ist bereitwilliger Handlanger des Staates, der vehement versucht, das Volk kirre zu machen und zum bedingungslosen Gehorsam zu bewegen

 Auch wenn die Zeichen auf Sturm stehen, gibt es keinen Grund zu verzagen. Nach den langen dunklen Winternächten wird es wieder Frühling, das ist unabwendbar. Ich wünsche allen, den Kopf oben zu behalten! Der kommende Frühling wird mit Sicherheit wieder einige neue Jevroderivate auf Lager haben!

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