Abseits der Straßen quer durch Karelien

Foto: Artjom Sagorodnow

Foto: Artjom Sagorodnow

Fernab jeder Zivilisation kämpften wir uns an Tag drei durch die Wildnis, immer auf der Jagd nach ein paar Extrapunkten. Meine romantischen Vorstellungen von einer Abenteuerfahrt blieben dabei auf der Strecke.

25. Februar 2013. Lukoil-Tankstelle, irgendwo in Karelien.

Letzte Nacht begann ich mich damit zu beschäftigen, wie man 16 000 Kilometer innerhalb von zwei Wochen zurücklegen kann und welches Niveau an persönlicher Hygiene und Versorgung ich während dieser Zeit anstreben sollte. So führte ich folgendes Gespräch mit Nikolai und Iwan, den beiden Angestellten der Treuhandbank, die mich in ihrem Toyota Land Cruiser mitnahmen:

Artem Zagorodnow: „Legt ihr innerhalb dieser zwei Wochen wirklich 16 000 Kilometer zurück?“

Trust: „Wahrscheinlich sogar mehr als das.“

A.Z.: „Ihr fahrt also ohne Pause?“

Trust: „Ja – einer schläft hinten, der andere fährt.“

A.Z.: „Darf ich darauf hoffen, irgendwann während der nächsten beiden Wochen duschen zu können?“

Trust: „Wenn du Glück hast, erwischst du ein Zeitfenster bei einer Sportstätte in Jekaterinburg, bei der wir wahrscheinlich in einer Woche für ein paar Stunden sein werden… Oder du kannst dich nackt im Schnee wälzen und das Wasser dann auf deiner Haut trocknen lassen. Das ist fast wie eine Dusche.“

A.Z.: „Ich könnte mir auch eine Flasche Wodka kaufen und mich damit abreiben, wie beim Militär.“

Trust: „Ich sehe, du hast es verstanden!“

Jede romantische Vorstellung, die ich von diesem Gelände-Abenteuer hatte, wurde vernichtet. Es wird also holprig und unsicher, okay. Und es wird auch dreckig und geradezu chaotisch, nun ja.

Die Entfernung von Murmansk nach Wladiwostok klingt schon enorm genug, doch hinzukommt, dass wir für unsere Fahrt keine Hauptstraßen nutzen durften. Wir waren die ganze Zeit im Zickzack unterwegs, fuhren auch mal ein Stück zurück, kartografierten unbekanntes Terrain und endeten aufs Geratewohl irgendwo mitten in Karelien – alles für die Chance, ein paar Extrapunkte zu gewinnen.

Wir begannen den Morgen mit der Entscheidung, fast 320 Kilometer zurück in Richtung Norden und Murmansk zu fahren, um ein Expeditionsziel auf der Landkarte zu erreichen. Hintergrund ist, dass die Organisatoren alle Autos per GPS verfolgen und denjenigen Punkte zugestehen, die vorgegebene Orte ansteuern. Für den Fall, dass den Organisatoren etwas entgeht, sind alle Teams dazu aufgerufen, an jedem dieser Orte, die sie erreichen, ein Foto als Beleg aufzunehmen, dass sie dort waren. An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass unsere Ziele aus beweglichen Orten, die innerhalb eines bestimmten Zeitfensters erreicht werden müssen, und aus stationären Orten, die wir irgendwann ansteuern können, solange wir diesen Teil der Strecke innerhalb einer vorgegeben Zeit schaffen, bestanden.

Wir verbrachten fast den ganzen Tag damit, die Republik Karelien zu durchqueren, eine russische Region mit engen Verbindungen zum benachbarten Finnland. Als Lenin Finnland nach der Auflösung des Russischen Reiches Unabhängigkeit gewährte, forderten einige Finnen Karelien für sich. Lenin willigte nicht ein. So kam es direkt vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zu Spannungen, als die Sowjetunion in einem kurzen, aber kostspieligen Krieg einige Gegenden Finnlands annektierte.

Interessanterweise wurde Karelien auch schon mit Minnesota verglichen, da es mit seinen über 10 000 Seen Russlands „Land der Seen“ ist. Die Gegend ist bei Jägern, Fischern und Naturfreunden beliebt. Sie ist von Moskau aus mit einem Nachtzug und von Sankt Petersburg aus in wenigen Stunden erreichbar.

Heute machten wir wichtige Beobachtungen:

1. Die Straßen in Karelien sind schlecht.

2. Unser Auto fährt auf schlechten Straßen nicht so gut. Das könnte bald zu einer echten Herausforderung für uns werden.

Während wir ein Ziel verfolgten, das weit abseits der Hauptstraße lag, landeten wir auf einem engen, gewundenen Weg durch einen Wald und waren von allen Seiten von zugefrorenen Seen umgeben. Plötzlich verlor Nikolai die Kontrolle über den Wagen, der einen halben Meter seitwärts ausbrach und in einem Schneehügel landete.

Wir steckten fest. Nur mithilfe von Seilen und einem anderen Land Cruiser konnten wir wieder herausgezogen werden. Die nächsten beiden Stunden verbrachten wir damit, den schmalen Weg hinabzufahren, kamen aber alle fünf Minuten vom Weg ab und brauchten dann wieder eine halbe Stunde, um das Auto herauszuziehen. Das schafften wir mittels Hightech: Wir banden ein Seil um einen nahestehenden Baum, sodass ein Spezialgerät den Wagen ziehen konnte.

Schlussendlich erkannten wir, dass wir den Zielort nicht erreichen würden. Wir mussten umkehren und wieder zur Hauptstraße fahren, hatten also einen halben Tag verloren. Wir machten uns auf den Weg in Richtung Nowgorod, dem Zielort des ersten Teils der Fahrt, und umfuhren dabei Sankt Petersburg.

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