Hotdogs und Boykott

Wadim Buskow, der Chefjuror: „Wenn man es vom Standpunkt der Regeln aus betrachtet, so ist jedes Team, das Hilfe von anderen Teams annimmt, automatisch zu disqualifizieren. Doch es gibt Dinge, die über den Regeln stehen." Foto: Artjom Sagorodnow

Wadim Buskow, der Chefjuror: „Wenn man es vom Standpunkt der Regeln aus betrachtet, so ist jedes Team, das Hilfe von anderen Teams annimmt, automatisch zu disqualifizieren. Doch es gibt Dinge, die über den Regeln stehen." Foto: Artjom Sagorodnow

Am vierten Tag des Offroad-Abenteuers ging es nach Nowgorod und anschließend weiter Richtung Kasachstan. Dazwischen gab es eine warme Mahlzeit und andere Überraschungen.

25. Februar 2013. Sibneft-Tankstelle, eine Stunde vor Nowgorod

Ich war im siebten Himmel. Ich hatte mich schon darauf vorbereitet, einen Artikel über den Mangel an warmem Essen an russischen Raststationen schreiben zu müssen – Sie wissen schon: Sandwiches, heiße Baguettes, Bagels, frittierte Kartoffeln und dergleichen –, doch dann machten wir an einer Lukoil-Tankstelle Halt.

Dort gab es Hotdogs und Burger zu kaufen! Ich hatte diese ständigen Wurstaufschnitte und das ganze Obst, das wir unterwegs im Auto verzehrten, so satt und wollte unbedingt mal wieder etwas Warmes

haben. Daher aß ich gleich zwei Hotdogs und schlief danach im Auto ausgestreckt auf der Rückbank ein. Ich fühlte mich wie ein glücklicher Bär.

Kurz nach zwei Uhr früh gelangten wir dann zum letzten Zielort, den wir auf dieser Etappe unserer Reise überhaupt noch erreichen konnten. Dort angekommen stiegen wir bei einer Temperatur unter dem Gefrierpunkt aus dem Auto aus. Die beiden Fahrer stellten sich vor dem örtlichen Postamt auf und ich schoss ein Foto davon, als Beweis dafür, dass wir dort waren. Dann fuhren wir weiter – 241 Kilometer blieben uns noch bis Nowgorod.

Nowgorod war einst die geschäftige Hauptstadt der Republik Nowgorod, eines großen, mittelalterlichen russischen Staates, der sich von der Ostsee bis zum Uralgebirge erstreckte. Die Stadt pflegte vom 12. bis zum 15. Jahrhundert enge Kontakte zu Europa, bis sie dann Iwan der Schreckliche mit seiner Armee eroberte.

Diese Region Russlands erlebte eine viel demokratischere Regierung als die anderen russischen Staaten, was zu einem gewissen Teil auch auf die engen Handelsbeziehungen mit Westeuropa zurückzuführen ist. Heute ist Nowgorod nach wie vor eine reizvolle und äußerst charaktervolle Stadt. Als wir wieder aufbrachen, spielte die örtliche Militärkapelle sogar einige Lieder für uns zum Abschied.

Bis heute Morgen hatte ich mit mir selbst sicher schon hundert Mal ausverhandelt, wie viel ich für einmal duschen und rasieren und ein warmes Frühstück bereit wäre zu bezahlen.

Zum Glück sollte mein Leiden bald ein Ende haben. Wir schafften es nämlich, zwei Stunden vor unserem für 8 Uhr angesetzten Treffen mit der gesamten Gruppe im Nowgoroder Kreml in der Stadt zu sein, wo wir die zweite große Etappe beginnen würden.

Daher konnte ich nicht anders, als mir den teuren Luxus zu gönnen, für 90 Minuten ein Hotelzimmer für etwa 61 Euro zu mieten. Ich bekam so meine Dusche schneller als erwartet und fühlte mich dann bei dem Treffen so richtig sauber und voller Energie.

 

Video: Expedition Trophy

Mein Team hingegen ärgerte sich noch immer über seinen großen Fehler von gestern: der erste Fehltritt, der wegen dem vielen Schnee passierte und weshalb wir unser Auto mit Seilen aus dem Schnee ziehen mussten.

Als uns ein Jäger dann mitteilte, dass das Dorf, das die Organisatoren als Ziel vermerkt hatten und das wir nun verzweifelt suchten, gar nicht existierte, entschieden wir endgültig umzukehren.

Danach konnten wir auch einen zweiten Zielort nicht erreichen, da sich dieser in einer Grenzregion befand, genauer gesagt 29 Kilometer vor der finnischen Grenze, und wir eine spezielle Erlaubnis gebraucht hätten, um dort hinzukommen.

Wir nahmen daraufhin an, dass diese Misserfolge aus unserer Verwirrung heraus entstanden waren oder die Organisatoren einen Fehler gemacht hatten.Bei dem Treffen in Nowgorod verkündeten die Organisatoren jedoch, dass sie absichtlich Fallen eingeplant hatten.

Die Erklärung dafür klang wie aus einem Roman von Kafka entnommen und lautete folgendermaßen: „Auf den Karten, die ihr von uns erhalten habt, sind 36 Zielorte eingetragen. Viele von diesen wird kein Team jemals erreichen können. Denn nur, weil sie dort eingezeichnet sind, muss das nicht heißen, dass es sich um echte Ziele handelt. Wählt eure Zielorte daher weise!"

Das führte zu einem Aufstand. Denn wie sich herausstellte, waren wir nicht das einzige Team, das einen halben Tag auf der Suche nach einem unerreichbaren oder fiktiven Zielort verloren hatte. Diese neue Erkenntnis könnte sich auch auf das Ergebnis des zweiten „Sonderrennens" ausgewirkt haben, das gleich nach dem Treffen etwas außerhalb der Stadt stattfand.

Genau wie zuvor in Murmansk reihten sich die teilnehmenden Geländewagen in einer Linie nebeneinander, um eine weitere Strecke, bei der die Teams grobes Terrain und hohe Schneehügel passieren mussten, zu absolvieren. Als die Organisatoren jedoch den Startschuss für diese Etappe gaben, weigerten sich alle Mannschaften, außer einem Team, loszufahren.

Die Teams schienen das Rennen zu boykottieren. Die meisten Mannschaften waren der Meinung, dass die zu holenden Punkte es nicht wert waren, noch einmal meterhohe Schneemassen wegzuschaufeln und Schäden an ihren Wagen und ihrer Ausrüstung zu riskieren. Lediglich das russisch-orthodoxe Priesterteam begann den Schnee von dem ersten hohen Schneehügel vor ihnen abzutragen, doch ohne nennenswerten Erfolg.„Ich würde es nicht als Boykott bezeichnen. Wir sind einfach nur müde", erklärte Nikolai vom Team „Trust".

Foto: Expedition Trophy

Nach etwa einer Stunde hatten es die restlichen Teams allerdings satt, in der Kälte herumzustehen, weswegen sie den Priestern zu helfen begannen. Plötzlich schrie einer der Organisatoren mit begeisterter Stimme in das Mikrofon: „Was wir bei den Rallyes der letzten sechs Jahre erreichen wollten, ist endlich eingetreten! Ihr habt begriffen, dass beim Rennen nicht die Teams gegeneinander antreten, sondern dass diese gegen die Organisatoren kämpfen. Das ist es, worum es bei den Expeditionen eigentlich geht!"

Manche Teilnehmer verstanden diesen Aufruf zur Solidarität unter den Teams jedoch als einen Versuch, den schwindenden Enthusiasmus der Teilnehmer zu überspielen. Nach einigen Minuten nahm einer der Priester das Mikrofon in die Hand und verkündete: „Das macht das Gute am Geiste des Menschen aus und ist genau das, was uns als Menschen ausmacht! Ich bin sehr stolz auf uns alle! Ich appelliere deswegen an die Organisatoren, die Punkte, die wir gewinnen werden, unter allen Teams gleichermaßen aufzuteilen."

Nachdem diese Etappe geschafft war, meinte Wadim Buskow, der Chefjuror, gegenüber den Journalisten: „Wenn man es vom Standpunkt der Regeln aus betrachtet, so ist jedes Team, das Hilfe von anderen Teams annimmt, automatisch zu disqualifizieren. Doch es gibt Dinge, die über den Regeln stehen, und die sich eben in einem solchen Wettbewerb herauskristallisieren können."

Ich empfand diesen Kommentar als einen sehr „russischen" Zugang zur Fairness im Sport. Das Ergebnis: Das Priesterteam durfte weitermachen. Es war nun auch wieder an der Zeit, dass die Journalisten neuen Teams zugeteilt wurden. Dabei kam es darauf an, welche Reporter die eher lange und tückische Route und welche die eher kürzere und „angenehmere" Route erleben wollten.

Die wohl schwierigste Route führte vorbei am Kosmodrom, dem Raketenstartgelände im kasachischen Baikonur, von dem aus die bemannten sowjetischen Weltraumflüge starteten. Ich wählte die Route durch Kasachstan und wurde einem netten Team zugeteilt, das aus Angestellten der „Lemax Group" bestand.

Die Lemax Group ist ein Mischkonzern mit Sitz in der Stadt Taganrog. Die Firma stellt Ausrüstungen für die Gaserzeugung sowie Ziegel her und vertreibt diese in Südrussland. Unser Ziel bestand dieses Mal darin, in den nächsten 24 Stunden so nah wie möglich an das Kosmodrom zu gelangen.

Um 6 Uhr Moskauer Zeit würden die Organisatoren nämlich fünf Raketen abschießen, welche einen Wetterballon mit sich führen und mit einer Navigations-Vorrichtung ausgestattet waren. Die Etappe galt dann als bestanden, wenn man es schaffte, zumindest eine der zu Boden gegangenen Raketen zu ergattern.

Das ist keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, dass diese wahrscheinlich irgendwo mitten in der weiten kasachischen Steppe landen würden. Und selbst wenn wir nonstop unterwegs gewesen wären, würden wir immer noch um die 965 Kilometer von dem Ort entfernt sein, wo die Raketen gestartet werden. Und fast hätte ich es vergessen zu erwähnen: Es gab noch drei andere Teams, die mit uns konkurrierten.

Die einzige Hoffnung bestand daher darin, dass zumindest eine der Raketen in unsere Richtung fliegt und wir diese auf dem Weg mitnehmen können, um es rechtzeitig zur nächsten Station in Sibirien zu schaffen.

Mein Team war aber ganz gelassen. Die Fahrer bereuten es nicht, die schwierige Route durch Kasachstan gewählt zu haben, auch wenn fast sicher feststand, dass sie den Wettbewerb verlieren würden. Die einzige Chance war, eine dieser Raketen zu finden. Aus diesem Grund hieß es: Ab nach Kasachstan!

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