Sternenschweif in der Steppe

Das Offroad-Abenteuer geht weiter. Foto: Artjom Sagorodnow

Das Offroad-Abenteuer geht weiter. Foto: Artjom Sagorodnow

Die Kasachen nehmen die kürzlich gebildete Zollunion mit Russland weder zum Anlass, die Grenzkontrollen zu lockern, noch den russischen Rubel zu akzeptieren. Ein Reisebericht über eine Grenzerfahrung in der Steppe.

27. Februar, Atbasar, Kasachstan.

Es war ein sehr anstrengender, aber glücklicher Tag. Auch wenn dieses Glücksgefühl sich aufgrund vollkommen unerwarteter Ereignisse einstellte. Aber der Reihe nach.

Seit meinem letzten Blog-Eintrag wechselten sich Alexej und Jewgenij ab, um in einem heroischen Kraftakt die Berge des Ural zu überwinden, während ich auf der Rückbank friedlich döste. Als wir durch die Finsternis fuhren, genehmigte ich mir einige Schluck Wodka und einen meiner Lieblingsfilme „About Schmidt" mit Jack Nicholson und Kathy Bates auf meinem Netbook, bevor ich einnickte. Meine Reisebegleiter schienen die russisch-amerikanische Weise meines Versuchs, die Langeweile zu bekämpfen und mich wie zu Hause zu fühlen, amüsant zu finden.

Die chiropraktische Front hatte sich etwas beruhigt: Meine Knie hatten endlich aufgehört zu schmerzen und sich daran gewöhnt, fast 24 Stunden pro Tag in dieser verkrampften Position zu sein. Zum Glück hatte ich keine Rückenschmerzen, über die viele andere geklagt haben, und gelernt, auf dem Rücksitz eines Autos so zu schlafen und sogar fast zu träumen, als ob ich im eigenen Bett läge.

Ich wachte auf, kurz bevor wir die Grenze zu Kasachstan unweit der russischen Stadt Tscheljabinsk passierten. Hier war erst kürzlich der niederstürzende Meteorit explodiert. Leider konnte ich nicht anhalten und

Bruchstücke des Meteoriten sammeln, um sie später in Moskau zu verkaufen – schade! Das Passieren der russischen Seite der Grenze war überraschend unkompliziert. Tatsächlich bestand meine einzige Begegnung mit den Ordnungshütern auf dieser Reise bis jetzt darin, dass uns gestern ein Streifenwagen der Autobahnpolizei anhielt. Der Polizist beruhigte uns, dass wir keine Gesetze übertreten hätten, er und seine Kollegen aber neugierig seien, auf was für einer Entdeckungsreise wir unterwegs waren. Schließlich wünschten sie uns das Beste und ließen uns weiterfahren.

Dahingegen nehmen die Kasachen unsere kürzlich gebildete Zollunion und den Eurasischen Wirtschaftsraum nicht zum Anlass, die Grenzkontrollen zu lockern: Unsere Pässe und Habseligkeiten wurden gründlich untersucht, wir mussten detaillierte Angaben zu unserer Reise machen, erklären, wie lang wir im Land zu sein beabsichtigen, warum und wohin wir fuhren, und dann eine Versicherung für unsere Fahrzeuge kaufen. Eine halbe Stunde später wurden wir aus mysteriösen Gründen herausgewinkt und gebeten, uns unter Zahlung einer Gebühr zu „registrieren". Wir haben bis jetzt nicht herausfinden können, wofür wir eigentlich gezahlt haben.

Die russischen Tankstellen sind im Vergleich zu den kasachischen supermodern. Die kasachischen Tankstellen scheinen im Allgemeinen keine elektronische Zahlung irgendwelcher Art zu akzeptieren und wenn man fragt, ob man mit einer Visacard bezahlen kann, schauen sie einen an, als käme man von einem anderen Planeten. Sie bieten kein heißes Essen oder sonstige Annehmlichkeiten, wobei ich zugeben muss, dass das Angebot an Alkohol beeindruckend ist. Die „Toiletten" sind nahe gelegene Baracken mit einem Loch im Boden. Aber es kam noch schlimmer: Sie akzeptieren keine russischen Rubel! Wir versuchten es an drei Tankstellen, bis ein freundlicher Kunde bereit war, unser Geld in die lokale Währung umzutauschen und wir endlich den Tank füllen konnten. Mittlerweile war der Tank fast leer.

Nach unserer nervenaufreibenden Einreise waren wir so erschöpft, dass wir nicht bemerkten, wie sich ein für Kasachstan typisches Schneeinferno, oder zumindest eine weiße Entsprechung des Orkan Katrina, über der kasachischen Steppe zusammenbraute. An einer der Tankstellen machte ich den Fehler, auf eine rutschige Marmorplatte zu treten, und fand mich im wahrsten Sinne des Wortes weggeblasen. Ich konnte mich zuweilen nicht gegen den Wind, der sich inzwischen zum Sturm aufgebläht hatte, wehren.

Wir verspürten immer noch den Drang, die Raketen zu finden, und meine Gruppe eilte so schnell voran, wie sie konnte. An manchen Stellen auf der Autobahn war die Sicht so schlecht, dass wir die Straße vor uns nicht sehen konnten. Und dennoch überholten wir die Laster und PKWs, die zu langsam fuhren, was bedeutete, dass wir „im Blindflug" die Gegenspur entlangfuhren. Das war sicher eine der schrecklichsten Situationen, die ich je durchlebt habe.

Jewgenij, der direkt hinter mir saß, sagte etwas lapidar: „Wir sollten uns besser anschnallen." Bald darauf legte der Sturm sich für einen Moment und der Fahrer unseres Autos nahm eine Linkskurve ein wenig zu schnell. Er verlor auf dem Eis die Kontrolle über das Fahrzeug und schlingerte von Straßenrand zu Straßenrand, bis er irgendwann im Straßengraben landete. Immerhin fuhren wir langsam genug, dass nichts beschädigt wurde, und glücklicherweise kippte das Auto nicht um. Die anderen Mitglieder unserer Truppe kamen zurück und zogen uns heraus.

Nach diesem Ereignis schnallten wir uns alle an. Wir begannen auch alle mit Rauchen, sogar die Nichtraucher. Der Fahrer gab zu, dass dieser Vorfall ihn wachgerüttelt hätte und er zukünftig „vorsichtiger sein würde".

Ich versuche häufig Leute mit Flugangst damit zu beruhigen, dass ihre Fahrt zum Flughafen statistisch betrachtet hundertmal gefährlicher ist als der eigentliche Flug, unabhängig davon, wohin die Reise geht. Deshalb bräuchten sie sich keine Sorgen zu machen, wenn die Maschine abhebt. Dieser Vorfall erinnerte mich noch einmal daran, wie gefährlich das ganze Unternehmen eigentlich war.

Wir fuhren weiter, sogar als es dunkel wurde. Die Truppe hatte seit gestern früh keine warme Mahlzeit mehr gehabt, und auf meine Bitte um Essen wurde mir ein Snickers-Riegel in den Mund geschoben.

Irgendwann nach Einbruch der Dämmerung sah die Truppe ein, dass die Weltraumtrümmer von der Konkurrenz aufgelesen wurden und sie in dieser Gegend wahrscheinlich kein Glück haben würden. Ihre Geheimstrategie – von der ich noch berichten werde, sobald ich von meiner Geheimhaltungspflicht entbunden sein werde – hatte wahrscheinlich versagt.

Wir wurden in der verschneiten Finsternis plötzlich von einem bewaffneten Polizisten angehalten. Er sagte, dass die Straße weiter unten wegen des schlechten Wetters geschlossen wurde. Die Jagd auf die Weltraumobjekte würde bis morgen aufgeschoben werden müssen. Während die anderen durch diese Schlappe niedergeschlagen wurden, freute ich mich aus egoistischen Gründen über diese Wendung der Ereignisse. Eine warme Dusche! Mein eigenes Bett! Internet? Kino? Vielleicht würde ich sogar meine Kleidung wechseln können... Ich war glücklich wie ein Kind und, wie die anderen sofort bemerkten, äußerst konzentriert bei der Sache, um sicherzustellen, dass wir ein Hotelzimmer für die Nacht fanden.

Ich lief zur erstbesten Unterkunft, auf die wir stießen, und musste feststellen, dass sie keine freien Plätze mehr hatten. Also schrieb ich die Namen und Adressen aller nahegelegenen Hotels auf. Als ich begriff, dass die Herberge, die wir ausgewählt hatten, keine Kreditkarten oder zu meinem wiederholten Entsetzen keine russische Rubel akzeptierte, ging ich zur hiesigen Bahnstation, wo sich der einzige Geldautomat der Stadt befand. Als ich dann für die Unterkunft mit all ihren Annehmlichkeiten bezahlte, war ich mit einem Mal enorm zufrieden und glücklich.

Wir genossen schließlich noch eine warme Mahlzeit und Getränke, bevor wir uns in unsere Zimmer zum Schlafen zurückzogen. Nun war es an der Zeit, dieses kleine Stück Paradies zu genießen. Und das Beste daran: Ich konnte ausschlafen, weil die Straßen morgen vor elf Uhr nicht wieder frei sein würden. So langsam begann ich, die kasachische Steppe zu lieben.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland