Stürmische Fahrt am siebten Tag

Fahren durch den Schneesturm ist keine leichte Aufgabe. Foto: Artjom Sagorodnow

Fahren durch den Schneesturm ist keine leichte Aufgabe. Foto: Artjom Sagorodnow

Am siebten Tag der Expedition Trophy ärgerten wir uns über kasachische Schneestürme und Polizisten. Zwar fanden wir weiterhin keinen Weltraumschrott, dafür entkamen wir aufgrund unserer PS-starken Jeeps einer Verhaftung.

Nach einem weiteren Autowechsel fuhr ich nun mit Inna, Peter und Vadim, alle ebenfalls vom Lemax-Team. Inna war Chefin der Personalabteilung der Gesellschaft, die insgesamt mehr als 700 Angestellte beschäftigt. Vadim zeichnete für die Abteilung Forschung und Entwicklung verantwortlich und Peter kümmerte sich um die Energieprozesse des Unternehmens.

Wir hatten den Entschluss gefasst, einen Vorsprung herauszufahren, und ließen deshalb das Frühstück aus. Aber Pustekuchen – nach fünf Minuten Fahrt stießen wir auf eine weitere gesperrte Straße. Ein bewaffneter Polizist wies uns an umzudrehen. Und dennoch gab es einen Hoffnungsschimmer.

Als wir umdrehten, gaben wir zwar die Hoffnung auf, Kasachstans neue Hauptstadt Astana zu erreichen. Die Stadt ist eine moderne Oase, voll von Denkmälern des ständig wiedergewählten Präsidenten. Doch unser Tracking-System teilte uns mit, dass der Schneesturm eine Weltraumkapsel durch das halbe Land geschleudert hätte – unsere Aufgabe war es doch, diese aufzusammeln. Wenn wir uns also in Richtung Norden auf Omsk in Russland zu bewegten, würden wir auf unserem Weg zur nächsten Etappe der Reise wohl noch eine schwache Hoffnung haben dürfen, die Mission der Kapselbergung schließlich zu Ende zu bringen.

Inna und Peter machen eine kleine Pause. Foto: Artjom Sagorodnow

So weit kam es leider nicht. Hier ist ein guter Zeitpunkt, um über unseren erfolglosen Geheimplan zu berichten. Bei unserem letzten größeren „Boxenstopp" in Nowgorod war es dem Kapitän des Lemax-Teams gelungen, eine informelle Allianz mit einer der anderen Mannschaften, „Unser Alaska", zu schließen. Die beiden Teamleiter waren der Meinung, dass es nahezu unmöglich sei, rechtzeitig zum Weltraumbahnhof Baikonur und zurück nach Sibirien zu kommen und dass die heißbegehrten

Weltraumobjekte wohl kaum direkt neben der Autobahn landen würden. Die Veranstalter hatten versprochen, insgesamt fünf Kapseln zu starten, begonnen in Baikonur bis hin in die Nähe von Astana.

Als zusätzliche Hilfe hatte sich Team „Unser Alaska" mit jemandem aus dem kasachischen Katastrophenschutzministerium in Verbindung gesetzt, der uns gegen eine gewisse Aufwandspauschale Hubschrauberunterstützung zusicherte. Sobald die Kapsel gelandet wäre, würden wir ihnen die Koordinaten übermitteln und ihr Pilot würde sie aufsammeln. Anschließend würde dieser – wenn wir es nicht rechtzeitig bis dahin geschafft hätten – einer weiteren Kontaktperson in Astana übergeben, die sie dann bei uns abliefern würde.

Mit dieser Strategie hätten wir mindestens zwei Kapseln finden müssen, damit sich die beiden Mannschaften die „Beute" teilen konnten. Aber warum sollten es nicht auch drei oder vier werden? So dachten wir jedenfalls, war ja auch ganz logisch. Und was für einen triumphalen Einzug nach Rujan, unserem nächsten Zielort in Sibirien, würde das werden und vielleicht den Sieg über die gesamte Konkurrenz bedeuten!

Das hört sich doch ganz einfach an, oder? Wir schwelgten bereits im Vorgeschmack auf den Sieg, bis die Veranstalter der Konkurrenz ihre nächste Presseinformation veröffentlichten. In dieser lautete es etwa wie folgt: „Wir werden keine Mannschaften dulden, die irgendwo in Omsk herumsitzen und Tee trinken, während irgendjemand für sie die Kapseln aufsammelt. Das führt zur Disqualifikation!"

Zuerst waren wir wütend. Die Veranstalter hatten immer betont, dass Hilfe von außen erlaubt sei, da es durch die Regeln nicht explizit verboten würde. Aber unsere Wut wich der Resignation, als wir bald darauf erfuhren, dass das Space-Team den ganzen Weg bis nach Baikonur gefahren war und die erste Kapsel bereits aufgesammelt hatte. Sie wurden für ihren Eifer und das verrückte Fahren durch die Steppe belohnt.

Nach diesem Rückschlag hingen wir noch der Hoffnung nach, wir könnten eine der Kapseln auf unserem Weg zurück nach Russland finden. Aber es sollte wohl nicht sein – dreißig Minuten später stellten wir fest, dass die Straße nach Russland gesperrt war. Die Kasachen haben eine hervorragende Methode gefunden, mit Schneestürmen, Autounfällen und schlechten Straßen fertig zu werden: Sie sperren einfach die Autobahnen.

Dieses Mal waren die Fahrer richtig sauer. Einige erklärten den drei Offizieren, die an dem Sperrposten Wache schoben, dass sie einfach weiterfahren würden. Die Polizisten versprachen ihrerseits, sie in diesem Falle zu verhaften.

Ein ranghöherer Offizier traf ein, und einer meiner Teamkollegen erklärte unsere Notlage. Es handele sich um einen großen internationalen Wettbewerb, sagte er. Wir hätten Journalisten dabei – was sollten die denn berichten? Der ranghöhere Offizier drohte, mich zu bestrafen, sollte ich Fotos von den Ereignissen machen. „Das ist ein öffentlicher Platz. Ich kann hier doch fotografieren, wenn ich will", plädierte ich. „Nicht in der Republik Kasachstan", wurde mir erklärt.

Gerade als ich über das Thema ‚Blogging aus einer kasachischen Gefängniszelle heraus' nachdachte, war von der Straße her zu vernehmen, dass seine Offizierskumpel im Schnee stecken geblieben waren. Wir schickten unsere Jeeps zu Hilfe und zogen schon bald ihr Fahrzeug aus dem Schnee. Diese Offiziere hatten nichts dagegen, fotografiert zu werden. Einer von ihnen schenkte mir sogar ein Lächeln.

Wir kehrten zu der gesperrten Straße zurück, und die Offiziere sahen geflissentlich in die andere Richtung, als unsere beiden Jeeps seelenruhig an ihrem improvisierten Kontrollpunkt vorbeifuhren. Um Mitternacht herum passierten wir schließlich wieder die russische Grenze und fuhren Richtung Rujan weiter.

Nach nüchterner Überlegung konnte ich verstehen, warum die Polizei diese Straßen gesperrt hatte: Das Wetter war nicht besser geworden und den größten Teil der Strecke fuhren wir durch einen Schneesturm.

Unter normalen Umständen grenzte es an Wahnsinn, bei diesem Wetter auf die Straße zu gehen, ganz zu schweigen davon, an einem Wettrennen teilzunehmen. Der Wind heulte unaufhörlich, die Straßengräben waren mit PKWs und Lastwagen „verziert". Allein heute waren wir an drei schrottreifen Fahrzeugen vorbeigefahren, und einige Unfälle sahen sehr ernst aus. Unsere Fenster und Türen waren zugefroren; ich musste jedes Mal die Wagentür mit meiner Schulter aufstemmen, um aussteigen zu können. Die Sicht war manchmal so schlecht, dass wir buchstäblich in ein Meer aus weißer Watte fuhren. Selbst die Nebelscheinwerfer waren keine Hilfe.

Ich erfuhr auch, dass die Mannschaft, mit der ich anfangs unterwegs war, „Team Trust", einen Unfall gehabt hatte. Dass sie nicht verletzt wurden, glich nahezu einem Wunder. Einer der Wagen war nach einem frontalen Zusammenstoß mit einem entgegenkommenden Lastwagen nur noch ein Haufen Schrott. Das diente uns als eine weitere Erinnerung an die ständigen Gefahren, denen wir uns alle im Namen des Team-Buildings ausgesetzt hatten.

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