Ein geheimnisvoller Ort voller Utopien

Ein großes, blaues Schild begrüßt die Einwohner und Gäste der Stadt Rujan: Unternehmer aller Länder vereinigt Euch! Foto: Artjom Sagorodnow

Ein großes, blaues Schild begrüßt die Einwohner und Gäste der Stadt Rujan: Unternehmer aller Länder vereinigt Euch! Foto: Artjom Sagorodnow

Endlich kamen wir in dem Unternehmer-Utopia Rujan an, einer Stadt voller Ideen und Ideale. Am achten Tag der Expedition Trophy konnten wir uns etwas von den Strapazen erholen.

„Haben Sie es satt, jeden Tag ins Büro zu gehen? Sind Ihnen zwanzig Tage Urlaub im Jahr zu wenig? Wollen Sie viel Geld verdienen und so leben, wie es Ihnen gefällt?" Diese Fragen begegnen einen auf der Webseite des Expeditionsgründers Alexander Krawzows. Der Schöpfer der Marke Expedition ist bekannt als russischer Unternehmer mit Wagemut und Experimentierfreude. Bald schon werde ich ihn treffen.

Es war Morgen, als wir in Krawzows „Smaragdenstadt" ankamen. Nach der mörderischen Nacht, während der wir die ganze Zeit durch einen nicht enden wollenden Schneesturm gefahren waren, zogen wir gegen zehn Uhr morgens in Rujan ein. Die Stadt liegt hinter den sibirischen Metropolen Omsk und Nowosibirsk im Gebiet Tomsk.

Das Wetter wurde besser und wir wurden von einem knackigen, aber ausgesprochen ruhigen und sonnigen sibirischen Wintertag begrüßt. Ringsherum waren wir von Birkenbäumen umgeben.

Die Stadt Rujan wurde 2010 auf einem Felsplateau mit Blick auf den Ob, Sibiriens größten Fluss, gegründet und bietet eine atemberaubende Aussicht auf das Tal zu seinen Füßen, mit Wäldern, die bis zum Horizont reichen. Gegenwärtig besteht die Gemeinde aus wenig mehr als einem großen zweistöckigen Holzhaus, in dem sich eine Kantine, eine Küche, ein Vortragssaal, Schlafräume und Lagerräume befinden, mehrere Banjas (traditionelle russische Dampfsaunen), Wirtschaftsgebäude und Jurten, die als Schlafräume für Gäste dienen, eine Sprungschanze und ein Juri-Gagarin-Denkmal im Zentrum, das dem gleicht, das im vergangenen Jahr in Houston, Texas, eingeweiht wurde.

Ein großes, blaues Schild begrüßt die Einwohner und Gäste gleich am Ortseingang: Unternehmer aller Länder vereinigt Euch!

Krawzow stellte sich die Stadt als eine Verkörperung seiner Werte vor. Seine Idee war es, einen Ort zu errichten, an dem Gleichgesinnte Wissen, Geschäftserfahrung sowie – und das ist wohl das Entscheidende – Ideen für Finanzierungen für erfolgreiche Unternehmensideen austauschen können, ähnlich wie bei einer Entdeckungsreise.

Die Stadt wurde mit Absicht in die Nähe der Natur und weit entfernt von Bürokratie und Korruption erbaut. Krawzow sieht sie als eine globale Top-Destination für Unternehmer an, so wie die russische Regierung Moskau zu

einem Weltfinanzplatz gestalten will. Die Einwohner dürfen sich nicht auf romantische Beziehungen zueinander, dem Konsum hochprozentigen Alkohols und Fluchen in Anwesenheit von Frauen herablassen. Das alles ist Teil der Gesetze und der Ethik, die auf der Webseite der Stadt aufgeführt sind und die in Krawzows Buch „Das Leben als eine Entdeckungsreise" erläutert werden.

Bei unserer Ankunft waren die Einheimischen mehr als eifrig dabei, uns in der Kantine zu beköstigen und uns bei der Orientierung in der Umgebung zu helfen. Mir wurde empfohlen, mich zu beeilen und eine der Banjas aufzusuchen, bevor ich keinen freien Platz mehr fände, aber leider kam ich zu spät und musste nun bis zur nächsten Gelegenheit, das Reinigungsritual genießen zu können, warten.

Das warme Essen war jedoch eine echte Entschädigung; außer belegten Broten und geröstetem Fleisch wurden wir mit Nudelsuppe und Schurpa, einer vor allem in Mittelasien sehr beliebten Fleischsuppe, bewirtet.

Der Aufenthalt bot auch einige Zeit, um mit den anderen Journalisten Geschichten auszutauschen. Tolja, mein neuer Freund aus der Online-Nachrichtenagentur Gazeta.ru, den ich bei meinem Flug nach Murmansk kennengelernt hatte, war mehr als glücklich, dass er den schnelleren Weg hierher gewählt hatte.

Er übernachtete in einem Hotel in Jekaterinburg mit richtigem europäischem Komfort und hatte die Gelegenheit, die Stadt mit einem alten Freund erkunden zu können. Meine Geschichten von Kasachstan übertrafen jedoch alles, was die anderen Journalisten zu berichten wussten.

Ich beschloss, mit den Leuten vom Team „Kosmos" (Weltraum auf Russisch), dem Sieger der ersten beiden Etappen unseres Wettrennens, weiterzureisen. Sie hatten zwei der fünf Weltraumkapseln in der kasachischen Steppe aufgespürt und waren nun die größten Anwärter auf den Gesamtsieg.

Nach dem geplanten „Speziallauf" – man erinnere sich, dass der letzte von allen außer den Priestern boykottiert worden war – und dem verrückten Lauf durch den Schnee rannten wir diesmal zum Baikalsee. Ich nutzte den Wettlauf dazu, mich bei den Minusgraden, dem Wind und der Dunkelheit warm zu halten.

Ich begriff bald, warum diese Kerle an der Spitze waren: Sie vergeudeten keine Zeit mit Formalitäten, waren die ersten auf der Straße nach dem Speziallauf, hatten ihre Routenplanung lange im Voraus vorbereitet und fuhren und schliefen gemäß einem strengen Zeitplan.

Die einzige Information, die ich über sie herausfinden konnte, war, dass mindestens einer von ihnen in einem mit dem Rüstungssektor verbundenen Ingenieurbüro arbeitet, was, wie ich glaube, die militärische Herangehensweise erklärt.

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