Bier trinken in Moskau

Das 4. Große Bierfestival in Moskau, 2006. Foto: RIA Novosti

Das 4. Große Bierfestival in Moskau, 2006. Foto: RIA Novosti

Man kann sich eine Stadt auf verschiedene Weise erschließen, durch Museen, Theater, Galerien, oder aber durch Restaurants, Bars, Kneipen usw. Ich werde mal genau diesen Weg versuchen.

Anfang der 90er zeigte sich Moskau als großer grauer Moloch mit breiten Straßen, wenig Geschäften und noch weniger Restaurants und Bars. Da waren die schon zu Sowjetzeiten legendären Restaurants wie „Aragwi“ neben dem Denkmal Juri Dolgorukis oder das Praga am alten Arbat. Wer im Praga seine Hochzeit gefeiert hatte, zählte gewissermaßen dazu. Das war in, das war schick. Das Praga rettete Ruf und Glanz bis in die Neuzeit, unter seinem Dach befanden sich 11 Restaurants, die auch den höchsten Ansprüchen genügten.

Dann kamen zu den genannten und den nicht sehr interessanten Restaurants in den Hotels ein paar Pubs dazu, wie das Rosy’s o Grady’s und im großen unwirtlichen Hotelkomplex in Izmailovo das Jever Stübchen. Die waren natürlich alle hoffnungslos überfüllt, hatten aber immer ein Plätzchen für Insider. Bald galt das Restaurant mit Bar im kleinen Art-Hotel am Prospekt Vernadskogo als Geheimtipp, sowohl unter den Moskauern als auch vor allem unter den Deutschen. Gastlich und ideenreich zeigt sich das kleine Hotel mit seinem Restaurant und vor allem ein gutes Bier zu guter deutscher Küche lockte die Leute an. Der echte Biergarten mit sonntäglicher Blasmusik sprach sich herum wie ein Lauffeuer.

Danach schossen Bars, Cafes, Restaurants und Bierkneipen wie Pilze aus dem Boden und verschwanden auch sehr schnell wieder, um neuen Platz zu machen. In den frühen 90ern gab es keine ordentlichen Kaffeehäuser, aber viele Cafes, wo es manchmal nicht einmal Kaffee gab. Das ist natürlich wieder ein russisches Kuriosum. Die Lizenzen für ein Cafe sind billiger als die für ein Restaurant. Die Einschränkungen wie begrenztes Speisenangebot sind aufgehoben, so dass es für junge Unternehmer Sinn macht, ein Cafe anstelle eines Restaurants zu eröffnen.

Amüsant sind die Namen für Bierkneipen in Moskau, da sind der Phantasie und dem Verständnis, was die Besitzer von Deutschland haben, keine Grenzen gesetzt. Ich denke da zum Beispiel an „Hände hoch!“, was mit kyrillischen Buchstaben geschrieben sehr pikant aussieht und wegen des fehlenden Buchstaben H im Russischen wie Chände choch ausgesprochen wird. Aber auch „Frau Schnapsbier“ ruft ein Lächeln hervor. Die Wirtin versucht häufig wie Frau Schnapsbier zu agieren oder zu wirken.

„Sehr gut!“, „Bierdorf“, „Schwarzwald“, „Der alte Müller“, „Bürgermeister“ (Burgomistr), „Bierhaus“, „Hans und Martha“, „Bierstrasse“, „Bavarius“, „Gebrüder Mann“, „Hans“, „München“ werden Bierkneipen hier genannt. Es gibt immer mindestens ein deutsches Bier vom Fass. Importbier zu trinken geht ganz schön ins Geld wegen der hohen Einfuhrzölle und Akzisen. Deutsche Gäste, die mit den russischen Gepflogenheiten nicht so vertraut sind, schnappen bei den hiesigen Bierpreisen ganz schön nach Luft. Aber beim Business po russki stehen auch im Land gebraute ausländische Biersorten im Preis den importierten in Nichts nach.

Für Russen essen die Deutschen Bratwurst, Bockwurst, Eisbein oder Haxe mit Sauerkraut. Sicher, das essen wir auch, aber doch nicht permanent. Und das, was in allen genannten Bierkneipen an deutscher Küche angeboten wird, ist ein absolutes Phantasieprodukt. Selbst die Würste beleidigen den verwöhnten Gaumen. Dazu reicht man dann zu allem Überfluss noch russischen Senf, der nach nichts schmeckt, nur mit seiner Schärfe die Tränen in die Augen treibt und den Geschmack von Würsten und Haxen unterdrückt. Solchen Senf kann man in Betriebskantinen auf den Tisch stellen, um die Frikadellen genießbarer zu machen.

Meiden sollte man Etablissements mit einem breiten Küchenangebot, von europäischer Küche, was auch immer das sei, über Sushi und kaukasische Küche, steht alles auf der Speisekarte. Das ist ein Allerlei, was nicht schmeckt, nur satt macht.

Auffällig ist, dass immer viel zu viel Personal zugange ist, das sich gegenseitig beim Arbeiten behindert oder ungeniert quatscht und die Gäste über lange Zeit ignoriert. Mit Mühe werden die Teller zu den Tischen balanciert, es fehlt eine gediegene Kellnerausbildung. Die Handgriffe müssen sitzen, es muss eine Freude sein, ihnen dabei zuzusehen. Und ein Lächeln auf dem jungen Gesicht anstelle von Verkniffenheit brächte mehr Trinkgeld und Zufriedenheit auf beiden Seiten der Barrikade.

Unheimlich verbessert hat sich die Toilettenfrage. Das ist ja bekanntlich ein speziell russisches Problem. Leider gibt es hier keine Regelung, wie viele Toiletten prozentual zur Anzahl der Sitzplätze bereit zu stellen sind. Es ist wirklich spannend, nach reichlichem Biergenuss noch eine Weile vorm Örtchen anstehen zu müssen. Freiwillig löst diese Frage offensichtlich niemand, deshalb müssen sinnvolle Anordnungen her. Solche Fragen sind aber für Beamte nicht interessant, weil nicht einträglich.

Ich hatte in der zweiten Hälfte der 90er im Restaurant und Nachtclub „Friedrich II.“ beim Umbau unter anderem auf die Lösung der Toilettenfrage gepocht. Und zur Freude der Gäste einen Kondomautomaten aufgehängt. Es setzten regelrechte Exkursionen ein, um dieses Phänomen zu bestaunen.

In den 90ern hatten fast alle gastronomischen Einrichtungen rund um die Uhr oder bis zum letzten Gast geöffnet. Diese Zeiten sind vorbei, außer den Nachtclubs machen die Kneipen und Restaurants gegen Mitternacht dicht. Da kriegt man problemlos noch die letzte Metro und kann kostengünstig nach Hause fahren.

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