Vom Abenteuer zum Alltag

Der gefrorene Baikalsee. Foto: Artjom Sagorodnow

Der gefrorene Baikalsee. Foto: Artjom Sagorodnow

Die Fahrt mit dem potenziellen Siegerteam zum Baikalsee ist abenteuerlich, aber unser Blogger findet Zeit zum Nachdenken – und inneren Frieden, der ihm gegen die Langeweile hilft.

2. März 2013, Rosneft-Tankstelle, Gebiet Irkutsk

Während unserer langen und wahnsinnigen Fahrt von der Stadt Ruyan bis zum Baikalsee hatten wir einige Schwierigkeiten mit dem Wagen und mussten einen zweistündigen „Boxenstop" an einer Tankstelle in der Nähe der Grenze zwischen der Region Krasnojarsk, Russlands flächenmäßig größtem Gebiet, und dem am Baikalsee grenzenden Gebiet Irkutsk einlegen.

Während einige Team-Mitglieder die Reifen bei einem der Jeeps

austauschten und bei der üblichen frostigen Kälte unter den Wagen abtauchten, hatte ich Gelegenheit, zusammen mit dem Teamleiter Sergej ein warmes Mittagessen, bestehend aus Borschtsch und Pelmeni, zu genießen. Schwer vorstellbar, dass sich jemand ein solches Abenteuer mit den ganzen finanziellen Belastungen auf sich nimmt, ohne sich die offensichtliche Frage zu stellen: Warum eigentlich? Warum schicken die Veranstalter Jahr für Jahr die Teilnehmer auf eine vollkommen verrückte Tour quer durch das ganze Land, lassen dafür mehr als eine Million Euro springen und setzen sich solchen Gefahren aus?

Was ist so toll daran, zwei Wochen lang unbequem zu schlafen oder nicht zu duschen und dabei die Sehenswürdigkeiten am Wegesrand aus Erschöpfung und Schlafmangel nicht sehen zu können? Der Kapitän des Teams, das bisher fast jeden Wettbewerb gewonnen hatte, schien die geeignete Person zu sein, um diese Frage zu beantworten.

Sergej dachte über die Frage nach und kam zu dem Schluss, dass dieser Wettbewerb nichts Ganzes und nichts Halbes sei: „Es ist kein richtiger Tourismus und es ist auch kein richtiger Sport. Für Tourismus ist er zu extrem, und für einen Sport ist er zu kompliziert.“ Der Erfinder dieses Offroad-Abenteuers, Wladimir Krawzow, fand am Vortag auf der Pressekonferenz der Gesellschaft in Ruyan seine eigene Definition: „Wenn die Chinesen einen Plan haben, um zuerst Taiwan zu schlucken und dann Russlands Fernen Osten und Sibirien, dann sollten wir einen Plan haben, um unser Land zusammenzuhalten. Und das hier ist unser Versuch.“ Krawzows Blick auf das Ziel geht, wie immer, über schnöde Public Relations hinaus.

Während des Mittagessens stellte ich fest, dass Sergejs Space-Team die einzige der Mannschaften war, mit denen ich bis jetzt gereist war, die ihre Verpflegung von zu Hause mitgebracht hatte. Wir genossen die heiße Suppe aus der Thermosflasche, während wir mit dem Wagen über Sibiriens eisige Straßen sausten. Jede Mahlzeit begann mit gründlichem Händewaschen. Das Team ging den Wettbewerb auf sehr kultivierte und organisierte Weise an.

Als die Mannschaft ihre Reparaturarbeiten beendet hatte, waren wir auch mit unserer Mahlzeit fertig und setzten unsere Reise in die Finsternis fort. Ich bemerkte in der Nähe ein Gebäude mit der Neonlichtaufschrift Motel. Ich hatte solche Etablissements schon öfters auf unserer Reise bemerkt; anscheinend sind sie in den letzten fünf Jahren entstanden.

Diese preiswerten, standardmäßig möblierten Übernachtungsgelegenheiten an den Fernstraßen, die grundlegende Hygiene- und Komfortansprüche erfüllen, scheinen bei den Russen recht gefragt zu sein. Ich war ganz heiß darauf, eines von ihnen auszuprobieren, um es mit den amerikanischen Motels zu vergleichen. „Wir können dich ja hier zurücklassen, wenn du willst", witzelte Team-Mitglied Dima. Ich lehnte das Angebot dankend ab – der Baikalsee war nur noch eine Tagesreise weit entfernt.

Das Rasen durch diese wahnsinnigen Schneestürme, das Schlittern über die Straße und das Herausziehen anderer Autos aus dem Straßengraben entwickelte sich allmählich zu einer täglichen Routine. Für mich als Reporter war die Langeweile einer der grundlegenden psychologischen Faktoren, mit denen ich mich auf dieser Reise zu befassen hatte. Ich kann im Auto nicht lesen, und die Akkus in meinen diversen elektronischen Geräten gaben recht schnell den Geist auf.

Die Teams, mit denen ich unterwegs war, waren nie sehr heiß darauf, mich mit dem Steuern des Wagens oder der Navigation zu betrauen. Sobald ich meine Blogeinträge geschrieben und meine Bilder aufgenommen hatte, blieb also sehr viel Zeit, in der ich absolut nichts zu tun hatte. Selbst das Starren aus dem Fenster war auf die Dauer äußerst monoton.

Diese andauernde Langeweile zermürbte mich; das Flair des Abenteuerlichen machte sie allerdings noch halbwegs erträglich. Komisch, aber ich glaube, wenn ich jetzt weiter so reisen müsste, wäre ich wahrscheinlich weniger angespannt und ungeduldig wie bei einem ganz normalen Trip.

Diese Reise bestätigte genau das, was der – leider viel zu früh verstorbene – Dichter Joseph Brodsky („Lob der Langeweile") bei der Absolventenfeier im Dartmouth College feststellte, als er nämlich sagte, dass Universitäten daran scheiterten, die Studenten auf das Wichtigste vorzubereiten, womit sie es wahrscheinlich den Rest ihres Lebens zu tun haben würden: die Langeweile. Er behauptete, dass es zwei Möglichkeiten gäbe, damit umzugehen: Entweder bekämpft man sie mit Intrigen oder man empfängt sie einfach mit offenen Armen.

Aber nun wieder zurück auf die Straße.

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