Offroad-Abenteuer im Zugabteil

Artjom Sagorodnow: "Chabarowsk ist bei Weitem die europäischste Stadt, die ich in Russlands Fernen Osten gesehen habe." Foto: Artjom Sagorodnow

Artjom Sagorodnow: "Chabarowsk ist bei Weitem die europäischste Stadt, die ich in Russlands Fernen Osten gesehen habe." Foto: Artjom Sagorodnow

Artjom kommt in Chabarowsk an und genießt die Vorzüge der fernöstlichen Stadt. Zum Ziel Wladiwostok geht das Offroad-Abenteuer im Expedition-Trophy-Abteil der Eisenbahn weiter.

8. März 2013, Wladiwostok.

Der Bahnhof von Wladiwostok hat ein Denkmal, das an die Fertigstellung der längsten Eisenbahnstrecke der Welt erinnert. Es markiert die Stelle, an der Moskau 9 288 Kilometer entfernt liegt. Hier betrat ich nun die Stadt – wobei ich einen wesentlich längeren Weg zurückgelegt habe. Dass ich am Bahnhof in Wladiwostok ankam, hatte ich den Veranstaltern zu verdanken. Diese ließen mich ab unserem letzten Stopp in Chabarowsk mit dem Zug weiterreisen, nachdem mehrere Teams aus dem Wettbewerb ausgeschieden waren.

Ich erreichte Chabarowsk zusammen mit dem Team „Unser Alaska" am gestrigen Nachmittag. Dort fand ich Gelegenheit, mich mehrere Stunden lang auszuspannen. Als ich vor einem Jahr schon einmal über dieses Gebiet berichtete, hatte ich erfahren, dass der gesamte Ferne Osten

Russlands unter einem Bevölkerungsrückgang zu leiden hat. Die Region hat in den letzten 15 Jahren mehr als 14 Prozent ihrer Bevölkerung verloren, größtenteils aufgrund der Abwanderung in den europäischen Teil Russlands. Jetzt leben hier noch insgesamt 6,7 Millionen Menschen, was die Gegend zu einer der am dünnsten besiedelten Gebiete der Welt macht.

Dem ungeachtet ist Chabarowsk der einzige Ort in dieser Region, der eine Bevölkerungszunahme zu verzeichnen hat. Die meisten Einheimischen sehen die Ursache dafür in einer Person: Viktor Ischajew, Chabarowsks Gouverneur seit fast einem Jahrzehnt und seit Kurzem Chef des von Putin neu geschaffenen Ministeriums zur Entwicklung des Fernen Ostens. Ja, es gibt mittlerweile ein komplettes Ministerium, das versucht, die Leute davon abzuhalten, diese Gegend zu verlassen.

Die Stadt nimmt beim Geschäftsklimaindex stets einen der vorderen Plätze in Russland ein. Das lässt sich auch an der Vielzahl von Cafés und Einkaufszentren, mit denen das Stadtzentrum gefüllt ist, ganz gut erkennen. An verschiedenen Stellen der Stadt werden Wolkenkratzer errichtet. So belegt unser Boutique-Hotel die ersten drei Etagen der sogenannten Chabarowsk City. Frauen gießen sorgfältig von einer speziellen Hebebühne aus die von Laternenmasten herunterhängenden Blumen.

Chabarowsk ist bei Weitem die europäischste Stadt, die ich in Russlands Fernen Osten gesehen habe. Die Fast-Food-Ketten haben es noch nicht bis hierher geschafft – noch nicht einmal McDonald's –, aber der Appetit auf alles, was fettig und salzig ist, verbunden mit unternehmerischer Verwegenheit hat zu einem blühenden Billigangebot einheimischer Fast-Food-Betreiber mit Namen wie Good Burger und McChicken's geführt.

Fast Food war eines jener Dinge, die ich nach der langen Reise am meisten vermisste. Die ganze Zeit hatten sich Hunger und Essen von Tankstellen-Raststätten (in den letzten Wochen üblicherweise Olivier-Salat, Borschtsch und Pelmeni) einander abgewechselt. In Wladiwostok war ich vollkommen auf Solotaja ptiza („Goldener Vogel") fixiert, einem Pendant zu Kentucky Fried Chicken mit einer Kinderspielecke wie bei McDonald's.

Am Abend war es dann Zeit, in den Nachtzug zu unserem endgültigen Bestimmungsort einzusteigen: Wladiwostok, Russlands größtem Pazifikhafen. Ich bedauerte ein wenig, dass ich nicht die ganze Reise mit dem Auto unterwegs sein konnte, war aber auch glücklich über die Gelegenheit, von diesem Sonderzug berichten zu können. Mit dem Zug waren die Veranstalter gereist und von hier aus hatten sie die Teams wie wilde Hunde durch die Gegend gejagt. In meinem vorangegangenen Blogeintrag hatte ich beschrieben, wie das Team „Unser Alaska" ein „bewegliches Ziel" erreichen musste, indem es den Waggon mit den Organisatoren während eines zweiminütigen Aufenthalts an einer Bahnstation erreichen musste. Und ich denke, ich habe die Idee der Reise quer durch Russland inzwischen vollkommen verinnerlicht.

Der Waggon war mit dem orangefarbenen Logo der Expedition Trophy versehen und mit Transparenten und Girlanden, die in allen Fenstern hingen, geschmückt. Der Waggon wurde entlang der Reiseroute in diversen Städten an die verschiedenen Linienzüge angekoppelt und verfügte über den ganzen „Luxus", den die meisten Teams während des Wettrennens entbehren mussten: eine Dusche, eine saubere Toilette, Betten und ein Café.

An diesem Abend feierten die Veranstalter mit Gesang und Gitarrenmusik das bevorstehende Ende der Reise sowie den Geburtstag eines Kollegen. Jedem wurde die Gelegenheit geboten, sein beziehungsweise ihr Gesangstalent unter Beweis zu stellen. Einige machten von diesem Angebot auch Gebrauch.

Ich befinde mich nun im Hotel Promorje in der Innenstadt von Wladiwostok und warte darauf, dass die „Ende-der-Reise-Party" losgeht. Die restlichen Teams haben bereits die symbolische Fahrt zum Leuchtturm am Stillen Ozean hinter sich, an dem die Reise ihr eigentliches Ziel hat. Der Leuchtturm stellt eine Verbindung zum Arktis-Leuchtturm her, an dem wir vor zwei Wochen gestartet waren. Aber die Journalisten sind zu diesem Ereignis nicht eingeladen worden.

Inzwischen komme ich meiner Gewohnheit des täglichen Duschens und Zähneputzens wieder nach. Ich werde die verbleibenden Tage mit den Vorzügen der Zivilisation verbringen, was mich etwas Anstrengung kosten wird – allerdings nicht allzu viel.

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