Kleine Stressfibel

Was für den Russen den Kick bringt, ist für den Deutschen beinahe tödlich. Unsere Bloggerin Adele prüft, ob dieses alte russische Sprichwort noch aktuell ist.

Was für den Russen den Kick bringt, ist für den Deutschen beinahe tödlich. Mit diesem lockeren Spruch wollten die lieben Russen schon zu Sowjetzeiten darauf hinweisen, dass sie mehr und härtere Sachen konsumieren können und überhaupt härter im Nehmen sind. Inzwischen hat sich das Leben hier allerdings so „verfeinert", dass sich dieser Spruch auf viele Lebensbereiche anwenden lässt. Ohne die deutsche Bürokratie schön reden zu wollen, unterscheidet sie sich doch grundlegend von der hiesigen. In jedem Amt wird der Bürger oder der Antragsteller oder wie auch immer behandelt wie ein Bittsteller. Oder wie ein Feind. Das Fehlen eindeutig auslegbarer Gesetze und Verordnungen, die sich häufig sogar widersprechen, öffnet natürlich der Beamtenwillkür Tür und Tor und nötigt die Bürger zu Schmiergeldzahlungen, weil auf normalem Wege so gut wie nichts zu erreichen ist.

Mit einem scheelen Blick nach oben kopieren die kleinen und mittleren Staatsdiener nur die großen. Da sie selbst keinen Zugang zu den Bodenschätzen des Landes haben, melken sie eben die Bürger, und zwar kräftig. Wiederum mit Billigung von oben, damit die Mittelschicht der Blutsauger ruhig und das Volk mit Herbeischaffen der nötigen Mittel beschäftigt bleibt.

Es meckert schon kaum noch einer über die Abzocke in Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern, weil sie leider zum Alltag gehört. Aber auch das Sterben ist teuer geworden. Erstmal muss ein Platz auf dem Friedhof ergattert werden. Friedhöfe liegen gewöhnlich weit außerhalb und platzen aus allen Nähten, weil die Grabstätten unbegrenzt bestehen bleiben. Ich hatte mich sehr stark gewundert, als ein ehemaliger Kollege, sonst ein Vorbild an Disziplin, total betrunken gegen Mittag zur Arbeit erschien. Er hatte sich eine Grabstelle gekauft. Nun konnte er ganz beruhigt weiter leben.

Die Plätze auf den zwei bis drei Prominentenfriedhöfen sind natürlich heiß begehrt. Offensichtlich gibt es auch nach dem Tode eine gewisse Hackordnung. Auf dem berühmtesten und natürlich begehrtesten Friedhof am Neujungfrauenkloster kann man nur beigesetzt werden, wenn erst der Oberbürgermeister von Moskau und dann noch der Premierminister ihr O.K. gegeben haben. Da kann dann schon mal der orthodoxe Brauch, den Toten am dritten Tag bis Mittag beizusetzen, ins Wanken geraten bei so viel zu bewältigender und allerhöchster Bürokratie. Und dann braucht man auch das nötige Kleingeld, denn der Friedhofsdirektor will auch leben. Grab schaufeln und wieder zuschippen kostet schlappe zehntausend Dollar. Da könnte man doch glatt Totengräber werden wollen.

Und wenn dann ein paar Leute außer der Reihe, sprich Neureiche oder hochgestellte Mafiosi auch dort beerdigt werden wollen, müssen sie aber ganz tief in die Tasche greifen, denn mit einer Million grüner Dollarscheinchen im Aktenköfferchen werden sie glatt wieder weg geschickt. Tja, mit Anton Tschechow und Nikita Chruschtschow auf einem Friedhof zu liegen ist nicht für einen Pappenstiel zu haben.

Es ist eine permanente Werteverschiebung zu beobachten, die natürlich nicht ohne paradoxe und absurde Blüten auskommt. Während Grab schaufeln zehntausend Dollar kostet, muss ein Student zehntausend Euro, das ist dann doch etwas mehr, hinblättern, um einen im Weiteren kostenfreien Studienplatz zu belegen. Fünf Jahre gegen die Ewigkeit?

Da setzen sich die armen Eltern mit Taschenrechner an den Küchentisch und rechnen hin und her, was sie denn an Studiengebühren in den fünf Jahren hinlegen müssten und ob es nicht günstiger sei, das dicke Couvert zu füllen und dann fünf Jahre relativ sorgenfrei zu leben. Die Gefahr dabei ist allerdings, dass es einen Wechsel an der Uni oder Hochschule geben kann und neue Besen dann von nichts wissen.

Weil wir gerade beim Bezahlen sind. Jeden Monat steht man sich in der Sparkasse, hier ist das die Sberbank, oder in der Post die Beine in den Bauch, um die Kommunalkosten zu bezahlen. Da hier die wenigsten ein Girokonto haben und Abbuchen nicht üblich ist, darf man einmal im Monat die Wartegemeinschaften genießen. Die Bankangestellten schaffen es aber kaum, den Strom der Zahlungswilligen zu bewältigen, also werden Automaten oder Terminals aufgestellt, wo man nach einem bestimmten Algorhythmus das Geld einzahlen kann. Wenn man es denn kann. Junge Bankangestellte stehen bereit, um den Rentnern beizubiegen, wie das geht. Ein schier aussichtsloses Unterfangen. Die Ärmsten lassen vor lauter Aufregung und Anspannung ihre Quittungen fallen und kommen total durcheinander. Außerdem geben diese Automaten kein Wechselgeld heraus, man muss also die verlangten Summen passend parat haben. Anstellen am Schalter müssen sie sich trotzdem noch einmal, um ihre Rente zu erhalten.

Die Räume sind überheizt, die Stimmung auch. Es ist also immer ein besonderes Schmankerl, wenn man zur Bank oder zur Post muss. Bei der Post wird der Kick noch verschärft durch Personalmangel einerseits und eigenwilliges beratungsresistentes Personal andererseits.

Noch ein kleiner Leckerbissen zum Thema, Geld kann man nicht verdienen, man muss es sich ausdenken! In einem Hotel in Sotschi fand eine Konferenz statt. Flugs wurde ein Automat aufgestellt, an dem man sein Mobiltelefon aufladen konnte. Das war auch nötig, den das Roaming im großen Lande ist Raub gleich zu setzen. Da ist das Konto schnell leer und jeder will sich doch bei der Familie melden oder die Geliebten in Kenntnis setzen. Zahlreiche Konferenzteilnehmer luden ihr Mobilkonto mit 1000 Rubel, das sind ungefähr 25 Euro, auf. Das Geld kam aber nie bei auf ihren Telefonen an. Am nächsten Tag war der Automat verschwunden, samt dem Geld. Die pfiffigen Kassierer mussten sicher mit dem Hoteldirektor teilen, hatten aber Geld verdient, ohne sich groß anzustrengen.

Wenn ich das alles so Revue passieren lasse, komme ich zu dem Schluss, dass das eingangs erwähnte Sprichwort doch stimmt.