Liebling, lass uns heiraten!

Foto: PhotoXPress

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Heiraten in Russland: Ein unvergessliches Erlebnis.

An den Wochenenden, wenn nicht gerade hohe Fastenzeit ist, boomt der Hochzeitsdrang ungeheuer. Auf den Straßen bunt geschmückte Hochzeitsautos, Favoriten sind die Stretch-Limousinen, die zu einem ultimativen Muss geworden sind. Kann der Bräutigam keine solche Endloskutsche bezahlen, ist er schon out. Meistens, jedenfalls.

„Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht noch was Bessres findet" kommt auch hier langsam in Mode, will sagen, die Zahl der wilden Ehen nimmt auch hier zu. Aber auch die Scheidungsrate ist enorm hoch. Unter anderem auch deshalb, weil Scheiden, wenn kein minderjähriges Kind oder großes Vermögen vorhanden sind, preiswert und unbürokratisch ist. Im Schnitt kostet eine unproblematische Scheidung rund 400 Rubel, das sind 10€. Auf dem Standesamt wird der Scheidungswille angesagt, nach vier Wochen und Entrichten der Schreibgebühr kann dann der Bescheid abgeholt werden.

Leider gehen viele Ehen bald wieder kaputt, weil die jungen Leute zwangsläufig bei einem Elternteil wohnen müssen. Das ist dann oft der Anfang vom Ende. Eine Wohnung kaufen können sich nur die Wenigsten und mieten ist ja hier, wie sattsam bekannt, ein Riesenproblem.

Trotzdem ist der Run auf die Standesämter noch immer groß. Das Alter der Hochzeitswütigen ist auch recht jung im Vergleich zu Westeuropa.

Manchmal sieht man da noch so richtige Michreisbubis stolz neben einer sehr jungen Braut einhergehen. Heiraten ist hier eine sehr öffentliche Angelegenheit. Nach der standesamtlichen Zeremonie, die immer vom Mendelssohnschen Hochzeitsmarsch (arme Standesbeamte) begleitet wird und nur wenige Minuten dauert, geht die Rundfahrt durch die Stadt los. Roter Platz, selbstverständlich! Ich habe manchmal den Eindruck, dass genau das für die Bräute ein wichtiger Grund ist: einmal in Weiß über den Roten Platz schweben, egal, zu welcher Jahreszeit.

Sollte ein junges Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag schwanger werden, das Kind behalten wollen und sogar einen Mann dazu haben, darf sie mit Einverständnis der Eltern heiraten, das gilt für Mädchen ab 16. Ob das des Problems Lösung ist bleibt zu bezweifeln.

Zu Sowjetzeiten hat das einen besonderen Reiz, denn die jungen Paare durften an der Riesenschlange vorm Mausoleum vorbei gehen, um ihre Blumen nieder zu legen, bewundert und bejubelt von den Wartenden. Dann folgen die Sperlingsberge, wo an den Wochenenden unzählige Hochzeitsgesellschaften andocken, um einen Schluck Schampus zu schlürfen, die Jungvermählten hochleben zu lassen und Fotos vor dem Hintergrund der Uni oder dem Panorama der Stadt zu schießen. Manch einer versucht sogar seine frisch Angetraute auf ein Pferd zu hieven. Umsichtige Pferdebesitzer lassen ihre Tiere an den Wochenenden für die Kinder oder eben die abenteuerlustigen Bräute an der Uni auflaufen.

Wieder andere geschäftstüchtige Moskauer verleihen Taubenpärchen, die gegen einen gewissen Obolus auf die Reise geschickt werden oder, um ihr Wegfliegen zu verhindern, an langen rosafarbenen Bändern hängen.

Ein weiterer immer beliebter werdender Ort ist die Hochzeitsbrücke am Kadaschewski Ufer. Da gibt es sogar eine Bank mit zwei Ringen, die wie ein Heiligenschein über den Paaren schweben. Das Beste an der Hochzeitsbrücke sind aber die Schlösserbäume aus Metall, in deren Ästen Vorhängeschlösser jeder Größe und jeder Preisklasse mit den Initialen der Verliebten hängen. Der Bräutigam bringt das Schloss an und gemeinsam werfen die jungen Leute den Schlüssel in den Kanal der Moskwa. Somit soll ihre Liebe ewig halten und keiner soll dieses Schloss, ein Unterpfand ihrer Liebe, öffnen können.

Es kommen immer neue Bäume hinzu, dieser Brauch hat sich fest etabliert. Angefangen hat es auf der Patriarchenbrücke vor der Erlöserkathedrale. Da hängten die Verliebten und Vermählten ihre Schlösser an das Brückengeländer. Die Kirchenfürsten hielten das aber für einen heidnischen Brauch und schickten regelmäßig Schlosser los, die die Schlösser wieder entfernen mussten. Deshalb wurde die Hochzeitsbrücke erfunden.

Nachdem noch ein paar Orte abgeklappert wurden, wie zum Beispiel Kolomenskoje oder die VDNCH, das ist die ehemalige Volkswirtschaftssausstellung der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt, ist langsam die Zeit heran gekommen, um die eigentliche Hochzeitsfeier zu beginnen. Die lange Herumfahrerei hat nämlich neben Traditionsbewusstsein einen ganz simplen Hintergrund: die Feier im Restaurant beginnt erst nachmittags, aber die Trauung fand schon recht früh statt, deshalb musste die Zeit überbrückt werden. Nur wer sehr gute Beziehungen zum Standesamt hat, kann etwas später drankommen, um nicht so lange in der Luft zu hängen.

Wenn die Party dann endlich losgeht, haben die Ausflügler aber schon reichlich Sekt und Wodka, die im Sommer schön warm sind, bei jedem Halt genossen, so dass Vorsicht geboten ist. Aber was ist eine echte Hochzeit ohne eine handfeste Prügelei? Ein Langweiler.

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