Von politischer und medialer Prostitution

Die Güterabwägung zwischen Meinungsfreiheit und dem Recht auf Persönlichkeitsschutz ist ein Dauerthema im politischen Kampf. Unser Kolumnist Der Ulenspegel hat auch ein Paar Worte dazu.

„Die Redefreiheit ist ein hohes Gut, darum muss man verantwortungsvoll mit ihr umgehen". Wer das sagt, die meint meistens, dass die Medien doch bitte nicht allzu kritisch sein sollten. In Russland wurde die Verantwortung

der Presse jetzt wieder einmal heftig beschworen. Die Zeitung „Moskowskij Komsomolez" hat einen Artikel über weibliche Dumaabgeordnete publiziert, die mehrmals die Fraktion gewechselt hatten. Nun sitzen sie für das „Einiges Russland" im Parlament. „Politische Prostitution" nannte das Blatt diese Wendigkeit. Wie kann man es wagen, Damen derartig zu beleidigen, empörten sich daraufhin die Kavaliere der Putinpartei. Entrüstet wiesen sie darauf hin, dass die bewusste Zeitung Anzeigen für käufliche Liebe veröffentlicht. Ulenspiegel hätte sich angesichts der Popularität solcher Dienstleistungen im Moskauer Establishment etwas mehr Gelassenheit bei dem Umgang mit diesem Thema erwartet. Aber wenn es um die Ehre des schönen Geschlechts geht, kennen auch eingefleischte Bordellbesucher kein Pardon.

Aber ich schweife ab. Die Güterabwägung zwischen Meinungsfreiheit und dem Recht auf Persönlichkeitsschutz ist ein Dauerthema im politischen Kampf. In der Praxis verläuft dieser Prozess normalerweise so: Wer selbst betroffen ist, der gibt dem Schutz der Ehre den Vorzug. Wer etwas Abträgliches über seinen Gegner in den Medien findet, der sieht die Presse- und Meinungsfreiheit als grundlegend für die Demokratie.

Natürlich wird kaum ein Verfechter dieses Grundrechtes abstreiten, dass Pressefreiheit auch ihre Grenzen hat. Jeder gute Journalist weiß mehr, als er schreibt. Oft kennt er Details aus dem Privatleben von Politikern, die skandalträchtig sind, aber nicht unbedingt relevant. Manches, was er gehört hat, lässt sich nicht belegen. In solchen Fällen hat der Begriff der Verantwortung durchaus einen Sinn. Wie weit die Journalisten mit der Verantwortung gehen, ist eine andere Frage. In Japan beispielweise hat sich ein System sogenannter „Presseclubs" ausgebildet. Jedes größere Unternehmen, jede Behörde unterhält so einen Club, Mitglieder sind die Journalisten, die über diese Institutionen berichten. In den Club informiert man sie über so ziemlich alles, was im Hause passiert. Der Preis für dieses Insider-Wissen ist aber hoch: von alledem, was die Clubmitglieder hinter vorgehaltener Hand erfahren, steht kaum etwas in der Zeitung. Zum Ausgleich gibt es in Japan auch Medien, die nicht an dieser Symbiose teilhaben. Sie erfahren wenig, dafür erfinden sie fröhlich hinzu, was ihnen an Wissen fehlt. Die Japaner können mit dieser Situation umgehen. Sie wissen, dass die Wahrheit irgendwo zwischen dem Verlautbarungsjournalismus der einen und dem Skandalgeschrei der anderen Seite liegt.

Auch russische Mediennutzer haben es gelernt, kritisch mit Inhalten umzugehen. In der Sowjetunion las man zwischen den Zeilen und deutete Nuancen. Wenn in der Prawda geschrieben stand „in dem Bereich xyz ist alles bestens, jedoch..." dann wussten die Leser, dass es in diesem Bereich demnächst Ärger gibt. Dann kam die Perestroika und mit ihr die Transparenz, genannt „Glasnost". Die Medien bekamen die Aufgabe, Missstände aufzudecken, um so den Sozialismus weiter zu vervollkommnen.

Man könnte sagen, dass die Journalisten – aus der Sicht der KPdSU – ihre Verantwortung missbraucht haben, denn am Ende ging es dem Sozialismus selbst an den Kragen und mit ihm der Partei. Erst wurden nur Verfehlungen auf lokaler Ebene angeprangert, doch dann wagten sich die Journalisten immer mehr an grundsätzliche Fragen heran. Korruption auf höchster Ebene, organisierte Kriminalität, Massenverfolgungen und Gulag unter Stalin, der Pakt zwischen der Sowjetunion und Hitlerdeutschland...

Um 1990 herum waren fast alle politischen Tabus gebrochen und nun wurde kritischer Journalismus immer mehr durch Sex and Crime ersetzt. Die Medien ähnelten in dieser Zeit den übelsten westlichen Klatschblättern mit Berichten über Geistheiler, Ufos, Weltverschwörungen und sexuellen Abseitigkeiten. Journalisten warfen die Heiligen der Sowjetzeit in den Staub wie die roten Revolutionäre einst die Ikonen aus den Kirchen.

In dieser Zeit wurde es üblich, dass Journalisten gegen Bezahlung ihre Dienste jedermann anboten, der das orientierungslose Volk beeinflussen wollte. Damals waren die Gehälter knapp, die Preise stiegen, ein idealer Nährboden für Prostitution aller Art. Westliche Firmen, die auf den russischen Markt wollten, nutzen diese Möglichkeit genauso wie Oligarchen und Politiker. Im Jahr 1996 wurde der halbtote Boris Jelzin mit einem beispiellosen propagandistischen Trommelfeuer der Medien noch einmal in das Amt des Präsidenten gewählt.

Nach einer Zeit der Hilflosigkeit lernten die Russen wieder, mit den Medien umzugehen. Die alten Fähigkeiten im Umgang mit Propaganda waren noch nicht völlig vergessen. Mit dem Einzug der Demokratie werden die Medien endlich ehrlich, hatten die Menschen erwartet. Aber sie hatten sich getäuscht. Das machte sie zunächst ratlos. Wem konnte man noch glauben? Der orthodoxen Kirche, den Wunderdoktoren, die überall ihre Dienste anboten, den neuen Sekten aus Amerika, oder den politischen Extremisten aller Couleur? Die Meinungsvielfalt wurde nicht als Chance gesehen, sondern als Bedrohung. Inzwischen hat man sich auch daran gewöhnt. „Wer hat diesen Beitrag wohl bestellt und warum?" ist heute die erste Frage, die sich ein kritischer Mediennutzer in Russland heute stellt. Falls es heute tatsächlich eine Mehrheit für Putin und die Partei „Einiges Russland" gibt, dann nicht wegen, sondern trotz der offiziellen Propaganda. Wenn diese wirkt, dann in den Bereichen, in denen die Russen ohnehin ähnlich gestimmt sind wie ihre Politiker, also zum Beispiel in der ziemlich negativen Beurteilung des Westens.

Wir aufgeklärten Westler sind mit unserer kritischen Distanz zu unseren Medien gar nicht so viel anders, manchmal sogar noch naiver. Zwar wissen wir alle genau, dass die Bildzeitung sowieso lügt und Journalisten nichts anderes sind, als Prostituierte des Wortes. Aber in der Realität hinterfragen wir auch nicht immer, was uns die Medien präsentieren. Vor allem, wenn es um komplizierte Themen geht, die es nicht erlauben, einen schnellen Abgleich mit der Realität vorzunehmen. Im Zweifelsfall glauben wir das, was unsere bereits vorhandene Meinung bestätigt und suchen uns auch die Medien aus, die uns dabei helfen. Aber der Verantwortung der Medien steht auch die Verantwortung der Nutzer gegenüber. Prostitution blüht nur da, wo Bedarf an solchen Diensten gibt. Das gilt für alle Formen dieses Gewerbes.