Der Herr der Ringe

Der Boulevardring in der Nähe von Arbat. Foto: Slawa Stepanow / Gelio

Der Boulevardring in der Nähe von Arbat. Foto: Slawa Stepanow / Gelio

Die Verkehrsströme in Moskau werden über Ringe geschleust. Die Kolumnistin von Russland HEUTE erzählt über das Leben innerhalb der Ringe.

Moskau ist inzwischen sozusagen beringt. Die Verkehrsströme werden über Ringe geschleust. Anfangs gab es nur den Gartenring und den Boulevardring. Der Gartenring markierte im 19. Jahrhundert das Zentrum Moskaus, alles, was innerhalb des Gartenrings lag, gehörte zu Moskau,

alles andere war schon jwd. Welch ein Gefühl für den jungen Arzt Anton Tschechow, ein Haus an der Innenseite des Gartenrings zu besitzen. Jetzt allerdings nimmt sich das schmucke Häuschen eher bescheiden aus neben den gigantischen Bauten in der Nachbarschaft und liegt nun schon mitten im Zentrum.

Als nächster Ring wurde der Ring um Moskau, der so genannte Autobahnring, in Angriff genommen. Zweifellos ein Verdienst des ehemaligen Bürgermeisters Juri Luschkow, denn die aus Betonteilen bestehende Piste wurde zu recht Straße des Todes genannt. Ohne Trennplanken und unbeleuchtet galt sie als nächtens zu meidende Route. Der neue Autobahnring, MKAD genannt, konnte durchaus als modern und zweckmäßig gelten, wenn da nicht einige große Mängel die als Schnellstraße gedachte Umschließung der Hauptstadt anhafteten und sie zur Staustrecke ersten Grades werden ließen.

Am Autobahnring, an allen anderen Straßen übrigens auch, haben die Beamten ordentlich verdient. Beim Straßenbau kann man wunderbar klauen, es wird weniger reingepackt, als drin sein sollte. Im Ergebnis müssen neu gebaute Verkehrswege auch gleich wieder repariert werden, weil sich böse Schlaglöcher von Anfang an breitmachen. Und der geliebte MKAD ist ein paar Zentimeter schmaler ausgefallen, als geplant und in den Kosten veranschlagt war. Der Rest hat sich in Auslandskonten und Villen an der Cote d'Azur verwandelt.

Um die Spuren der Dieberei zu vermischen, haben sich die Beamten etwas Tolles ausgedacht. Ab +25 Grad sollen keine Brummis mehr fahren dürfen, denn das zerstöre die Straßendecke. Nachtigall, ick hör dir trapsen!

Die Auf- und Abfahrten sind so gebaut, dass es einfach zum Stau kommen muss. Abfahren muss man genau an der Auffahrt. Klingt gut, nicht? Ich will z.B. den Ring verlassen und ordne mich rechts ein. Genau an dieser Stelle treffe ich auf den Autostrom, der auf den Ring will. Ich bin zwar auf der Hauptstraße, aber das juckt keinen so richtig. Also wird gedrängelt, gehupt, geflucht. Bei der großen Anzahl von Ausfahrten kommt der Verkehrsfluss nicht zum Erholen, sondern steht sich halt so durch oder schleicht mit 5-10kmh durch die Landschaft, eingehüllt in schwarze Auspuffwolken von den LKWs, Betonmischern und anderen „kleinen" Fahrzeugen.

Also plante und baute man den dritten Ring. Angekündigt als der selig machende Staubeseitiger. Dazu wurden Brücken per Hubschrauber versetzt, Tunnel in die Erde gewühlt und Wohngebiete mit der direkt an den Fenstern vorbei führenden Trasse beglückt, was aber keinen Einfluss auf den Preis der Wohnungen hat, ganz im Gegenteil! Der dritte Ring zeichnet sich durch irreführende Beschilderung und schon bekannte chaotische Auf- und Abfahrten aus, die sogar Berufsfahrer und Moskau Kenner in Erstaunen versetzt. Vor Gabelungen und Abfahrten mit den abenteuerlichen Wegweisern machen demzufolge viele Autofahrer eine Vollbremsung, um nachzudenken, wo es denn nun hingehen soll. Das Ergebnis kann sich jeder ausmalen. Die Versicherungen knirschen mit den Zähnen, die Autowerkstätten haben immer viel zu tun. Ist doch eigentlich was Gutes, oder? Garantierte Vollbeschäftigung.

Eine Aufgabe erfüllt der 3. Ring jedoch mit Bravour: er entlastet das Zentrum, denn alle, die dahin wollen, stehen auf dem Ring hoffnungslos im Stau.

Die logische Schlussfolgerung ist der Bau des vierten Ringes, der bereits emsig betrieben wird. Ihm fallen Garagenkomplexe und anderes Kleingemüse zum Opfer. Die um ihr Eigentum gebrachten Garagenbesitzer können sich in die neuen mehrgeschossigen Parkhäuser einkaufen, deren Preis den eines herkömmlichen Autos weit übersteigt. „Volksgarage" heißt das Projekt sinnigerweise.

Olympische Ringe gibt es fünf, also wird Moskau dem nicht nachstehen. Der fünfte ist bereits ins Auge gefaßt. Er wird aus der bereits zu Sowjetzeiten entstandenen Betonpiste um Moskau, der so genannten Betonka gepäppelt, die zu Verteidigungszwecken diente. Die im Umfeld entstandenen Eigenheimsiedlungen werden vor lauter Glück einen Luftsprung machen, dass nun endlich die Staus und Auspuffgaswolken den Weg zu ihnen gefunden haben. Da hätten sie auch in Moskau wohnen bleiben können, oder?