Aprilthesen zu Evolution und Revolution

Foto: ITAR-TASS

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Der Kommunismus ist noch lange nicht tot, behauptet der Russland-HEUTE-Kolumnist Der Ulenspiegel.

Für Streiche bin eigentlich ich zuständig, ich der Narr. Aber ab und zu gehe ich selbst einem auf den Leim. So zuletzt am Ersten April, dem Narrentag. „Russische Paläontologen benennen Ichthyosaurier-Gattung nach Lenin" meldete Russland HEUTE. Natürlich witterte ich als Profi sofort einen Aprilscherz. Doch eine Anfrage beim Chefredakteur ergab: April, April, reingefallen, es stimmt wirklich.

Nun ist der Erste April zwar schon eine Weile vorbei, aber mit diesem schönen Stoff lässt sich eine Menge machen. Immerhin prägte der englische Anatom Richard Owen, einer der Väter der Paläontologie, den Begriff „Dinosaurier" im April 1842. Und Lenin feiert nicht nur im April Geburtstag, er ist auch Autor der berühmten Aprilthesen. Grund genug, den Sauriermonat mit revolutionären Gedanken zu den fernen Giganten – Echse wie Revolutionär – einzuläuten.

Versteinert, verknöchert, ausgestorben, vorgestrig...insbesondere für Gegner des Marxismus-Leninismus bietet Leninia stellans eine reiche Ausbeute an möglichen Wortspielen. Ob die Namensgebungskommission das beabsichtigt hat? Doch Vorsicht: Ichthyosaurier waren keineswegs trampelige Kolosse mit haselnussgroßen Gehirnen, sondern wendige Wasserbewohner. Das wusste schon Mao Tse-Tung. Sein Diktum "Der Ichthyosaurier muss sich in den Volksmassen bewegen, wie ein Fisch im Wasser" war natürlich auf Lenin gemünzt. Ausgestorben sind auch die hydrodynamisch optimierten Echsen trotzdem, aber immerhin wurde das Erfolgsmodell später von den Säugetieren kopiert, und zwar in Form der Delfine und Wale. Deren Vorfahren waren sich als edle Landbewohner nicht zu schade, zu den bescheidenen Wurzeln allen Lebens zurückzukehren und wie Mao Tse-Tung im Gelben Fluss zwischen den Fischmassen herumzupaddeln. So überwanden sie Klassenschranken, wie einst ihre Vorbilder, die Ichthyosaurier, die diesen Schritt zurück ins nasse Proletariat ebenfalls vollzogen hatten. Nun ja, sie ernähren sich auch von den Genossen dort – aber man weiß ja, die Evolution frisst ihre Kinder.

Gäbe es heute noch Ichthyosaurier, dann wären sie sicher eine ernsthafte Konkurrenz für Flipper & Co. Mit der Devise „lernen, lernen und nochmals lernen" würden sie ihren warmblütigen Kollegen leicht den Rang ablaufen. Anstatt Bälle zu jonglieren, durch Reifen zu springen und ab und zu Ertrinkende zu retten hätten sie sich längst wichtigeren Aufgaben zugewendet – zum Beispiel der Weltrevolution. Doch sie weilen nicht mehr unter uns, die progressiven Politreptilien. Über ihr Aussterben gibt es mannigfaltige Theorien. Eine besagt, dass gegen Ende der Oberen Kreidezeit plötzlich der Sauerstoff knapp wurde im Ur-Ozean. Wer denkt da nicht an den Ausspruch eines revisionistischen Mastodons: „Wir brauchen die Demokratie wie die Luft zum Atmen." Aber der lebte bekanntlich auf dem Land und hatte keine Ahnung von den Bedürfnissen der Wasserbewohner. Manche Ichthyo-Nostalgiker glauben darum, dass nicht zu wenig, sondern zu viel Sauerstoff der Grund für den Zerfall des ozeanischen Arbeiterparadises war.

Ein anderes, noch berühmteres Fossil hat uns längst bewiesen, dass man mit Urteilen über angeblich überlebte Ideologien sehr vorsichtig sein sollte. Den Quastenflosser hielt man längst für ausgestorben. Doch dann steckte er plötzlich sein Haupt aus dem Wasser. Er rief: „Lenin lebte, Lenin lebt, Lenin wird leben!" und robbte auf seinen Quasten auf's Land. So wie es seine Vorfahren vor über 300 Millionen Jahren taten und damit eine wahre Revolution auslösten. Um später wieder als Ichthyosaurier ins Wasser zurückzukehren- Ein Schritt vorwärts und zwei Schritte zurück.

Das war es, vermutlich, was uns die russischen Paläontologen mit ihrer Namenswahl sagen wollten: Der Kommunismus ist noch lange nicht tot! Er wird wiederkommen, und zwar aus der Tiefe des Ozeans. Vermutlich im April. Doch noch wartet er. Denn wer zu früh kommt, den bestraft das Leben.

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