Was Sie schon immer mal über Sex wissen wollten. Teil 2

Bild: Waleri Barykin

Bild: Waleri Barykin

Die kurze Geschichte der russichen sexuellen Revolution.

Mitte der achtziger Jahre, als die Perestroika einsetzte und viele alte Zöpfe abgeschnitten wurden, kam es zu einer regelrechten sexuellen Revolution. Die sich schnell vermehrenden kriminellen Strukturen hatten auch immer Prostitution mit auf dem Zettel. Und die jungen Damen konnten

natürlich nicht, so wie es ihnen vielleicht vorgeschwebt hatte, selbständig arbeiten, so wie esihnen gefällt. Sie alle brauchten Geld, das ist klar. Die einen kamen, weil sieein uneheliches Kind oder die kranken Eltern ernähren mussten, die anderen,weil sie sich ihr Studium verdienen wollten oder einfach Spaß dran hatten undauf den Prinzen auf dem weißen Pferd hofften.

In den 90ern okkupierten sie die Hotels, Bars, Restaurants und Saunen. Entweder gingen sie in der Hotelhalle auf Jagd oder sie klopften an die Zimmertüren bzw. starteten Telefonattacken. Das waren die besser gestellten. Die Unteren in der Hierarchie der käuflichen Mädchen standen und stehen an den Straßenrändern, schutzlos den Freiern ausgeliefert und ohne jegliche hygienische Bedingungen. Die Zuhälter nehmen den Mädchen die Pässe ab undhalten sie wie Sklaven. Oder verkaufen sie an Bordelle ins Ausland. Auf der Suche nach dem goldenen Kalb landeten viele mehr oder weniger freiwillig inwestlichen Freudenhäusern.

Der Ruf der langbeinigen jungen Russin verbreitete sich schnell im Ausland. Viele der Geschäfts- und Dienstreisenden wurden regelrecht süchtig nach ihnen. Sie reisten schon am Freitagabend an, wenn sie am Montag Verhandlungen hatten. Und dann nichts wie ab ins Night Flight auf der Twerskaja, der größten undbekanntesten Fleischbeschau der Stadt. Elfengleich schweben die jungen Damendurch den Raum, andauernd die Businessmeny, wie hier die Geschäftsleute heißen, in Englisch nach Namen und Tätigkeitsfeld ausfragend. Wer vor 2 Uhr das Etablissement mit einer Elfe im Schlepptau verlässt, muss ganz schön tief in die Tasche greifen, gegen 4 Uhr morgens ist deutlicher Preisverfall zu spüren. Die junge Dame muss dem Einlasser einen Schein in die Hand drücken, sonst kommt sie nicht raus. Immerhin hat er sie bei ihrer schweren Arbeit beschützt.

Kollegen renommierter ausländischer Firmen schenkten sich zum Geburtstagden Besuch eines schönen Nachtfalters. Ist dieser Zynismus zu übertreffen?

Nach der offenen Prostitution eroberte sich die verdeckte immer mehr Terrain. Mit der verdeckten meine ich die Versorgungsprostitution, sich einen wohlhabenden Ausländer zu angeln, egal, wie alt er ist. Inzwischen stehenallerdings die betuchten Russen im Visier der Jägerinnen, haben sie dochungleich mehr zu bieten und sind auch dazu noch großzügig bis zum Abwinken, was man von den sparsamen Deutschen, Ösis, Schweizern usw. nun wahrlich nicht behaupten kann.

Da macht es sich gut, sich als Sekretärin anstellen zu lassen. Gesicht und Beine der Firma, sozusagen. Unter den gehörnten und vom Thron verjagten Ehefrauen hat sich für diese Kategorie der schöne Begriff aus Sekretärin und Prostitutka, Sekretutka eingebürgert. Es lebe der Volksmund, treffender geht's kaum.

Inzwischen ist es etwas ruhiger geworden, die wilden 90er sind vorbei. Die sexuellen Exzesse verlegen sich ins Internet und ins gute alte Fernsehen. Aber inzwischen mischt auch das Fernsehen mit und strahlt Kuppelsendungen aus, wie man mit großem ökonomischen Nutzen unter die Haube kommt. Die Mütter sehen natürlich solche Sendungen und schicken dann ihre heiratsfähigen Töchter genau in die Restaurants, wo junge Banker, Brooker, Firmenchfes ihr Mittagessen einnehmen. Immer in der Hoffnung, der Prinz auf dem dicken Auto wählt das Töchterchen aus. Damit wären dann auf einen Schlag alle finanziellen Probleme der Familie gelöst.

Etwas Gutes hatte die Wende für die jungen Leute, sie können ihr Sexualleben freier gestalten, ohne Trauschein zusammen leben, ohne gleich angefeindet zu werden. Es gibt inzwischen mehr Möglichkeiten, sich kundig zu machen und die aufgesetzte Prüderie verschwindet langsam. Aber Vorsicht, hinterm Busch lauert schon die Kirche, unterstützt von den herrschenden Parteien, um der Jugendwieder einen Topf überzustülpen und die körperliche Liebe zu reglementieren, das demografische Problem als biblisches Feigenblatt vor sich hertragend.

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