Autofahren in Russland

Foto: PhotoXPress

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Um sich in Russland ans Steuer zu setzen, muss man als Ausländer sehr mutig oder total bescheuert sein, meint die Kolumnistin Adele.

Um sich hier in Russland ans Steuer zu setzen, muss man als Ausländer sehr mutig oder total bescheuert sein, denn es herrschen Anarchie und Chaos. Zu Sowjetzeiten war das alles sehr anders, breite Straßen, vergleichsweise wenig Autos, denn kaum jemand hatte privat ein Auto. Dienstwagen gab es dagegen genug, für alle die privilegierten Beamtenseelen, und LKWs natürlich. Der Sprit roch ganz anders als der zu Hause. Dort konnten wir es immer riechen, wenn Fahrzeuge der Westgruppe der Streitkräfte vorüber gefahren waren. Auch jetzt fällt mir der Unterschied auf, besonders wenn ich aus Berlin in Moskau lande.

In den frühen 90ern waren die Straßen noch nicht so hoffnungslos überfüllt wie jetzt, aber das kommende Chaos deutete sich schon an. Nicht nur, weil es zu wenig Straßen gibt. Hier wurden für frühere Zeiten breite Ausfallstraßen in alle Himmelsrichtungen gebaut, kleinere Nebenstraßen

fehlen. Und fehlen bis heute. Die Ausfallstraßen können im Ernstfall, und damit rechneten und rechnen die Oberen hier immer, denn man weiß ja nie, wann es dem Volke endlich reicht, abgeriegelt und gut kontrolliert werden. Dort stehen auch Polizeiposten, die je nach Laune und finanzieller Situation im eigenen Geldbeutel Verkehrskontrollen veranstalten.

Alte Autos, abgeschriebene Busse und Lieferwagen überschwemmten Anfang der 90er das Land aus Richtung Westen und aus Richtung Osten. Fast bis zum Ural von Osten kommend findet man überwiegen Autos mit Rechtslenkung aus Japan. Das gibt dem ohnehin gefährlichen Treiben auf den Straßen noch einen besonderen Kick. Hier kommt man ohne Extremsportarten zum Adrenalinausstoß!

Die ersten neureichen Russen kauften sich dicke Schlitten, vorzugsweise Mercedes und BMW. Damit stellten sie gleich auch noch neue Verkehrsregeln auf. Es gab eine echte Hackordnung, wie im Knast. Die Merse und Boomer, wie die beiden Automarken hier im Volksmund heißen, stellten sich an jeder Ampelkreuzung vorne dran, fuhren bis auf die Mitte der Kreuzung und ließen keinen vorbei.

Wer es sich mit ihnen anlegte, musste um sein Leben, zumindest um seine Gesundheit fürchten. Denn es waren keine Unternehmer, die in den Schlitten saßen, sondern Paten und Chefs von Schutzgelderpresserbanden. Mit solider 6-Klassen-Bildung und Knasterfahrung.

Mit zunehmendem Wohlstand, ja, trotz Default, Geldentwertung und Inflation mehrt sich der Wohlstand und die Leute kaufen Autos ohne Ende, und Führerscheine gleich mit, so fahren sie übrigens auch, nimmt der Wahnsinn auf den Straßen zu. Der Unwille zur Gesetzestreue wird auf den Straßen ausgelebt. Geschlossene Linien, Abbiegeverbot, Halte- und Parkverbot oder gar Überholverbot sind für viele Autofahrer keine ernstzunehmenden Einschränkungen. Auch Fahren unter Alkohol gilt als männlicher Sport. Blinken beim Abbiegen, um dem Nachfolgenden einen Hinweis zu geben, was jetzt gleich passiert, ist wohl nur für Weicheier.

Neben den rüpelhaften Fahrern fürchte ich vor allem die jungen Blondinen in den Riesenjeeps, die mit dem Auto auch den Führerschein von ihrem Gönner geschenkt bekommen und dann munter drauflos fahren, am Steuer rauchen und telefonieren und von Verkehrsregeln keine Ahnung haben. Werden sie von einem anderen Autofahrer angehalten oder auf ihr Fahrverhalten hin angesprochen, ist man sehr erstaunt, was für schmutzige und ordinäre Worte dem kleinen gepflegten Munde entweichen. Jemanden vorbeilassen, nach dem Reißverschlussprinzip zum Beispiel, oder am Zebrastreifen anhalten kann man von ihnen nicht erwarten

Auch die kaukasischen Fahrer sollte man lieber meiden, sie fahren auch ohne jede Regel. Ich kann mich noch gut an die Angstzustände erinnern, die ich bei den Fahrten in den Südrepubliken hatte. Besonders die Bergstraßen hatten es in sich. Laut pfeifend oder singend jagten die Busfahrer die klapprigen Gefährte an den Abgründen entlang.

Kaukasische Fahrer sind stolz und sehr konservativ. Großes Auto, viel Recht. Frau am Steuer des anderen Autos– dann erst recht! Mir hatte ein dicker Mercedes die Vorfahrt genommen und wir standen ziemlich dicht beieinander, ich hatte zum Glück den Braten gerochen. Da steigt ein Dschigit aus den Bergen aus und sagt zu mir, die ich im weißen VW-Passat saß: Siehst Du denn nicht, dass ich mit dem Auto bin? Ja, sitze ich denn auf einem Fahrrad?

Tanken muss man hier auch können, denn zuerst wird bezahlt und dann getankt. Da grübelt man dann immer, wie viel Liter reinpassen. Dumm gelaufen, wenn es aus der Zapfpistole sprudelt und der Tank voll ist. Es hört erst auf, wenn die bezahlte Summe ausgeschenkt wurde, zumindest fast, denn ein bisschen wird man auch hier behumst. Aber Kleinvieh macht auch Mist.

In den letzten Jahren macht Autofahren in Moskau keinen Spaß mehr, denn die meiste Zeit steht man im Stau und leidet unter der Aggression der genervten Wagenlenker. Fahren auf der Gegenfahrbahn, auf dem Randstreifen oder dem Bürgersteig sind an der Tagesordnung. Ich habe den Eindruck, dass sich mit massiver werdendem Druck von oben, mit immer unverschämter daherkommenden Parolen der Einheitsrussen und mit arg beschnittenen Bürgerrechten die Aggressivität auf den Straßen erhöht. Die Straße als der Austragungsort der Konflikte mit der Macht? Das kann ja dann noch heiter werden, wenn meine Theorie annähernd stimmt.

Obwohl es nicht genügend Ausweichstraßen gibt und die Auf- und Abfahrten von den verschiedenen Straßenringen stauträchtig sind, behaupte ich, dass die meisten Moskauer Staus handgemacht sind. Durch eine absolut bornierte Fahrweise bilden mehr als drei Autos schon einen Stau, weil sie sich nicht einigen können, wer der Wichtigste ist. Kommt der Verkehr zum Stocken, geht ein wildes Spurwechseln los, was oft in Kleinunfälle mit Blechschaden mündet. Das hält dann den Verkehrsstrom noch mehr auf. Eine junge Schöne wechselte vor mir im Dauerstau auf dem Leningradski Prospekt ganze 17 Mal die Spur, ohne Sinn und Ziel. Als ich extra ausstieg, um sie nach ihrem Tun zu fragen, wusste sie nicht einmal, wovon ich rede.

Und noch einen Trick haben die Autofahrer hier drauf: auf einer sechsspurigen Straße stellen sie plötzlich fest, dass sie aus der ganz linken Spur zum Rechtsabbiegen quer über alle Fahrspuren düsen müssen. Wenn das kein Test für gute Nerven ist...

Über die Blaulicht bestückten Beamtenschlitten schreibe ich nichts, denn sie stehen außerhalb der Gesetze und machen, was sie wollen, frei nach der alten Devise: Ich bin der Chef und Du der Idiot.

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