Asterix in Boston

Foto: AP

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Der Anschlag von Boston kann die westlichen Sympathien für die tschetschenischen Rebellen erheblich mindern.

„Wir befinden uns im Jahr 2000 n. Chr. Ganz Tschetschenien ist von den Russen besetzt... Ganz Tschetschenien? Nein! Viele von unbeugsamen Rebellen bewohnte Bergdörfer hören nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten." So etwa sah die westliche Öffentlichkeit bislang den Konflikt der russischen Zentralmacht mit den tschetschenischen Separatisten. Die Russen sind in diesem Szenario ähnlich dumm wie die Römer bei Asterix, nur viel brutaler. Der Zaubertrank der Tschetschenen aber besteht aus Wohlwollen der westlichen und Geld aus der arabischen Welt.

Inzwischen hat Russland es geschafft, mit Hilfe gigantischer Summen und einem Stillhalteabkommen mit dem starken Mann Ramsan Kadyrow, die aufrührerische Republik ruhigzustellen. Tschetschenen, die den bewaffneten Kampf für einen Gottesstaat dennoch fortsetzen wollen, begeben sich deshalb ins Ausland, nach Syrien, Libyen oder Mali, wo Glaubensbrüden für die Sache Allahs streiten. Andere haben es vorgezogen, in westliche Staaten zu gehen und dort als politische Flüchtlinge Schutz vor den Repressionen der russischen Unterdrücker zu suchen. Ihren Kampf können sie dort auf der politischen Ebene fortsetzen.

Ziemlich dumm also von den Gebrüdern Zarnajew, jetzt Bomben zu legen in Amerika – einem Land, wo sie als Opfer des russischen Kolonialismus gute Karten hatten. Der Anschlag von Boston könnte die westlichen Sympathien für das aufmüpfige Bergvölkchen erheblich mindern.

Obwohl – auch in der Vergangenheit haben sich tschetschenische Freiheitskämpfer schon den einen oder anderen Ausrutscher geleistet, der eigentlich geeignet sein müsste, das Asterix-Image der antikolonialistischen Rebellen zu korrigieren. Das reicht von der Enthauptung Angehöriger westlicher Hilfsorganisationen bis hin zum Mord an Journalisten. Aber irgendwie waren diese Umstände nicht geeignet, das romantische Bild von den unbesiegbaren Kaukasusgalliern zu trüben. Aber damals ging es ja gegen Russland. Und wer gegen Russland ist, ist automatisch für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte. Westliche Journalisten haben daher in der Vergangenheit erhebliche Anstrengungen erbracht, um die Taten der tschetschenischen Seite zu verharmlosen und die der russischen Regierung gebührend anzuprangern.

Unter dem Titel „Ein Volk verblutet" veröffentlichte beispielsweise der türkische Fotograf Ahmet Sel 1999 im Stern grauenerregende Bilder von getöteten tschetschenischen Kindern, Alten und weinenden Müttern und beschreibt ausführlich die Grausamkeiten der russischen Seite.

„Ich erklärte den Kämpfern der Nationalgarde von Präsident Aslan Maschadow, dass ich Fotos brauchte vom Leben und Sterben der Tschetschenen, Bilder, die den Opfern der Granaten und Raketen endlich ein Gesicht gaben. Die Kämpfer verstanden mich, und so zog ich unter ihrem Schutz los durch ein Land, das zu Trümmern gebombt wird." Das gegenseitige Verstehen ging weit: „Waffen sind für die Kaukasier ein Symbol ihres Stolzes" heißt es in dem Text oder „Das Kämpfen gilt als Ehrensache und die Moral der Tschetschenen ist hoch: ‚Wir haben einen lodernden Kriegsgeist und fürchten den Tod nicht' sagen sie."

Das hat man jetzt in Boston wieder gesehen. Der Stern-Beitrag ist nur ein Beispiel von vielen, vielen Berichten, in denen schon die Wortwahl deutlich macht, wer gut ist und wer böse, in denen Aussagen der tschetschenischen Seite als völlig glaubhaft, die der russischen Regierung als böswillige Propaganda abgetan werden und massenhaft Beispiele für die Grausamkeit der Moskauer Zentralmacht aneinandergereiht werden.

Dabei wäre es gar nicht so schwer gewesen, Belege für die ideologische Richtung zu finden, der die tschetschenischen Rebellen verpflichtet sind. Webseiten der Rebellen wurden von westlichen Journalisten während der Tschetschenienkriege als seriöse Informationsdienste zitiert, welche die Lügen der russischen Regierungspropaganda korrigieren. Erstaunlich, dass den Journalisten dabei entgangen ist, was auf diesen Plattformen noch alles thematisiert wird, vom Existenzrecht des Staates Israel bis hin zur jüdischen Weltverschwörung. Wer gegen Russland kämpft, dem lässt man eben die eine oder andere Schrulle durchgehen. (Diese Seiten können nicht überall aufgerufen und auch hier nicht verlinkt werden, weil sie in mehreren Ländern und von vielen Filtern als extremistisch eingestuft werden. Wer trotzdem Interesse hat, google die Begriffe „kavkaz" und „center".)

Bei so viel Nachsicht mit den Gotteskriegern verwundert es nicht, dass das FBI zwar Hinweise „aus dem Ausland" (sprich: aus Russland) über einen radikal islamistischen Hintergrund der Brüder erhalten haben soll, die beiden jedoch nur besorgt fragte, ob sie etwa von irgendwem belästigt würden. Schließlich tun brave tschetschenische Jungs ja niemandem etwas Böses, oder? Schon meldet sich die zahlreiche Verwandtschaft der Bombenleger zu Wort und stimmt das alte tschetschenische Volkslied an: „Unsere Buben? Terroristen?? Niemals!!! Die wissen ja gar nicht, wie Waffen überhaupt aussehen." So lange es um Terror in Russland ging, fand man solche Beteuerungen durchaus glaubwürdig. Es bleibt abzuwarten, ob der Zaubertrank auch dieses Mal wirkt. Schließlich sind jetzt Amerikaner ums Leben gekommen.