München, Wien, Moskau – Potemkinsche Dörfer?

Foto: Kommersant

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Wird der Kampf gegen die Korruption nur imitiert?

Die Amigos sind wieder da: Bayerische Parlamentarier beschäftigen Frau, Kinder und Haustiere auf Kosten der Steuerzahler. Der Präsident des bekanntesten Fußballclubs des Freistaats versteckt sein Geld auf Schweizer Konten. Zustände wie einst unter Franz Josef Strauß. Dieses „bayerische Urviech" gehörte zu den Politikern, die eine Menge für Ihr Land taten, und dabei auch viel für sich selbst und ihre Spezl'n abzweigten. Seine Anhänger verziehen ihm das. „Er is halt a Hund, der Franz Josef", sagten sie anerkennend.

Doch die Zeiten ändern sich. Heute ist es für die CSU im Wahlkampf nicht förderlich, für einen Selbstbedienungsladen gehalten zu werden. Diejenigen Fossilien aus der guten alten Zeit, die das immer noch so sehen, werden deshalb rasch entsorgt.

Ähnliches passiert im Nachbarland Österreich. Über Jahrzehnte hinweg betrachteten die beiden großen Parteien den Staat als einen Erbhof. Die

österreichische Nachkriegsgeschichte gleicht einer Aneinanderreihung haarsträubender Korruptionsskandale. Heute überbieten sich Medien, Staatsanwaltschaft und Kleinparteien damit, Korruptionäre zu jagen. Hier wie dort steht man noch am Anfang, aber das augenzwinkernde Akzeptieren anrüchiger Praktiken gehört immer mehr der Vergangenheit an.

Auch in der russischen Geschichte war Korruption immer ein Thema. (Widerspricht hier jemand?) Auch in Russland gab es Persönlichkeiten, die ihrem Land und sich selbst gleichermaßen gedient haben. Den Fürsten Grigorij Potemkin kennt die Welt vor allem wegen des Begriffs der „Potemkinschen Dörfer".

Der Fürst, ein Favorit der Zarin Katharina II., soll seiner Gebieterin bei einer Inspektionsreise in die neu erworbenen Krim-Gebiete mit Hilfe von Kulissen vorgespiegelt haben, dass seine Besiedlungspolitik bereits Früchte getragen habe. Er wollte auf diese Weise, so die Legende, die Zarin darüber hinwegtäuschen, dass dort eigentlich noch gähnende Leere herrschte.

Die Potemkinschen Dörfer wurden zum Symbol für aufgeputzte Fassaden, hinter denen nichts Wirkliches zu finden ist. Typisch russisch eben.

Doch die Geschichte ist falsch. Sie beruht auf Gerüchten, die von Potemkins Gegnern in die Welt gesetzt wurden. Historiker nennen wahlweise russische Adlige, die dem Günstling seine Position neideten oder den sächsischen Botschafter, der auf die Inspektionsreise nicht mitgenommen worden war. Ein schönes Beispiel dafür, dass schon damals aus nicht immer lauteren Motiven Gerüchte über Russland in die Welt gesetzt wurden, die sich bis heute hartnäckig halten.

Aber zurück zu dem russischen Urviech Potemkin. Als engster Ratgeber der Kaiserin hatte einen enormen Einfluss auf die russische Politik. Er nutze sie, um Städte zu gründen, Reformen voranzutreiben, neue Territorien zu erobern, die Feinde Russlands zu schwächen und das Land wirtschaftlich voranzubringen. Weil ihm selbst jede militärische Begabung abging und er sich darüber im Klaren war, protegierte er Alexander Suworow, einen der fähigsten und erfolgreichsten Feldherren der russischen Geschichte. Für seine Verdienste flossen Millionen aus der Staatskasse in die seine. Ein Urviech eben. Seine Mitbewerber im Bett der Zarin waren politisch weniger aktiv beziehungsweise erfolgreich. Sie konzentrierte sich mehr auf die materiellen Vorteile ihrer Position.

Persönlichkeiten wie Potemkin oder Strauß sind jedoch ganz große Ausnahmen und keine Rechtfertigung für Korruption. Um ein solches Format zu erreichen, brauch es hohe Intelligenz, politischen Weitblick, dazu die nötige Brutalität gepaart mit Schlauheit und Skrupellosigkeit. Die meisten Politiker von heute verfügen nur über die letzte der genannten Eigenschaften. Das gilt für Deutschland wie für Russland. Wer heute Korruption bekämpft, läuft darum kaum Gefahr, die Population der Urviecher vom Erdboden zu vertilgen. Sie sind schon ausgestorben, darum nennt man sie so.

Wie ernst der Kampf gegen den Filz wirklich ist, im geeinten Russland und im geeinten Bayern, das wird sich zeigen. Der Balkan beginnt bekanntlich in Wien, und er reicht im Westen bis München und im Osten bis Wladiwostok. Vielleicht sind die Deklarationen über Ehrlichkeit und die Bauernopfer, die ab und zu stattfinden, ja nur Potemkinsche Dörfer...

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