Omis auf dem Businesstrip

Manche Obst- und Gemüsemärkte sind in Moskau von kaukasischen und asiatischen Händlern kontrolliert. Foto: ITAR-TASS

Manche Obst- und Gemüsemärkte sind in Moskau von kaukasischen und asiatischen Händlern kontrolliert. Foto: ITAR-TASS

Man könnte es auch moderner „offshoring grandmas" nennen. Sobald es laut Kalender Frühling werden soll, machen sich umtriebige Rentnerinnen, ein paar Männer sind auch mit dabei, auf, um Trödel zu verkaufen. Sie suchen sich ein sicheres und halbwegs trockenes Plätzchen und breiten dann auf Kunststoffplanen ihre Habseligkeiten aus, die sie loswerden wollen.

Das ist die reinste Sowjetretrospektive. Alte, aber funktionstüchtige Küchengeräte, Tauchsieder, Geschirr, kitschige Vasen, Besteck, Lampen und viele Bücher. Die Klassiker des Sozialismus feiern Urständ. Aber auch längst vergessene und vormals beliebte Kinderbücher sollen unter den Hammer kommen. Sie liegen einträchtlich neben Gummiüberschuhen (Galoschi) für die wunderbaren gewalkten Filzstiefel (Walenki). Und sind damit in guter Nachbarschaft.

Sehr selten verkaufen die Omis etwas. Sie kommen wahrscheinlich auch nicht in erster Linie, um etwas zu verkaufen. Sie wollen Unterhaltung haben. Die Händler schwatzen angeregt miteinander, verwickeln Passanten in Gespräche oder werden von diesen nach bestimmten Dingen gefragt.

Wer keinen Trödel verkaufen will, weil Erinnerungen daran hängen oder sich nicht traut, hängt sich mit Kleiderbügeln Blusen und Pullover an den Mantel oder vertickt Taschentücher und Socken. Ein paar Rubel fallen dabei neben der Kommunikation immer ab. Wer kann da schon widerstehen, wenn er so nett angesprochen wird. „Na, mein Lieber oder mein Kindchen, Du brauchst doch bestimmt neue Socken. Taschentücher brauchst Du sicher auch. Kauf mir doch ein paar davon ab!"

Der Verkauf neuer Ware ist allerdings mit einem höheren Risiko verbunden. Über die Trödler sehen die Polizisten noch hinweg, denn sie verdienen eh nichts, also ist da auch nichts zu holen. Aber die anderen werden von der Polizei entweder verjagt oder abgepflückt. Beides brauchen die Omis auf gar keinen Fall.

Sobald die ersten Gartenkräuter und Lauchzwiebeln in den Gärten rund um Moskau wachsen, kommen die Umlandverkäufer an die Metrostationen und bieten zu wahrhaft milden Preisen ihre frische Ware an. Damit rufen sie nicht nur Polizisten auf den Plan, sondern eher die Häscher der Obst- und Gemüsemafia von den allgegenwärtigen Märkten, die alle fest in kaukasischen oder asiatischen Händen sind. Denen sind die niedrigen Preise ein Dorn im Auge. Sie versuchen entweder die gesamte Ware der Händlerinnen zu Dumpingpreisen aufzukaufen oder schurigeln sie so lange, bis die Frauen aufgeben.

Um die Laienhändler gar nicht erst sesshaft werden zu lassen, schicken die Leute vom Markt ihre eigenen Mitarbeiter mit einem provisorischen Stand, der aus einer senkrecht aufgestellten Gemüsekiste besteht, an die Brennpunkte in Metronähe. Dill, Petersilie, Zwiebellauch, Radieschen – all das, was die Omis auch anbieten. Sollen die Typen doch ihre halb verreckten Krebse zum Bier anbieten oder fragwürdige Ananasfrüchte und den Rentnerinnen ihr kleines Geschäft gönnen!

Die Handel treibenden Omis sind ein angenehmer Lichtblick in der rauen Welt des Straßenverkaufs, dem Personen unterschiedlicher Nationalitäten und verschiedenen Alters nachgehen. Besonders schroff kommen die voluminösen Frauen um die Fünfzig daher. Sie sind mit allen Wassern gewaschen, drängen gnadenlos die Ware den Käufern auf, liefern sich saftige Wortgefechte mit der Konkurrenz und lassen sich auch von den Ordnungshütern nicht so leicht ins Boxhorn jagen. Sobald sie jedoch merken, dass es die Uniformierten ernst meinen und ihren mobilen Verkaufsstand dichtmachen wollen, packen sie blitzschnell ein, setzen sich auf ihre großen Taschen und Bündel und trinken Tee oder Kaffee aus der Thermoskanne, dazu genüsslich ein Pfeifchen schmauchend. Das ist ja nicht verboten, oder?

Nach einer gewissen Zeit hängen sie alles wieder raus und der Rubel rollt erneut. Wenn man genau hinsieht, so haben sie an ihren angestammten Verkaufsplätzen Haken für die Ware angebracht und Angelsehne gespannt. Diese Vorrichtungen sind geschickt getarnt und mit bloßem Auge nicht wahrzunehmen. Deshalb können sie schnell auf- und abbauen.

Interessant wird es, wenn sich jemand zum Kauf eines Kleidungsstückes entschließt, welchem man die Tortur in den großen karierten Taschen ansieht. Da finden sich gleich auskunftsfreudige Passanten, die ihren Senf dazu geben. Die Meinungen gehen da oft sehr auseinander. Von „steht Ihnen ausgezeichnet" bis „das geht ja gar nicht!" ist alles da. So füllt jeder auf seine Weise sein Kommunikationsvakuum.