Alle Jahre wieder im Mai

Erstmals fand im neuen Russland im Jahre 1995, zum 50. Jahrestag des Sieges eine Parade am 9. Mai statt. Foto: RIA Novosti

Erstmals fand im neuen Russland im Jahre 1995, zum 50. Jahrestag des Sieges eine Parade am 9. Mai statt. Foto: RIA Novosti

Der Mai gehört zu den Monaten mit den meisten freien Tagen. Nahezu nahtlos gehen die Feierlichkeiten zum 1. Mai in die zum 9. Mai über. Das Bindeglied sind die Proben und letztendlich die Generalprobe zur großen Parade am 9. Mai. Paraden gehören hier eben dazu, das hat sich aus Sowjetzeiten erhalten. Ohne fühlt man sich offenbar nackt und schwach, deshalb ist man lieber angezogen, so wie die Nordkoreaner zum Beispiel.

Nach dem Auseinanderfall der Sowjetunion machte Russland erst einmal Paradepause. Selbstfindung und Positionierung war angesagt. Da sich Russland als Rechtsnachfolger der UdSSR betrachtete und auch die übrig gebliebenen Schulden übernommen hatte, blieben auch ein paar sowjetische Traditionen haften.

Erstmals fand im neuen Russland im Jahre 1995, zum 50. Jahrestag des Sieges eine Parade am 9. Mai statt. In diesem Jahr wurde auch mit Staatsmännern aus aller Welt, Clinton und Kohl waren auch darunter, der Ruhmeshügel am Kutusowski-Prospekt eingeweiht. Die großflächige Gedenkstätte erinnert an die schrecklichen vier Kriegsjahre. Neben den riesigen Freiflächen mit Springbrunnen, die abends rot angestrahlt werden und das vergossene Blut symbolisieren, können die Besucher eine Stele mit Georgi dem Drachentöter betrachten und ein beeindruckendes Museum zur Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges besuchen.

Um die Staatsgäste nicht durch die Stadt kutschieren zu müssen, fand die erste Parade der Nachwendezeit auf dem Kutusowski-Prospekt statt. Da zeigte man alles an Militärtechnik her, was man hatte und was sonst ungesehen hätte einstauben müssen. Dieses Spektakel wollte ich mir nicht entgehen lassen. Also machte ich mich auf zum Ruhmeshügel, gute Bekannte aus der deutschen Diaspora im Schlepptau. 1995 waren noch viele Kriegsveteranen am Leben, sie trafen sich unter den Fahnen ihrer ehemaligen Einheiten. Junge Leute, ob in Uniform oder ohne, grüßten sie respektvoll. Das war alles sehr natürlich und ehrlich und hat nichts mit dem falschen Pathos gemein, das von Jahr zu Jahr stärker auf die Köpfe der Menschen herabrieselt. Es schleicht sich die Vermutung ein, dass außer dem Sieg im II. Weltkrieg kein integrierender Gedanke, keine nationale Idee vorhanden sind. Neuerdings muss auch noch der Krieg von 1812 gegen Napoleon herhalten.

Auch wir paar Germanen stießen mit lauwarmem Sekt mit den Veteranen an. Zwei ranghohe Veteranen flirteten mit mir wie in ihren jungen Jahren. Sie hatten nichts verlernt. Sie nahmen mich in ihre Mitte und flanierten an den Springbrunnen entlang, ständig gegrüßt und mit roten Nelken beschenkt, die sie mir dann augenzwinkernd überreichten. Als sie ein Bekannter fragte, wer die junge Frau in ihrer Mitte sei, antworteten sie wie aus einem Munde: „Na unsere Tochter!" Ich war platt!

Es gefällt mir sehr gut, wie gerade die Veteranen, die sich mit den Deutschen geschlagen hatten, mit uns umgehen. Natürlich hat meine Generation nichts mit dem Krieg zu tun, aber trotzdem sind wir Nachkommen ihrer Gegner. Von denen, die sich im sicheren Hinterland herum gedrückt oder vielleicht sogar andere denunziert hatten, höre ich doch hin und wieder Anwürfe gegen die Deutschen.

Die Mutter meines russischen Lebensgefährten hatte von Kriegsbeginn an in Weißrussland bei den Partisanen gekämpft. Ihre Ordensspange war beeindruckend. Ohne Vorbehalte wurde ich von ihr aufgenommen und geliebt. Ihre jüngere Schwester hingegen, macht aus ihrem Hass auf alles, was Deutsch ist, keinen Hehl. Ich trage es mit Fassung und meide Familienaufläufe, wo sie zugegen ist.

Als ich im vergangenen Jahr zu einem Forum in Kursk weilte, zeigte man uns auch die Kommandostelle der Schlacht im Kursker Bogen. Wir besichtigten den Unterstand von Marschall Rokossowski und blieben lange vor den historischen Aufnahmen stehen. Am meisten aber hat mich der Blick über die von sanften Hügeln durchzogene Weite beeindruckt, wo heute friedlich die berühmten Kursker Nachtigallen schlagen. Nichts erinnert an die blutige Auseinandersetzung, nur die Erde spuckt noch immer Metallteile und Knochen aus. Ein Vorfahre fiel in dieser Schlacht, ein anderer wurde als vermisst gemeldet. Mein Schwiegervater entging diesem Fleischwolf durch eine Verwundung im unmittelbaren Vorfeld der Schlacht.

Immer wieder macht die Vergangenheit auf sich aufmerksam, betrachten wir Fotos unserer Verwandten und der Gefallenen. Besonders im Mai.

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