Ulenspiegels fröhlicher Spionage-Mittmach-Wettbwerb

Der US-Diplomat Ryan Fogle wird in der Nacht zum 14. Mai vom russischen Geheimdienst FSB verhaftet. Fogle versuchte einen russischen Geheimdienstmitarbeiter anzuwerben, teilte der FSB mit. Foto: FSB

Der US-Diplomat Ryan Fogle wird in der Nacht zum 14. Mai vom russischen Geheimdienst FSB verhaftet. Fogle versuchte einen russischen Geheimdienstmitarbeiter anzuwerben, teilte der FSB mit. Foto: FSB

So haben wir uns Geheimagenten vorgestellt, als wir neun Jahre alt waren: Falsche Bärte, Perücken, Sonnenbrillen. Letzteres hatte der US-Diplomat Ryan Fogle wohl vergessen, und so steht die Welt staunend vor dem lächerlichsten Spionageskandal der Weltgeschichte.

So haben wir uns Geheimagenten vorgestellt, als wir neun Jahre alt waren: Falsche Bärte, Perücken, Sonnenbrillen. Auf dem Kopf Schlapphüte. Für die Observation platzieren sie sich in Sesseln und halten sich Zeitungen vor's Gesicht, in die sie Löcher zum Durchgucken gebohrt haben. (Anfänger halten die Zeitung gerne auch mal falschherum.) Um ihren Gegnern zu entkommen, zeigen sie mit dem Finger gen Himmel, rufen „oh Schreck" und während die dummen Schergen des feindlichen Dienstes nach oben blicken, sind sie schon über alle Berge.

Letzteres hatte der US-Diplomat Ryan Fogle wohl vergessen, und so steht die Welt staunend vor dem lächerlichsten Spionageskandal der

Weltgeschichte. Alle übrigen Details über seine Ausrüstung und seine Festnahme passen zu unseren Kinderträumen über die abenteuerliche Welt der Spione. Nur dass er anstatt des Schlapphuts eine Baseballkappe trug. Naja, er ist eben Amerikaner. Das Ganze klingt so absurd, dass es eigentlich nur erfunden sein kann. Aber von wem? Und mit welchen Ziel? Sollte die russische Seite das inszeniert haben, warum dementiert die amerikanische dann nicht aufs heftigste? Die Geschichte mit dem falschen Stein, den britische Agenten in Moskau als Briefkasten benutzten, klang auch nach James-Bond-Abklatsch. Aber sie stimmte, wie die Engländer zuletzt selbst zugaben. Was also soll man glauben?

Hier ein paar Ulenspiegel-Hypothesen zu dieser Frage. Die geschätzten Leser sind eingeladen, sich eine nach Geschmack auszusuchen. Gerne nehme ich auch neue Vorschläge von Ihnen entgegen. Wer die beste Idee hat, darf das Thema meiner nächsten Kolumne bestimmen.

  • Die Russen haben es inszeniert, um die Amerikaner dumm aussehen zu lassen. Und die Amerikaner sagen nichts, weil sie wirklich so dumm sind und nicht merken, dass man ihnen etwas untergeschoben hat.
  • Die Amerikaner haben es inszeniert, um die Russen dumm aussehen zu lassen. Und die sind prompt darauf reingefallen, weil sie die Amerikaner wirklich für so dumm halten.
  • Die Amerikaner haben es inszeniert, um von echten Operationen abzulenken. Da Ryan Fogle Diplomat ist, kann ihm nichts passieren. Ob die Russen das gemerkt haben, wird sich herausstellen.
  • Die amerikanischen Geheimdienste werden dafür kritisiert, dass sie sich zu sehr auf technische Hilfsmittel verlassen. Nun haben sie versucht, mal wieder die traditionelle Methode auszuprobieren. Da sie das schon lange nicht mehr gemacht haben, fehlt ihnen noch etwas Routine.
  • Die CIA hat es inszeniert, um Washington zu demonstrieren, was passiert, wenn man die Budgets für die Geheimdienste kürzt.
  • Der Mann hat gewettet, er könne in diesem Aufzug durch Moskau

     

    laufen, ohne dass ihn jemand anhält. Die Wette hat er verloren.

  • Er ist in Anna Chapman verliebt und sucht nach Wegen, sie kennenzulernen. Auf beruflicher Ebene, sozusagen, unter Kollegen.
  • Ryan Fogle ist wirklich ein Spion. Er glaubte, in dieser Verkleidung würde man ihn für einen harmlosen Irren halten und nicht weiter beachten.
  • Unsere Anschauungen über Spione sind durch Filme und Romane völlig verzerrt. So, wie wir uns das als Kind vorgestellt haben, sieht ihre Arbeit wirklich aus. Vergessen Sie, was sie über elektronische Aufklärung gehört haben.

 

Das wären meine Vorschläge, liebe Leser. Ich freue mich auf Ihre kreativen Ideen!

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