Kurze Winterreise nach Ostsibirien

Der gefrorene Baikalsee. Foto: Andrey Beslepkin / focuspictures

Der gefrorene Baikalsee. Foto: Andrey Beslepkin / focuspictures

Genau am 33. Geburtstag meines Sohnes bestieg ich mal wieder einen Flieger. Diesmal wollte ich nach Irkutsk und nach Möglichkeit zum Baikal, den ich nur im Sommer kenne, und gleich anschließend nach Krasnojarsk am Jenissej.

Wie immer, wenn es in den Osten des Landes geht, sind Nachtflüge angesagt. Durch den großen Zeitunterschied zu Moskau landet der Flieger früh morgens und man beginnt dann etwas müde sein Tagwerk. Das ist zwar recht hart, aber die effektivste Form, mit dem Jetlag einigermaßen fertig zu werden. Wenn der Aufenthalt nur ein paar Tage dauert, klappt das auch. Nur hinterher kommt das große Durchhängen.

Auf den Flughäfen wuselt das ganze Land durcheinander, Vielflieger treffen auf reiselustige Landeier, Schwiegermütter fliegen kreuz und quer durchs Land, um Schützenhilfe für junge Familien zu leisten. Ein burjatisches Ehepaar, schon in den Jahren, wollte nach dem Hauptstadtbesuch wieder nach Hause. Burjatien liegt hinterm Baikalsee, Ulan-Ude heißt die

Hauptstadt. Die beiden hatten sich für die große Reise hübsch gemacht, er im silbrig glitzernden Abendanzug und spitzen Eintänzerschuhen. Sie im weißen Seidenblüschen. Die winterlichen Temperaturen konnten ihnen wohl nichts anhaben. Sie waren äußerst gut gelaunt und zeigten lächelnd ihre Goldzähne. Die Anzahl der vergoldeten Beißerchen wies auf Wohlstand hin in fernen Sowjetzeiten. Wer dazu kein Geld hatte, ließ sich Metallzähne einbauen, weiße Porzellanzähne waren entweder Mangelware oder zu teuer.

Die Businessclass im Flieger war voll besetzt, die russischen Geschäftsleute sind sehr aktiv im Lande unterwegs. Meist sind es beleibte Herren, die vom ersten Moment an ordentlich bechern, was man ja nur in der gehobenen Preisklasse tun kann. Sie verdienen größtenteils mit Handel ihr Geld. Ihr Stil verrät sie.

Im schönen Airbus A 320 fehlte genau an meinem Platz das ausklappbare Tischchen. Zum Glück war der Flieger nicht voll besetzt und mir fiel dann eine ganze Reihe für mich allein zu, noch dazu am Notausgang mit vergrößerter Beinfreiheit. Die Mädels der Uraler Airline kamen rund und drall daher, der kleine Steward sah neben ihnen recht mickrig aus.

Das Abendessen allerdings wurde nicht gerade von den Passagieren bejubelt. In einer Pappschachtel, gespickt mit Werbung für Bioprodukte,

liegen einsam und unglücklich zwei Fitzelchen Kochschinken auf der einen Seite und ein paar Minikäsestückchen mit zwei Mandeln garniert auf der anderen Seite. Ein kleines rundes Gummibrötchen und ein Muffin. Keine Butter, kein Gemüse, nur Zucker; Salz und ein Teebeutel. Man gönnte uns noch eine warme Mahlzeit, wir konnten wählen zwischen Fisch, Fleisch und Geflügel. Fisch ist zu riskant, Fleisch kann zäh sein, also Geflügel gewählt. Ein paar Krümel klein gehäckseltes Hühnerfleisch, viel Öl und Bandnudeln, die sich nicht auf die Einweggabel zwingen ließen.

Offenbar hatten viele vorsichtshalber Geflügel gewählt, das Schnaufen beim Nudelnwickeln und das anschließende Schmatzen deuteten darauf hin. Unverdrossen wedelten sich vor allem die Herren der Schöpfung die Nudeln um die Bärte und auf die Hosen.

In Irkutsk war ich dreizehn Jahre lang nicht gewesen. Die Stadt hat sich ganz schön gemausert, aus dem verschlafenen Provinznest ist eine recht große Stadt geworden. Rund 700 000 Einwohner zählt sie inzwischen. Die Landflucht führt zu Bevölkerungswachstum. Natürlich ist es in Irkutsk wie überall, alte Gebäude müssen weichen, um neuen gesichtslosen Kästen Platz zu machen. Besonders schade ist, dass schöne alte sibirische Holzhäuser vor sich hin rotten. Um den Schein von Geschichtsbewusstsein zu wahren, hat man Mitten in der Stadt ein ganzes Viertel, das so genannte 130. Quartal, aus nagelneuen rustikalen Holzhäusern hingestellt. Das trifft die Sache nicht ganz, es sieht alles zu glatt und zu gleich aus. In den Häusern haben sich kleine Firmen eingemietet, an gemütlichen Cafes fehlt es. Zwischen den Häusern wurde alles Grün erfolgreich zubetoniert. Trotzdem besser als nichts.

Städte erlaufen macht besonderen Spaß. Stimmungen, Gerüche, interessante verborgene Orte – all das kann man so mitkriegen. In Irkutsk war es allerdings nicht ganz ungefährlich, durch die Stadt zu streifen. Die Autofahrer haben es stets eilig, rasen wie verrückt durch die Straßen, Zebrastreifen ignorierend. Die Fußgänger überqueren im Galopp die Straßen, um nicht auf die Hörner genommen zu werden. Die meisten Autos sind Rechtslenker. Das setzt dem Kick noch eins drauf! Der Gebrauchtwagenimport aus Japan ist ein florierender Geschäftszweig in diesen Regionen.

Die Straßennamen erinnern stark an sowjetische Zeiten. Marx, Engels, Liebknecht mussten herhalten, aber zum Glück fand ich auch Straßen, die nach dem Baikal oder der Angara benannt waren.

Nicht nur Autos mit dem Lenkrad auf der rechten Seite zeugen von der Nähe Japans und Chinas, auch die Leute von da strömen in die ostsibirischen Städte. Vor allem die Chinesen. Sie bewohnen in Irkutsk die windschiefen Holzhäuser, halten sie nach Kräften in Ordnung und treiben exzessiv Handel. Sie haben sogar ein gläsernes Einkaufszentrum gebaut, das Shanghai heißt. Shanghai, so wurde mir beschieden, ist aber auch eine Art Schimpfwort oder Abwertung. Trägt jemand nur Sachen vom Markt oder aus chinesischen Läden, wird sein Stil kurz als „total Shanghai" abgestempelt.

Mit einem preiswerten Richtungstaxi ist man ganz schnell am siebzig Kilometer entfernten Baikalsee. Bei dem rasanten Irkutsker Fahrstil geht es ganz fix bis Listwjanka, einem der bekanntesten Orte am Ufer des Sees. Und es kostet nicht sehr viel, umgerechnet zwei Euro fünfzig. Am winterlichen Baikal bestätigt sich der Eindruck von den adrenalinsüchtigen Sibiriern. Mit hoher Geschwindigkeit rasen sie über das meterdicke Eis des Sees, Autos, kleine selbstgebaute Kisten, Luftkissenfahrzeuge und vierrädrige Motorräder sausen um die Wette. Jeder will schneller sein als der andere. Hinter den Motorrädern schleudern Luftkissen hin und her, auf und in welchen Verrückte ohne Helm sitzen. Sie sind sich sehr sicher, dass ihr Schutzengel in Topform ist.

Am Ufer wird fleißig gegrillt und der berühmte Baikallachs, der Omul, geräuchert. So frisch aus dem Räucherofen schmeckt er am besten. Einheimische Kenner dieser Fischart wissen, wenn er länger als einen Tag

in den Fischernetzen steht, er nur noch zur Fischboulette taugt. Da verändert sich sein Fleisch und die Gräten verformen sich. Ich glaube aber, dass die geschäftstüchtigen Grilleure am Ufer den Touristen alles andrehen, und zwar mit einem freundlichen Lächeln.

In den See fließen zahlreiche Flüsse hinein, aber nur einer heraus. Das ist die viel besungene Angara. Am Ausfluss ist die Strömung so stark, dass der Fluss trotz extrem niedriger Temperaturen nicht zufriert. Die Eisangler, die jedes Frühjahr landesweit mit Hubschraubern von driftenden Eisschollen abgesammelt werden müssen, beweisen auch am Baikal ihre starken Nerven. Sie sitzen ganz dicht am Rand, wo das Eis am dünnsten ist und die Angara sprudelt, ihr Auto haben sie auch gleich mitgebracht.

Bedauerlich, wie sehr Wort und Tat an dieser Perle der Natur auseinander driften. Alle lieben die Natur, haben sogar Tränen in den Augen, wenn sie davon sprechen, schmeißen aber achtlos ihren Müll am Seeufer hin oder feuern alles ins Wasser, wenn der See offen ist. Jedes Jahr strömen umweltbewusste vor allem junge Menschen an den See, um die Ufer von Müll und Unrat zu befreien. Langsam, nur sehr langsam, setzt sich grünes Gedankengut durch. „Liebe Bürger Russlands! Schont unsere Natur und macht Urlaub im Ausland!" Voll auf den Punkt getroffen.

 

Kurze Winterreise nach Ostsibirien. Teil 2

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