Kurze Winterreise nach Ostsibirien. Teil 2

Winterspaziergang am Ufer des Jenissej bei Krasnojarsk. Foto: Reuters

Winterspaziergang am Ufer des Jenissej bei Krasnojarsk. Foto: Reuters

Irkutsk ist vorbei, jetzt fliegt Adele nach Krasnojarsk. Die Stadt am Jenissej hat es vor kurzem offiziell geschafft, Millionenstadt zu sein.

In aller Herrgottsfrühe startete die kleine lokale Airline in Richtung Krasnojarsk. Wunderbar, dass morgens um fünf Uhr alle Geschäfte und

Cafes im Flughafen geöffnet haben. In Moskau schleicht man da an herunter gelassenen Rolläden und verschlossenen Cafes vorbei. Es ist wirklich ein Glückstreffer, wenn man ein offenes trifft. In Irkutsk sind alle wach, der Baikallachs in Fässchen wartet auf Kauflustige, ebenso wie Zedernnüsse und die kleinen plüschigen Baikalrobben. Sogar Luft vom Baikal gibt es in einer Büchse!

Der Flug war recht kurz und ich bekam sogar eine Stunde zurück geschenkt. Leider gehörte das Bordpersonal nicht zu den Frühaufstehern. Gähnend, mit Kaugummi im Mund, bedienten sie die Fluggäste mehr schlecht als recht. Dafür zeigten und Flyer und Plakate, wie der Service dieser Fluggesellschaft eigentlich beschaffen sein sollte. Zumindest waren die Mitarbeiter findige Typen. In der Toilette kam aus dem Wasserhahn nur ein Zischen. Dafür hatten sie das ganze Waschbecken mit eingeschweißten Einwegtüchern bepflastert. Immerhin eine Lösung!

Krasnojarsk ließ mich das sonnige Wetter in Irkutsk vermissen. Grauer Himmel, graue Schneereste, kalter Wind empfingen mich. Der majestätische Jenissej brach sich Bahn durchs Eis. Es kann also wirklich nicht mehr lange dauern, bis es warm wird. 

Krasnojarsk hat es endlich offiziell geschafft, Millionenstadt zu sein. Gemunkelt wird davon ja schon lange. Offensichtlich wurde die Bevölkerungszahl künstlich unter der ersehnten Millionengrenze gehalten. Millionenstädte, Milioniki heißen sie hier salopp, bekommen eine Metro. In Krasnojarsk hat man schon vor einigen Jahren angefangen zu buddeln, weil ja die Million zum Greifen nahe war. Die bereit gestellten Gelder haben sich aber im Laufe der Jahre irgendwie verflüchtigt, die Tunnel wurden wieder zugeschippt. Nun sind alle gespannt, wie es weiter geht. Ob der Verbleib der Gelder hinterfragt wird? Gibt es aus Moskau neue Zuwendungen? Spannende Geschichte!

Vor der Fußgängerbrücke über die Stadtautobahn steht eine hoch gewachsene Gestalt mit einem auf den ersten Blick nichts sagenden Namen auf einem Sockel. Nikolai Petrowitch Resanow, russischer Diplomat, Staatsmann, Unternehmer, Kammerherr bei Katharina der Großen, erlangte in der Neuzeit große Berühmtheit. Sein Schicksal und seine große Liebe zu einer überseeischen jungen Frau werden in der Russischen Rock-Oper „Junona und Awos" besungen. Die Oper läuft schon vor stets ausverkauftem Hause seit 1981 in Moskau und seit 1985 in Petersburg, damals Leningrad. Taschentücher werden bis zum heutigen Tage gezückt, wenn das Liebespaar sich voneinander verabschiedet. Sie ahnen, dass sie sich nie wieder sehen werden.

Resanow fuhr nach Russland, um die bürokratischen Hochzeitsvorbereitungen zu treffen, stürzte übermüdet in der Nähe von Krasnojarsk vom Pferd und starb an seinen Kopfverletzungen im Alter von 42 Jahren. Seine Liebste ging ins Kloster in San Franzisko.

Resanow hat einen schönen Platz bekommen, unweit des Jenissej und vor dem Hintergrund des Sajan-Gebirges.

In Krasnojarsk ist Taxifahren eine Freude, preiswert und schnell. Im Wagen Welan und man kann mit Karte zahlen. Moskau ist dagegen hinterm Mond, die tun sich da schon schwer, wenn man eine Quittung verlangt. Der Flughafen, weniger einladend und modern als der in Irkutsk, erfreut die Reisenden mit sowjetisch angehauchten Imbissstuben. Die Speisekarte lädt in keiner Weise zum Essen ein. Capuccino tut es ja auch. Eine Kaffeemaschine haben sie ja zum Glück.

Obwohl in die wenigen Cafes, wie sich die Gourmettempel hochtrabend

nennen, eigentlich keiner so recht reingehen will, sind sie doch recht gut besetzt. Der Grund sind ein paar unter Tischen verborgene Steckdosen. Alle wollen vor dem langen Flug nach Moskau noch einmal ihre elektronischen Geräte aufladen. Strippen liegen überall herum, stolpert mal einer drüber, fliegt ein iPhone oder iPad durch die Luft. Je nach Temperament und Bildungsstand wird das Problem dann ausdiskutiert.

Endlich dürfen wir einsteigen. Ohne sinnloserweise für die paar Meter in einen Bus gequetscht zu werden, dürfen wir hier im Gänsemarsch selbständig zur Gangway gehen. Nach ungefähr fünf Stunden werden wir in Moskau landen.