Armer Gorbi!

Warum ist Gorbatschow in Russland so unbeliebt?

Ein typischer Dialog zwischen einem Russen und einem Deutschen aus der zweiten Hälfte der 1980er Jahre: Der Deutsche: „Helmut Kohl ist eine Witzfigur!"Der Russe: „Was, das ist doch ein solider, respektgebietender Politiker, nicht so wie unser Gorbatschow, dieser Schwätzer." Der Deutsche: „Gorbatschow ein Schwätzer? Das ist doch ein weitsichtiger, charismatischer Staatsmann. Ich wünschte, wir hätten einen solchen Politiker."

Stundenlang konnten damals Deutsche und Russen aneinander vorbeireden im Streit um die Frage, wer wohl der Dümmere der beiden sei. Heute sind sie lebende Monumente. Für uns Deutsche zumindest. Der eine hat sein Land zur Auflösung gebracht. Der andere hat das seine vergrößert.

Als Kanzler der Wiedervereinigung hat Helmut Kohl heute die lange gängigen Klischees wie „Birne" und „Dicker" weit hinter sich gelassen. Junge Leute ahnen kaum noch, dass es mal eine Zeit gab, als jede halbwegs gute Kohl-Imitation einen Lacher garantierte. Von ferne wirkte Helmut Kohl ohnehin schon immer überlebensgroß. Die Oggersheimer Reihenhaus-Biederkeit störte vor allem in Deutschland. Heute ist das fast vergessen.

Ganz anders im Falle Gorbatschow. Die Meinungen im Ausland und daheim könnten gegensätzlicher nicht sein. Wir Deutschen kennen aus seinem Munde nur Perlen der Weisheit wie das berühmte „wir brauchen die Demokratie wie die Luft zum Atmen" oder „wer zu spät kommt, den bestraft das Leben".

Dabei könnte der Russe dem Deutschen mit seinen verschachtelten, nie endenden Sätzen voller Banalitäten noch Unterricht geben, in der Frage,

wie man, unter Beachtung der gegenwärtigen Situation und eingedenk aller relevanten Voraussetzungen, die wir keinesfalls außeracht lassen dürfen, denn das ist wirklich höchst wichtig, in Bezug auf, wie man also sozusagen schlechte Reden hält.

Doch das, sowie seine grammatischen Schnitzer, hätten ihm die Russen sicher verziehen. Leonid Breschnew war auch nicht gerade ein blendender Orator, dennoch ist seine Popularität in Russland heute hoch. Gorbatschow ist verhasst in seiner Heimat, weil er für die freiwillige Kapitulation vor dem Westen steht. Ohne Not habe er das Imperium geopfert, allein aus Naivität und Eitelkeit, weil ihm das Lob aus dem Westen so wohl tat. Dass er damals nicht viele Handlungsoptionen hatte, wird ausgeblendet.

Selbst Boris Jelzin erfährt noch mehr Respekt. Der sei ein politisches Tier gewesen und habe über einen dementsprechend animalischen Machtinstinkt verfügt. Außerdem habe er russische Interessen wenigsten verkauft und nicht einfach weggegeben. Lieber korrupt als blöd!

Allzu westliche Herrscher hatten es schon immer schwer in Russland. Das galt schon für die Zaren. Nur ein Kraftmensch wie Peter I. († 1725) konnte es sich leisten, seine Bewunderung für Deutschland und Holland voll auszuleben. Wem das nicht gefiel, der kriegte eins drauf, und außerdem was das Konzept damals noch neu.

Seine Halbnichte, die Kaiserin Anna († 1740) galt ebenfalls als von Deutschen gesteuert, ihre Regierungszeit wird als dunkle Epoche der russischen Geschichte bezeichnet.

Kaiserin Elisabeth († 1762), eine Tochter Peters, hielt Deutsche, Juden und andere Fremdlinge kurz. Sie machte sich dadurch beliebt, auch wenn sie sich ansonsten vor allem für Männer interessierte und wenig für ihr Land leistete.

Der Preußen-Fan Peter III († 1762) lieferte seinen Gegnern und seiner Gattin mit seiner Schwärmerei für Friedrich den Großen genug Munition, um ihn kurz nach seiner Thronbesteigung gleich wieder zu beseitigen.

Seine Frau, die deutsche Prinzessin Katherina († 1796) wiederum, die keinerlei Ansprüche auf den Thron hatte, gab sich betont russisch. Sie regierte lange und ging als „die Große" in die Geschichte ein. Neben Skandalen hat sie allerdings auch handfeste Erfolge zu bieten. Ihr Sohn Paul († 1801), wiederum ein Preußen-Verehrer, wurde ermordet.

Als Faustregel für diejenigen, die in Russland regieren wollen, gilt also: Wer sich besonders westlich gibt, bekommt Probleme. Wer sich russisch-

patriotisch geriert, dem wird manches verzeihen. Ein Paradox in dieser Hinsicht ist Wladimir Putin. Er verbindet „deutsche Tugenden" mit patriotischer Ideologie. Jedenfalls schafft er es, sowohl preußischer als auch patriotischer zu wirken als sein Vorgänger Jelzin.

Helmut Kohl stand nicht vor dem Problem, sich entscheiden zu müssen zwischen einem betont nationalem Kurs und guten Beziehungen mit den Nachbarn. Er schaffte es, beides unter einen Hut zu bringen. Als überzeugter Europäer vereinigte er Deutschland. Allerdings hätte er es nicht ohne den einen geschafft, der dafür zu Hause Schläge bekam: den pro-westlichen Michail Gorbatschow.