Küss die Hand: Ulenspiegels Liebeserklärung

Die Österreicher sind die größten PR-Genies der Welt. Das Land ist weltweit beliebt, man fährt gerne dort hin, genießt die gute Küche und die kulturellen Schätze. Natürlich ist Russland etwas größer als das Alpenland, aber es gibt doch Gemeinsamkeiten. Reiche Traditionen, atemberaubende Landschaften, eine faszinierende Geschichte. Was also kann Russland tun, um mit Österreich gleichzuziehen?

„Wer die beste Idee hat, darf das Thema meiner nächsten Kolumne bestimmen" habe ich in meinem Text zum Moskauer Spionageskandal vollmundig versprochen. Natürlich in der Hoffnung, dass meine zahlreichen Fans sich sogleich ans Werk machen und mich mit Vorschlägen über Ryan Fogles seltsame Mission überschwemmen. Doch die Kommentarspalte blieb leer.

Sollte die Schar meiner Bewunderer vielleicht doch kleiner sein als die, nun, sagen wir, eines Clowns namens Justin Bieber? Doch es kommt nicht auf die Anzahl der Fans an, sondern auf deren Qualität, tröstete ich mich. Immer wieder lugte ich in die Kommentarspalte, doch die füllte sich nicht. Bis ich eines Tages merkte, dass die Einträge versteckt sind und nur mit einigen Tricks sichtbar werden. Das mag an Manipulationen der CIA liegen, oder einfach nur an meinem Browser.

Vielleicht steckt aber auch das k.u.k. Evidenzbüro dahinter, denn der Eintrag (es ist ein einziger, aber der hat es in sich) kommt aus Österreich. Die Kommentatorin mutmaßt unter anderem, dass Fogle in Wirklichkeit ein verdeckter Ermittler der österreichischen Finanzstrafbehörde namens Vogel sei, der in Moskau nicht versteuertem Vermögen österreichischer Banken und Baukonzerne nachspürte.

Gut möglich. In Österreich läuft ja derzeit so einiges in Sachen Korruption. Trotzdem mag alle Welt das Land und seine Bewohner, man fährt gerne dort hin, genießt die gute Küche und den hervorragenden Wein, die wunderschöne Landschaft und die kulturellen Schätze. Sehr zu Recht. Aber andere, die auch korrupt sind, haben kulturell und landschaftlich ebenfalls etwas zu bieten und sind nicht so beliebt. Was machen die falsch? Ich denke da zum Beispiel an ein Land, das als Namensgeber für diese Webseite fungiert.

Man sagt ja, die Österreicher seien die größten PR-Genies der Welt. Sie haben es geschafft, aus Hitler einen Deutschen und aus Beethoven einen Österreicher zu machen. Aber das ist bei weitem nicht alles: Sissi? Eine Hysterikerin aus Bayern. Franz Josef? Ein Simpl, der zuerst zu jung für den Job als Kaiser war und später zu alt. Mozart? Ein Schwabe aus Augsburg. Der Opernball? Eine Spielwiese für Baulöwen und Pornostars. Und? Stört das jemanden? Im Gegenteil, alle wissen es, aber das ist egal. Alle Welt will den schönen Schein.

Was können andere daraus lernen? Es kommt darauf an, wie man sich präsentiert. Man muss nicht unbedingt ein realistisches Bild zeichnen, aber wenn man schon schwindelt, dann sollte es mit Charme geschehen. Und den haben sie, die Österreicher.

Natürlich ist Russland etwas größer als das Alpenland, aber es gibt, über den Hang zur Korruption hinaus, noch andere Gemeinsamkeiten. Reiche kulturelle Traditionen (Musik, Literatur), atemberaubende Landschaften, eine faszinierende Geschichte. Und schöne Frauen, aber das nur am Rande.

Dennoch würden die meisten Leser wohl lieber in einem Wiener Caféhaus sitzen oder in den Tiroler Bergen herumkraxeln, als nach Russland zu fahren. Woran mag das liegen? Am schlechten Image Russlands? An den Horrorgeschichten, die manche Russlandreisende mitbringen? An den Vorstellungen von sibirischer Kälte und Ostblock-Öde?

Spötter sagen, die einzigen Dienstleistungen im Tourismussektor, die in Russland überall problemlos zu haben sind, gehören in den Bereich der käuflichen Liebe. Das sonstige Personal gilt als unfreundlich und faul. Auch Wiener Kellner können ja manchmal pampig sein, aber das gehört dazu und wird mit einem Schmunzeln registriert. Ja, ja, der Wiener Grantler. Kenner bedauern sein allmähliches Verschwinden.

Was also kann Russland tun, um mit Österreich gleichzuziehen?

• Stalin wieder zum Georgier machen und einen populären Künstler zum Russen (beispielsweise Gérard Depardieu).

• Die Zarentochter Anastasia als Marketing-Magnet für den Tourismus einsetzen, entsprechende Kitsch-Filme gibt es bereits.

• Tschaikowski-Kugeln kreieren.

• Russische Scheiß-egal-Haltung als liebenswerte nationale Eigenheit

positionieren, die von Touristen erwartet und geschätzt wird: „Liebling, wir sitzen schon zwei Stunden hier und niemand nimmt unsere Bestellung auf." „Entzückend! Echte russische Scheiß-egal-Haltung. Das hat man nicht mehr so oft heutzutage".

So, liebe Leserinnen und Leser. Da die geschätzte Kommentatorin den Wettbewerb gewonnen, aber keinen Themenwunsch geäußert hat, habe ich eine Liebeserklärung verfasst. An Österreich. An die liebenswerten nationalen Schwächen aller Völker, und an meine Fans. Besonders an die weiblichen, aus Wien.

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