Türkische Frühlingsgefühle

Der Ulenspiegel erklärt was die Protestierer vom Tahrir-, dem Balotnaja- oder dem Taksim-Platz gemeinsam haben.

Frühling wird es überall einmal, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Nur bei uns nicht, könnte man hinzufügen. Aber Ulenspiegel schreibt aus Prinzip keine Wetter-Kolumnen. Ich spreche vom politischen Frühling, der schon längst kein national begrenzter mehr ist. Mit den Unruhen der Türkei sprießen jetzt auch dort die Jahreszeiten-Metaphern.

Wer hätte das gedacht: Die Türkei hat in den letzten Jahren einen so eindrucksvollen Aufschwung hingelegt, dass sich die dortige Regierung inzwischen gar nicht mehr so sicher ist, ob man wirklich dem Loser-Club namens EU beitreten möchte. Türkische Politiker sagen überall in der Welt unverblümt, was sie denken. Ob es um die in Deutschland lebenden Landsleute geht, um den Konflikt in Syrien oder die Frage des Genozids an den Armeniern – man erlegt sich keinerlei Zurückhaltung auf. Und wer an einem guten Verhältnis mit der Türkei interessiert ist, hat den Wünschen des Starken Mannes am Bosporus Rechnung zu tragen.

Und trotzdem meckert da jemand im Lande? Die Leute sind auch nie zufrieden. Haben sie Hunger, dann wollen Sie Brot und gehen auf die Straße. Sind sie satt, dann wollen sie politische Freiheiten und gehen auch auf die Straße. Lässt man sie was lernen, wollen sie hinterher gute Jobs und machen auch wieder Rabatz.

Dabei ist die Regierung Erdogan weder eine korrupte Gerontokratie (wie einige vom Frühling geküsste Staaten Nordafrikas und der arabischen Halbinsel), noch eine diktatorische Gewaltherrschaft. Es gibt freie Wahlen, demokratische Parteien...Natürlich, aus westlicher Sicht lässt sich manches bemängeln, aber wo wäre das nicht der Fall? Trotzdem gärt es in der Türkei. Eine junge, gut ausgebildete, relativ wohlhabende Elite will sich keine Vorschriften machen lassen, auch nicht von vergleichsweise modernen, technokratischen Islamisten ohne Vollbart und Kalaschnikow.

Die Abneigung gegen Bevormundung vereint sie mit jungen, gut ausgebildeten und relativ wohlhabenden Leuten in den arabischen Ländern, Russland, den USA, Deutschland und anderswo. Der Grund für die Wut ist immer ein anderer. Mal geht es um ein Bahnhofsprojekt, mal um faire Wahlen, mal um die Macht der Wall Street. Nur eines haben sie alle gemeinsam: Nämlich das sie kaum etwas gemeinsam haben außer einem vagen Gefühl der Unzufriedenheit.

Linke und Anarchisten, Wertekonservative und Umweltschützer, Liberale und Globalisierungsgegner können sich zwar sporadisch zu Protesten zusammenfinden, für eine neue politische Kraft reicht die Basis jedoch nicht aus. Das gilt für Occupy, Attac, die Piraten, Anonymus oder Wikileaks genau wie für die Protestierer vom Tahrir- dem Balotnaja- oder dem Taksim-Platz. Sie alle zeigen die Stärken und zugleich auch die Schwächen der neuen, stark von den digitalen Medien getriebenen Bewegungen.

Sie sind ist vernetzt, flexibel, undogmatisch, aber auch amorph und sehr flüchtig. Nach Zeiten hoher Aktivität und Aufmerksamkeit folgt rasch der Zerfall. Jede ideologisch und organisatorisch einigermaßen gefestigte Gruppierung könnte dann locker die Früchte ernten, die die euphorischen Idealisten im Schweiße ihres Angesichts haben wachsen lassen. Aber solche Bewegungen gibt es kaum, nimmt man die Islamisten mal aus, die den arabischen Frühling gekapert haben. Kommunismus hat als Aphrodisiakum für soziale Bewegungen genauso ausgedient wie der westliche Liberalismus. Man will schon irgendwie Gleichheit und Freiheit, aber in welcher Mischung und wie, das ist unklar.

Auch das Ausland als der böse Anstifter ist in dieser Hinsicht wenig hilfreich. Zwar wird es regelmäßig als treibende Kraft hinter allen Unruhen entlarvt,

so jetzt auch wieder von Premier Erdogan. Aber so viel, wie angegriffene Machthaber gerne fürchten, kann das arme Ausland gar nicht leisten. Es stimmt zwar, ein Blick über die Grenze zeigt, dass auch andere nicht willens sind, ihren Vorturnern bedingungslos zu folgen. Aber das war es dann auch schon. Irgendwelche neuartigen Visionen hat derzeit kein Ausland dieser Welt zu bieten.

Skeptiker wissen, dass nach dem Frühling stets Sommer, Herbst und Winter kommen. Meist sind Frühling und Sommer verregnet, und der Winter wird erst gegen Ende so richtig kalt. Am schönsten ist doch stets der Herbst. Aber halt, vom Wetter wollte ich ja nicht schreiben.

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