Denkste, Puppe!

Bürokratie zählt zu den größten Problemen in Russland. Foto: RIA Novosti

Bürokratie zählt zu den größten Problemen in Russland. Foto: RIA Novosti

Der Behördenmarathon macht nirgendwo wirklich Spaß, aber hier ist er besonders aufregend, weil jeder kleine Staatsdiener sich seinen eigenen Reim auf Gesetze und Verordnungen macht.

Beim ersten Anlauf klappt es so gut wie nie, denn die Herren und Damen sagen ja nicht, welche Papierchen am Ende beigebracht werden müssen. Auf diese Weise pilgert man dann mehrfach dahin, fühlt sich dort schon wie zu Hause. So bleibt es immer spannend und unterhaltsam, denn auf dem Weg in die Ämter sieht man neue Läden, hübsche Cafes und lernt die große Stadt immer besser kennen. Und es bleibt immer spannend, schaff ich es bei diesem Anlauf oder nicht.

Auch die Formulare ändern sich ständig, auf den offiziellen Webseiten hängen meist die falschen, die schon veralteten. Um zu beweisen, dass mein Formular das falsche ist, malträtieren sie dann ihre vorsintflutlichen PCs. Das kann dauern!

Als ich im Herbst erstmals nach Schweiß treibenden Behördengängen mein erstes Arbeitsvisum auf meine kleine Firma in den Händen hielt, war ich überglücklich und um viele Rubel und Nervenzellen ärmer. Dieser Schritt war aber dringend nötig, um von möglichen Arbeit- oder Visagebern unabhängig zu sein.

Allein hätte ich das nie geschafft, auch ehemalige Kollegen, die sich auf meiner vorigen Arbeitsstelle ausschließlich mit der Beschaffung von Arbeitsvisa für ausländische Mitarbeiter beschäftigt hatten, liefen gegen die Wand. Also musste ich eine Kanzlei einschalten, die auf kommerzieller Basis diese lebenswichtigen Fragen für die Ausländer, die in Russland legal arbeiten wollen, klärt. Aber auch diese Profis standen oft vor einem Rätsel und stieß ständig auf neue Hindernisse.

Jedes Papierchen muss dazu noch übersetzt und notariell beglaubigt werden. Da geht Zeit und Geld ins Land. Deshalb musste noch ein Übergangsvisum her, bis alle Unterlagen zur Zufriedenheit der Hüter des Arbeitsmarktes und des Finanzamtes ausgefüllt waren. Das alte Visum war hoffnungslos abgelaufen.

Dann war es plötzlich soweit und das neue Visum lag in Berlin im Konsulat zur Abholung bereit. Zum Glück hatte ich ja ein Übergangsvisum und konnte problemlos ausreisen. Das neue Visum war ein Kurzzeitarbeitsvisum, was sofort in Moskau in ein Jahresvisum umgewandelt wird. Der arme Reisepass, drei Visa in kürzester Zeit! Das darauf folgende Visum kann ich schon in Moskau erhalten, wenn ich bei dieser Firma bleibe. Kunststück, ist ja meine.

Natürlich taten sich nun schon wieder neue Probleme auf. Ich registrierte mich bei Ankunft in Moskau, mit dem Kurzzeitvisum im Gepäck, ordnungsgemäß bei der Meldestelle. Aber ich konnte dies nur bis zum Ablauf des begrenzten Visums tun, bin aber nach Erhalt des endgültigen nicht mehr ausgereist. Also wieder zur Meldestelle getrabt, mit den ewig lächelnden Gastarbeitern aus den sonnigen ehemaligen Sowjetrepubliken in der Schlange geduldig ausgeharrt. Dabei musste ich die vorherige Registrierung abgeben. Zum Glück hatte ich eine Kopie gemacht.

Als ich dann auf Dienstreise ins Land ging, in vollem Bewusstsein, alle Papierchen zu haben, musste ich in jedem Hotel an der Reception meine Registrierung und die am Flughafen erhaltene Migrationskarte zeigen. Da ging der Spaß weiter, denn ich war ja laut Einreisestempel und eben dieser Karte schon länger im Land, als meine Registrierung auswies. Die Kopie der Registrierung rettete mich dann zum Glück. Es ist nicht besonders prickelnd, nach einem anstrengenden Nachtflug mit großer Zeitverschiebung eine gute Stunde an der Reception zu stehen und zu erklären, weder illegal noch ein Kamel zu sein. Ich wollte so schnell wie möglich ins Bett fallen, um vor den anstehenden Verhandlungen und Veranstaltungen noch ein Auge voll Schlaf zu nehmen. Das ist nun auch Vergangenheit, ich war wieder mal in Germanien und habe eine totale Übereinstimmung von Registrierung und Migrationskarte erreicht! Hurra!

Aber das Auge des Gesetzes lauert überall. Ich Naive dachte, nun habe ich endlich alles auf der Reihe und kann in Ruhe und ohne Kopfschmerzen arbeiten und reisen. Da kam der Anranzer von der Rentenversicherung. Das hätte ich ja nun nicht gedacht, dass ich auch da noch einzahlen muss. Ich krieg doch hier keine Rente! Natürlich nicht, aber den Versicherungsteil muss ich zahlen, obwohl er mir nichts außer Kosten bringt. Doppelbesteuerungsabkommen? Offensichtlich kalter Kaffee.

Um nicht noch Strafe zahlen zu müssen, brauchte ich auf schnellstem Wege eine amtliche Rentennummer und das dazu gehörige Kärtchen. Dazu musste ich an das andere Ende der Stadt fahren, anstehen, mir komische Auskünfte anhören und viel Papier ausfüllen, als Ausländerin auch immer die notariell beglaubigte Passkopie zur Hand haben, sonst schicken sie mich wieder weg.

Am Eingang des Gebäudes aus tiefster Sowjetzeit hing ein großes Schild. „Der Pförtner erteilt keine Auskunft!“ Willkommen daheim. Er hat mir trotzdem geholfen, als er meine umherirrenden Blicke bemerkte. Nach zwei Anläufen und dank zweier liebenswerter Mitarbeiterinnen habe ich auch diese Hürde genommen. Sie empfingen mich, obwohl kein Behördentag war. Vorher war ich von ihren Kolleginnen ordentlich abgebürstet worden. Gut Ding will Weile haben.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland