Guck hin, wo Du lang gehst!

Während in Westeuropa die Normen Hochzeit haben, denken wir doch nur an die Eurogurke oder den Europräservativ (das hatte ja nicht so geklappt, die Norweger wurden wohl dabei nicht vermessen), macht in Russland jeder was er will. Das klingt interessant, ist aber nicht immer ungefährlich.

Nehmen wir doch zum Beispiel mal die Treppenstufen. In old Germany kann man mit geschlossenen Augen Treppen steigen, die Stufen haben alle die gleiche Höhe. Mit dieser Lauftechnik bricht man sich in Russland den Hals. Jeder zaubert sich Treppen hin, wie es gerade passt oder wie es der Handwerker hinkriegt. Am Anfang kommen immer hohe Stufen, man muss sich richtig anstrengen, sozusagen Fitness für alle, dann werden sie kleiner. Am Ende kommt es aber nicht hin und so wird ein flacher Absatz als Blinddarm sozusagen noch hinangepappt. Den sieht man aber nicht immer, vor allem, wenn die Treppe stark frequentiert ist. Das fliegt sich schön! Deshalb gucken hier alle nach unten, schauen „auf die Füße", wie es hier so schön heißt.

Aber wir mehr oder weniger adaptierten Ausländer gucken andauernd in der Gegend umher, um ja nichts zu verpassen. Und bums liegen wir da wie die Maikäfer. Die Treppen sind ja nur ein Teil des ungenormten Lebens, Bordsteinkanten und Bürgersteige mit Gehwegplatten oder Pflastersteinen schließen sich harmonisch an.

Bordsteinkanten sind ebenfalls sehr unterschiedlich und von 10 Zentimetern bis zum gefühlten halben Meter ist alles drin. Besonders hohe Borsteinkanten sollen die frechen Trottoirparker fernhalten, machen aber für Mütter mit Kinderwagen, Alte und Gebrechliche und natürlich für Rollstuhlfahrer eine Fortbewegung in der Stadt unmöglich. Und die Verkehrsrowdys schonen ihre fahrbaren Feldscheunen auch nicht und rumpeln auf den Bürgersteig. Fährt doch kaum noch jemand, der was auf sich hält, ein normales Auto, die großen Allrad-Spritfresser sind angesagt. So schlecht sind die Straßen in Moskau ja nun nicht, dass solche Kutschen nötig wären. Image ist eben alles!

In der Provinz schon eher. Auf meinen zahlreichen Reisen habe ich abenteuerliche Straßen gesehen, da hilft kein Jeep, da braucht es ein Kettenfahrzeug. In den Regionen gibt es weniger Protzschlitten, also hangeln sich Ladas und kleinere Modelle durch die Schlaglöcher. Bei Regen ist Rätselraten angesagt, denn man weiß ja nie, ob der kleine See auf der Straße nicht etwa auch noch tief ist.

Gehwegpflastern ist der neue Trend in Russland, ausgelöst durch den manischen Eifer des neuen Moskauer Oberbürgermeisters. Vorher waren gepflasterte Gehwege eher eine Ausnahme. Asphaltierte Trottoire, auf denen bei Regen Pfützen standen, weil ja nun mal eine glatte und zum Gully hin abgesenkte Oberfläche eine schwierige Sache ist. Das war eines der Argumente für die Pflasterungsarie. Ein weiteres lieferten die immer häufiger werdenden heißen Sommer, die den Asphalt schmelzen lassen. Aus reiner Sorge um die Gesundheit der Bürger sollten also steinerne Gehwege Atemorgane schützen, weil sie ja nicht schmelzen und nichts abstrahlen.

Ein akkurat gepflastertes Trottoir ist natürlich viel schöner anzusehen als welliger und geflickter Asphalt. Als die Gastarbeiter aus Tadschikistan und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken aber auf obersten Geheiß loslegten, wurde uns ganz komisch zumute. Sie waren und sind total ahnungslos, was die Technik des Pflasterns angeht. Aber wozu sie darin ausbilden? Vorarbeiter hat gesagt, Steine verlegen, also verlegen sie. In welches Bett

sie die legen, ob es an den Rändern klappt, ob sie eben liegen – das sind keine Fragen, die die freundlich lächelnden Jungs aus den heißen Regionen Asiens bewegen würden. Nach dem ersten Winter und ausgiebigen Regengüssen sehen die so gepflasterten Bürgersteige zum Fürchten aus. Da muss man wirklich ganz intensiv nach unten schauen, um nicht zu straucheln.

Vor der Pflasterwut sind auch die Wege in Parkanlagen nicht sicher. Nach dem Angriff der Gastarbeiter haben Innliner und Skateboards keine Chance mehr, nur die Radfahrer rumpeln über die unebenen Pisten.

Böse Zungen behaupteten, die Gattin des neuen Stadtoberhauptes würde eben diese Pflastersteine produzieren und gaben ihr auch gleich einen passenden Spitznamen: Borsteinkante. Dieses Gerücht wurde heftigst aus dem Bürgermeisteramt dementiert, hält sich aber hartnäckig! Eine logische Erklärung fällt angesichts der überbordenden Vergeudung von Haushaltsgeldern schwer, da hält man sich halt an das Gerücht.

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