Offener Brief an die angelsächsischen Geheimdienste

Foto: Reuters

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Auch Ulenspiegel hat etwas zu sagen bezüglich des Snowden-Skandals.

Liebe NSA, CIA, GCHQ, MI6 und wie Ihr alle heißt: da ihr meine Mails ja sowieso lest, schreibe ich Euch gleich direkt an. Ich finde es toll, dass Ihr uns normalen Menschen die Gelegenheit gebt, mit Euch zu kommunizieren. Da wird jede Nachricht zum offenen Brief, im wahrsten Sinne des Wortes.

Wenn ich mir das vorstelle: Ich tippe hier was in meinen Computer und Ihr guckt mir vielleicht schon über die Schulter. Hallo, 007, bist Du auch da? Oder seid Ihr alle solche Nerds wie dieser Snowden, dem wir es zu verdanken haben, dass jetzt alle Bescheid wissen über Eure Schnüffelaktionen?

Also ich weiß davon ja schon lange. Erstens weil ich einschlägige Agententhriller gelesen und gesehen habe. Zweitens, weil Ihr ja selber dauernd den anderen vorwerft, sie würden Computer ausspähen und die Datenleitungen anzapfen. Und was man anderen unterstellt, tut man bekanntlich selbst mit besonderem Eifer. Und drittens, weil ich auch schon Rede und Antwort stehen durfte zu der Frage, warum ich so oft Leute in Russland anrufe.

Meine Gesprächspartner kannten sogar den Inhalt der Telefonate – von einem „befreundeten" Dienst, von Euch also. Von wegen, Ihr speichert nur die Verbindungsdaten. Wäre doch Ressourcenverschwendung. Wenn man schon einen solchen Aufwand betreibt, dann soll es sich doch lohnen. Wer das für unmöglich gehalten hat, der glaubt auch an den Klapperstorch.

Aber natürlich, unsere Damen und Herren Politiker müssen so tun, als wären sie furchtbar überrascht über die Enthüllungen. Zwar weiß ganz Berlin, dass nicht nur die Bösen (Chinesen, Russen) bei uns herumspionieren, sondern auch unsere Freunde (Amerikaner, Engländer, Franzosen, Polen...) Aber darüber spricht man nicht. Und wenn ein Zipfelchen dieses Netzes doch einmal sichtbar wird, dann tut man so, als ginge es nur um internationale Terroristen und nicht um deutsche Politiker, Unternehmen und Forschungseinrichtungen. Wer wird denn ein böses Wort über seine Freunde sagen? Lieber die Faust in der Tasche ballen und lauthals auf die Hacker aus dem Osten schimpfen

.Ja, Ihr habt recht, liebe Geheimdienste, uns Krauts schaut man besser genau auf die Finger. Wer weiß, was wir wieder vorhaben. Zum Beispiel:

Kolumnenschreiben für eine russische Webseite. Wenn das mal keine Begleitmusik ist zu einem Merkel-Putin-Pakt. NATO hin, EU her, schon Lenin wusste ja: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Edward Snowden werdet ihr allerdings nicht finden, wenn ihr nur lest und lauscht. Da müsst ihr Euch schon wieder die albernen Perücken aufsetzen und durch Moskau, Havanna oder Quito strolchen. Oder vielleicht durch Peking, Teheran oder Pjöngjang? Tja, das müsst ihr schon selbst rausfinden, der Bursche ist ja einer von Euch und weiß, wie man verschwindet, zumindest aus dem globalen Datenstrom. Und Vorsicht: lasst Euch nicht wieder erwischen bei der Jagd. Das ist dann nämlich noch peinlicher als die Enthüllungen über Prism und Tempora.

Mit konspirativen Grüßen,

Euer Ulenspiegel

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland