Die Macht meines Wortes

Foto: AFP / East News

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Unser Stamm-Kolumnist Ulenspiegel schwärmt davon, wie er mit der Wunderkraft seiner Kolumnen das Weltgeschehen umgestalten würde.

Liebe Ulenspiegel-Fans, ich habe eine wunderbare Entdeckung gemacht: Meine Kolumnen beeinflussen das Zeitgeschehen. Was ich zu Papier bringe, das wird bald darauf Wirklichkeit! Seit Tagen bastele ich an diesem Text zum Thema Edward Snowden herum. Immer, wenn ich etwas Lustiges niederschreibe, dann ereignet sich genau das in der Realität und mein origineller Gedanke ist plötzlich nicht mehr so originell.

Ursprünglich wollte ich Asyl für Snowden in Deutschland fordern. Das Asylrecht gehört schließlich zu den großen Errungenschaften der deutschen Nachkriegsdemokratie. Das werden unsere Politiker nicht müde, in Sonntagsreden zu beschwören. Aber in diesem Falle, so dachte ich mir, werden sie zu feige sein, und dem großen Bruder vorauseilenden Gehorsam leisten. Von wegen. Ich wollte meinen Text gerade abschicken, da höre ich im Radio, dass Jürgen Trittin mir die Worte aus dem Mund genommen hat. Weitere Politiker folgen ihm. Ich stricke also meinen Text um und beende ihn mit den Worten „Also schnell, Angela, sonst schnappen ihn die Russen uns noch weg…“. Und, schwupp, schon schlägt der Putin zu. Ich frage mich, ob Snowden wirklich darauf eingeht und siehe, er tut es nicht. 

Aber über Snowden möchte ich hier gar nichts mehr sagen. Die Sache wird immer verworrener und vielleicht hat meine kluge Wiener Freundin ja mal wieder Recht. Sie fragt nämlich, ob mit der Aufdeckung eines Tatbestands, der eigentlich schon allen bekannt sein sollte, vielleicht nur von anderen, viel schmutzigeren Dingen abgelenkt werden soll. Und ich helfe auch noch mit, indem ich mit meinen magischen Texten – diesen die Realität formenden Kolumnen – dazu beitrage, die Sache in die (von wem?) gewünschte Richtung zu treiben. Nicht mit mir!

Da forme ich das Weltgeschehen doch lieber so, wie es mir selbst gefällt. Zum Beispiel auf diese Art:

Washington – Barack Obama entschuldigt sich für den Schaden, den sein Land über Jahrzehnte der Welt zugefügt hat und verspricht, die USA würden sich in Zukunft vorranging um die eigenen Probleme kümmern. „Wir müssen uns nicht überall einmischen, damit hinterher alles noch schlimmer wird“, so der Präsident. Die US-Streitkräfte werden drastisch reduziert.

Brüssel – „Sparen fängt in Brüssel an“ ist die neue Direktive der EU. „Um den Mitgliedsländern ein Beispiel zu geben, kürzen wir die Bezüge unserer Kommissare, der Beamten und der Mitglieder des Europaparlaments um 60 Prozent“, verkündet Manuel Barroso, der Präsident der EU-Kommission. „Auch davon lässt es sich noch ganz gut leben. Ich hoffe, dass viele nationale Regierungen nachziehen.“

Moskau – Der russische Präsident macht Ernst mit dem Kampf gegen die Korruption. Jeder Staatsdiener, der Schmiergelder genommen hat, kommt sofort hinter Gitter. „Kopf hoch“, so Putin in einer Fernsehansprache, „wir bleiben ja alle zusammen und irgendwann gibt es vielleicht eine Amnestie.“

Irgendwo in einem Kaff an der afghanisch-pakistanischen Grenze – „Brüder, werft die Waffen weg, rasiert euch die Bärte ab und zieht euch was Anständiges an“ befiehlt Omar al Sahiri, der oberste Chef der al-Qaida, seinen Gotteskriegern. „Es reicht dicke mit Terrorismus und Glaubenskrieg. Jetzt trinken wir alle einen Spezi und dann ab zum Shopping nach Paris!“

Berlin –  Mitten im Wahlkampf sind Angela Merkel und Peer Steinbrück plötzlich spurlos verschwunden. „Keiner weiß, wo sie sind“, so ein Insider, „aber niemand vermisst sie“.

Stockholm – der Kolumnist Ulenspiegel erhält gleich zwei Nobelpreise auf einmal: den für Literatur sowie den Friedensnobelpreis. „Mit seinen Texten hat er nicht nur Millionen von Lesern erheitert, sondern auch den Weltfrieden gesichert“ so die Begründung der Jury. „Ich weiß gar nicht, was ich mit der vielen Kohle anfangen soll“ sagt der sympathische Autor in einer ersten Stellungnahme.

So, das reicht fürs erste. Jetzt bitte Umsetzung. Und wenn dabei geschummelt wird, werde ich nachbessern. Mit der Macht meines Wortes.

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