Trau schau wem!

Besitz muss geschützt werden, keine Frage. Aber so vehement? Egal, wo man hier hinkommt, überall stehen Wachleute rum. Geschäfte, Restaurants, Behörden, Firmensitze, Eigenheimsiedlungen – keiner kommt hier ohne Wachpersonal aus. Die privaten Wachschutzfirmen haben schon über Jahre Konjunktur.

Besitz muss geschützt werden, keine Frage. Aber so vehement? Egal, wo man hier hinkommt, überall stehen Wachleute rum. Geschäfte, Restaurants, Behörden, Firmensitze, Eigenheimsiedlungen – keiner kommt hier ohne Wachpersonal aus. Die privaten Wachschutzfirmen haben schon über Jahre Konjunktur.

Manchmal denke ich, das ist verdeckte Arbeitslosigkeit, wenn ich die jungen Männer ihren Arbeitstag vergammeln sehe. Da kann man interessante Studien treiben. Manche hängen regelrecht rum, schmale Schultern, breite Hüften, große Füße und bedacht, nicht anzuecken. Andere wiederum spielen den Rambo, fühlen sich in ihrer meist schwarzen Uniform wie ein New Yorker Sheriff. Diese Typen stehen dann breitbeinig vor den zu bewachenden Türen und mustern alle abfällig und mit dem Gefühl der Überlegenheit.

Wer es zu Wohlstand oder gar zu Reichtum gebracht hat, fürchtet um seinen Besitz und lässt ihn bewachen. Eigenheime oder ganze Siedlungen davon sind mit hohen Zäunen umgeben, obendrauf soll Stacheldraht (wie anheimelnd!) Diebe fernhalten. Videokameras gehören natürlich auch dazu. Und in den schmucken Häusern sind die Fenster vergittert, falls es doch mal einer schafft einzudringen. Freiwilliges Leben in einem Luxusknast könnte man das allerdings auch nennen.

Die neuen komfortablen Wohntürme geben sich auch wie Fort Knox. Überraschende Besuche bei Bekannten werden so unmöglich, denn schon beim Betreten der edlen Eingangshallen wird man angeknurrt, wohin es denn gehen soll. Da habe ich dann schon keine Lust mehr auf einen Besuch. Erniedrigendes Warten, bis jemand von den Bekannten den Hörer abnimmt und das Eintreten in die heiligen Hallen erlaubt.

Da es hier nur Luxushäuser oder Unterkünfte mit sehr gewöhnungsbedürftigen Hauseingängen gibt, dazwischen ist kaum was, sind die Bewohner der letzt genannten Kategorie schwer benachteiligt, denn sie sind ungeschützt und unbewacht. Abhilfe sollten Videokameras schaffen, um Überfälle im Treppenhaus wenigstens fixieren zu können. Großes Projekt! Es wurde mit viel Brimborium angekündigt und Gelder bereitgestellt, um die Kameras zu kaufen und anzubringen. Da hängen jetzt auch Gebilde, die an Kameras erinnern, sind aber Attrappen. Das Geld für die richtigen Kameras floss in andere Kanäle, wo es geplagten Beamtenseelen zugute kommt.

Will man in Gebäude, wo mehrere Firmen ihre Büros haben, geht es nur mit Passierschein, der im Passierscheinbüro (wieder Arbeitsplätze geschaffen, hurra) erhältlich ist. Aber nur, wenn er von der jeweiligen Firma bereits bestellt wurde. Wenn nicht, hängt ein Telefon an der Wand, daneben eine Liste mit Telefonnummern der im Hause ansässigen Firmen. Irgendwann erscheint eine Bürofee und holt den untertänigst wartenden Besucher ab. Natürlich geht es auch per Handy, wenn man die Nummer eines Mitarbeiters oder gar der Sekretärin schon kennt.

Sogar in meiner Zahnklinik sitzt ein Wachmann rum, verteilt bei schlechtem Wetter Einwegüberzieher für die Schuhe und öffnet per Hand die Tür für jeden Patienten. Natürlich in schwarzer Wachschutzuniform und mit großen gelben Buchstaben SECURITY auf dem Rücken. Das gibt ihm Sicherheit und verleiht ihm einen gewissen Status. An seinem Gürtel baumelt ein Gummiknüppel, wie apart.

Offensichtlich ist man hierzulande der Meinung, dass die Menschen andauernd überwacht und ständig ein wenig in Angst gehalten werden müssen. Die Polizei, die hier überall und permanent präsent ist, schafft es wohl nicht allein, solche Gefühle zu erzeugen.

Gäbe es die ständig von oben beschworenen boomende Wirtschaft, würden diese Wachleute sicher gebraucht. Aber ob sie das dann auch wollen? Vielleicht gefällt ihnen das dumpfbackige Herumgestehe sogar besser.

In Behörden, zum Beispiel im staatlichen Rentenfonds, in den garantiert niemand einbricht, werden die Wachleute in ihrem schweren Dienst durch hilfreiche Plakate unterstützt: „Der Wachmann gibt keine Auskunft!“ steht da zum Beispiel drauf. Herumirrende Blicke der Besucher, die nicht wissen, wohin sie sich in dem Labyrinth der Gänge und Zimmer wenden sollen, ignorieren sie einfach. Fasst sich doch mal jemand ein Herz und fragt die Bollwerke der Sicherheit nach dem Weg, kriegt er meist zur Antwort: „Kannste nich lesen?“

Sollte mal jemand auf die glorreiche Idee kommen, dass diese ganze Wachschutzarie total übertrieben ist, lägen plötzlich arbeitsfähige Männer in großer Zahl auf der Straße. Da könnte man dann zum Beispiel das Eisenbahn- oder Straßennetz ausbauen oder die Landwirtschaft auf Vordermann bringen. Oder am laufenden Band Filme mit gewaltigen Massenszenen drehen.

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