Ihr Kinderlein kommet

Foto: ITAR-TASS

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Russland hat, wie zahlreiche andere Länder auch, große Probleme bei der Bewältigung demografischer Fragen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, in den wilden 90ern, sank die Geburtenrate katastrophal, schwangere Frauen waren so gut wie nicht auf den Straßen zu sehen. Von 10 Schwangeren trieben acht ab und von den zwei geborenen Kindern kam eins noch ins Heim. So sah die traurige Wirklichkeit aus, die Bevölkerung schrumpfte sehr schnell, es starben mehr, als geboren wurden.

Erst nach 2000, als die Regierung kräftig gegen ruderte, besserte sich die Lage etwas. Mütterkapital zum Beispiel heißt eins der Zauberwörter. Staatliche Zuwendungen gibt’s inzwischen auch.

Und siehe da, langsam steigt die Gebärfreudigkeit. Und schon gibt’s keine Kindergartenplätze, die Kleinen einzuschulen ist auch kein einfach Ding. Und mit den Kinderwagen kommen die jungen Mütter nirgendwohin, nicht die Treppen runter zur Metro, nicht in Busse und Bahnen.

Immer der zweite Schritt vor dem ersten! Das ist hier große Mode. Viele bunte Kinderspielplätze sind wirklich nicht schlecht, aber es sind in manchen Höfen zu viele, in meinem gibt’s drei auf engstem Raum. So viele Kinder gibt’s ja gar nicht, also sitzen die Omis auf der Schaukel oder die aufmüpfigen Halbwüchsigen. Wahrscheinlich produziert ein naher Verwandter eines hohen Beamten die Ausrüstung für Kinderspielplätze, anders ist die plötzlich aufblühende Liebe zu den Kleinen kaum zu erklären.

Der größte Hammer ist aber die Familienplanung oder Verhütung, egal, wie man es nennt. Verhütungsmittel Nummer 1 in Russland ist die Abtreibung. Die Kosmetikindustrie freut sich, denn aus en abgetriebenen Föten macht man teure Verjüngungscremes.

Im Prinzip ist die Unterbrechung kostenlos, aber nur im Prinzip. Schwangerschaftsabbruch in einer fortgeschrittenen Phase, also nach der 12. Woche, ist strafbar, wenn es nicht um das Leben der Mutter geht. Oder einfach nur sehr teuer.

In Sachen Aufklärung hat sich hier im Lande seit anno Dutt, also seit Sowjetzeiten, nichts geändert. Wer erklärt den jungen Leuten die verschiedenen Verhütungsmittel mit allen Vor- und Nachteilen? Die Omas oder die Mütter? Gott bewahre, die wissen doch selbst nur wenig. Außerdem ist es unanständig. Über so etwas spricht man nicht.

Und die Männer? Die kann man in dieser Beziehung glatt vergessen. So, als ob sie damit nichts zu tun hätten. Sie weigern sich, Verhüterli zu benutzen. Da könnte ja das Vergnügen zu kurz kommen. Ist Quatsch, es gibt jetzt hauchdünne. Das wissen sie aber nicht. Spiralen oder Pillen kommen hier kaum zum Einsatz. Wird schon schief gehen, denken sie, und ab ins Bett.

Die Männer haben hier noch so eine tolle Eigenschaft. Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, sprich, im Bauche ist, verdünnisieren sie sich. Das kenn ich noch aus Studienzeiten in der SU. Sie hauten dann ab auf Großbaustellen des Kommunismus und lösten sich in der Masse auf oder versteckten sich bei der Oma auf dem Dorfe.

Das Gesetz belangte und belangt sie selten. Auch eine Form der Nichtachtung der Frau. In anderen Ländern übernimmt der Staat solange, bis der flüchtige Erzeuger gefunden ist, die Alimente und holt sie sich dann von ihm wieder. Die kann er entweder im Knast oder in Freiheit erarbeiten, je nach Lage. Hier bleiben sie weitgehend ungeschoren, es sei denn, die Mütter ziehen vor Gericht. Das ist mit Kosten verbunden und Erfolgsgarantie gibt es auch nicht.

Die nicht zahlenden Väter haben noch einen Trick drauf, der sie vor Alimentenzahlungen schützt. Sie verkünden, dass sie gern zahlen, aber dafür muss das Kind dann im Alter für sie aufkommen, sich um sie kümmern. Das schreckt die allein erziehenden Mütter denn doch ab und die Kerle kommen davon. Oft sind die Frauen nämlich heilfroh, den Typen los zu sein.

Die Kirche macht mobil gegen die Abtreibungen, das ist weltweit so. Ist mir alles zu scheinheilig. Sie sollen sich um die Lebenden kümmern und die Frauen aufklären und unterstützen und nicht verbieten. Ist aber am einfachsten.

Auch die Ärzte machen sich zunehmend gegen die Abtreibungen stark. Aber werden sie ihrer Aufgabe gerecht und klären die Frauen auf? Nein! Mir wird jedes Mal ganz komisch, wenn mich die Gynäkologen nach der üblichen Frage wie viele Geburten, wie viele Abtreibungen, ich letzteres mit Null beantworte Wieso? fragen. Ist das normal?

Alle Aufrufe und Maßnahmen sind meistens gegen die Frauen gerichtet und nicht für mehr Geburten und eine freie Entscheidung der Frau. So hat ein Unternehmer, der wurde auch noch im Fernsehen gezeigt, in seinem Milchkombinat schwangeren Frauen das Gehalt verdoppelt und Frauen, die abgetrieben haben, entlassen. Sie hätten betrogen und wären somit keine zuverlässigen Mitarbeiterinnen. Und das wird einfach so geschluckt, da fragt kein Reporter nach, na klar, auch Männer. Wahrscheinlich hatte sie sein Outfit beeindruckt. Er war gekleidet wie ein russischer Gutsbesitzer zu Zarenzeiten, mit einem dicken Orden an der Brust.

Was tun eigentlich die Frauen in der Duma, in allen Parlamenten und Gremien des Landes? Sie machen Männerpolitik und halten den Rand, so wie es verlangt wird. Hoffentlich nicht mehr lange!

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