Schon wieder geht es an die Wahlurnen

Diesmal soll der neue Oberbürgermeister Moskaus gewählt werden. Er hatte offensichtlich kalte Füße oder ein Signal von oben bekommen und seinen vorzeitigen Rücktritt eingereicht. Er selbst qualifiziert den Rücktritt als Bestreben, legitim gewähltes Stadtoberhaupt sein zu wollen und kein ernanntes.

So weit so gut. Bis zur fristgerechten Wahl wäre es aber durchaus möglich, dass seine Popularität rapide sinkt, schon allein durch seine Mitgliedschaft in der ungeliebten Staatspartei „Geeintes Russland“. Also packte er den Stier

bei den Hörnern und trat zurück, überzeugt von seinem Vorsprung im Wahlkampf. Er ist einfach bekannter als alle anderen möglichen Kandidaten und weiß, dass durch die Trägheit und Gleichgültigkeit der Wähler (wir können ja eh nichts ändern) seine Chancen gut stehen. Außerdem betonte er, dass er nicht von der Partei aufgestellt sei sondern ein „Selbstaufsteiger.“ SMS-Freaks würden jetzt schreiben „grins.“ Denn gleich zu Anfang des Wahlgerangels verdonnerte Medwedew die Einheitsrussen, Sobjanin (so heißt der bis zur Wahl kommissarisch amtierende alte und nach seinen Wünschen auch neue OBM) nach Kräften zu unterstützen.

Was hier so abgeht, erinnert mich verdammt an die letzten Zuckungen der DDR. Eine Absurdität übertrifft die andere. 

Diesmal aber werden die Pseudokandidaten aus den Reihen der Kommunisten, der Milliardär Prochorow, der sich offensichtlich in jeden Wahlkampf schicken lässt, um dann auf des Hechtes Geheiß mit fadenscheinigen Ausreden wieder in der Versenkung zu verschwinden - der Rapper Pauk (Spinne) fällt unter die Kategorie Ulk-Kandidat - von einem Kandidaten unruhig gemacht, der an Popularität stetig gewinnt, obwohl er von den gelenkten Medien unangespitzt in den Boden gerammt wird. Es handelt sich um den umstrittenen Blogger und Korruptionsbekämpfer Alexej Nawalny.

Seit ein paar Jahren prangert er die diebischen Beamten von Rang in seinen Blogs an, trat auf den Massenmeetings gegen die Wahlmanipulationen im Dezember 2011 und im März 2012 auf und ist im Prinzip den Machthabern ein Dorn im Auge. Und in guter alter Manier fabrizierte man eine Strafsache gegen ihn und stellte ihn vor Gericht. Ein vorbestrafter Bürger darf nicht kandidieren. Und weg ist der ungeliebte Gegner und mundtot gleich mit. Nach der Urteilsverkündung im fernen Kirow im Südural, er wurde schuldig gesprochen und zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, versammelte sich eine große Menge auf dem Moskauer Manegenplatz.

Sofort erkannte man die Gefahr und verkündete, Nawalny sei frei gelassen worden, somit Ausschreitungen den Wind aus den Segeln nehmend. Gleichzeitig hat man ihm damit ein Kuckucksei ins Nest gelegt, denn er wird nun der Mauschelei mit dem Kreml bezichtigt. Guter Schachzug der Macht, polittechnologisch gesehen.

Der Kandidat der liberalen Jabloko-Partei dümpelt im Windschatten der beiden Top-Kandidaten Sobjanin und Nawalny. Seine Partei kann sich nicht entscheiden, wen sie unterstützen will, sie selbst hat im Moment keine großen Chancen. Sobjanin kommt offensichtlich nicht in Frage und Nawalny wurde vor ein paar Jahren aus der Jabloko-Partei wegen nationalistischer Umtriebe ausgeschlossen. Eine durchaus spannende Ausgangsposition. Bis zum 8. September wird noch viel Schmutz aus den Wahlkampfkanonen

verschossen, der Wähler muss schon gut aufpassen und analysieren, wer seine Stimme verdient. Die geübten Wahlfälscher haben ebenso ihre Hausaufgaben zu machen, denn die Wähler sind aufmerksamer und reifer geworden, ein Teil von ihnen zumindest.

In Jaroslawl an der Wolga hatte der Kandidat der Opposition gewonnen und nicht der Einheitsrusse. Wahlbeobachter aus dem ganzen Land und die Protestprominenz waren angereist, um plumpe Wahlfälschung zu verhindern. Der Sieg war nur von kurzer Dauer. Der frisch gebackene Gouverneur, der dem Kreml absolut nicht in den Kram passte, sitzt schon hinter Gittern, ein Gerichtsverfahren mit heißer Nadel genäht zog ihn aus dem Verkehr.

„Glück auf!“, kann man da nur sagen. Und Augen und Ohren auf, nicht nur im Straßenverkehr, auch im Wahlkampf.

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