Tourismus auf dem Abstellgleis

Die gute alte Datscha ist Ernährerin und Wellnesszone in einem. Foto: Lori/Legion Media

Die gute alte Datscha ist Ernährerin und Wellnesszone in einem. Foto: Lori/Legion Media

Adele ist gerade unterwegs in Urlaub. Gute Zeit über die typischen russischen Ferien zu erzählen.

Einmal im Jahr gönn ich mir den Luxus, die Koffer nicht wiegen zu müssen und fahre mit dem Auto nach Hause in den Urlaub. Es ist zwar eine lange Reise, dafür aber sehr interessant. Der erste große Ritt geht von Moskau nach Warschau. Nach einem langen Russlandaufenthalt betriebsblind geworden und vieles merkwürdige übersehend, gehen mir dann in Polen die Augen auf und es macht sich Urlaubsstimmung breit.

Polen hat sich seit den sozialistischen Zeiten mächtig gemausert. Aus tristen Städten sind schmucke Orte geworden, an denen es sich leben lässt. Klein- und Mittelstand befinden sich im Aufwind, neue Straßen durchziehen das Land. Die dafür vorgesehenen EU-Mittel wurden eingesetzt und nicht entwendet, wie anderswo. Hotels aller Coleur, Rast- und Gaststätten laden zum Verweilen ein.

Besonders auf dem Rückweg nach Russland genieße ich noch einmal das gastfreundliche Polen. Denn schon an der Grenze zu Weißrussland holt mich der raue Alltag ein. Das beginnt mit dem Ton der Grenzbeamten und setzt sich in den Toiletten fort. Nun sehe ich die Dinge doch etwas anders als bei der Ausreise.

Nach der weißrussischen Grenze hört das internationale Leben nahezu auf. Es traut sich kaum ein Westeuropäer mit dem Auto zu den östlichen Nachbarn, die Polen im kleinen Grenzverkehr zu Belarus mal ausgenommen und die baltischen Brummis. Die Raststätten an der Fernverkehrsstraße werden seltener, die Motels auch. In Russland wird es wieder etwas belebter, aber auch zwielichtiger.

Die Motels bieten mit rosa Leuchtschrift Nachtsaunen an. Da weiß der Kenner, dass da wird weniger gedampfbadet als kopuliert wird. Die dazu nötigen Bordsteinschwalben stehen entweder sehr mutig allein an der Straße oder warten vor Ort auf ihre Kunden. Da überlege ich es mir doch zweimal, ob ich da absteige, wenn ich übermüdet bin, oder mich trotz Müdigkeit weiter meinem Ziele nähere. Zum Glück fahren wir zu zweit und können uns ablösen.

Allein diese Strecke, die von reiselustigen Autotouristen aus aller Welt stark befahren sein könnte, führt die hochtrabenden Tourismuspläne ad absurdum. Es fehlt die nötige Infrastruktur, und zwar landesweit. Die Hotels in den Gebietshauptstädten sind zu dünn gesät und rufen deshalb gepfefferte Preise auf. Zugverbindungen im Lande sind sehr teuer und es rollen auch meistenteils alte Möhren über die Gleise, so dass das Vergnügen, sich das Land aus dem Eisenbahnzug zu betrachten, stark getrübt wird.

Mit dem Schiff auf Flusskreuzfahrt zu gehen setzt eine gut bestückte Kreditkarte oder eine dicke Minna voraus, denn das Vergnügen ist ebenfalls sehr kostspielig. Und die Zeiten, wo betuchte ausländische Rentner ihre Pension in Russland auf kostspieligen Reisen um die Ecke brachten sind auch endgültig vorbei. Auch die Russen selbst buchen lieber Ägypten oder die Türkei, wo sie visafrei und günstiger als zu Hause urlauben können und noch dazu einen besseren Service genießen können als am Schwarzen Meer, am Baikal, in Karelien, im Altai oder sonst wo im Lande.

Da bleibt nur die gute alte Datscha, Ernährerin und Wellnesszone in einem. Grillen, Unkraut jäten, in einem Teich oder einem Flüsschen baden, Mücken füttern und abends vorm Häuschen einen Wodka trinken, während die Frau nebst Schwiegermutter die Ernte einweckt.

Um an ein nettes Sümmchen zu gelangen, denken sich Beamte in den Tourismusministerien ständig neue Projekte aus, die sich nur zu gern

finanzieren lassen. Der neueste Schrei heißt Agrotourismus, abgeguckt von den Deutschen. Die russischen Familien aus den Großstädten sollen also aufs Land gelockt werden, um dort ihren Urlaub zu verbringen.

Wer über ein Kettenfahrzeug oder einen robusten russischen Geländewagen verfügt, kommt da vielleicht sogar hin. Aber wie weiter? In einem Bauernhaus mit der Gastfamilie in einem Raum wohnen, das Herzhäuschen hinterm Haus besuchen und den Kühen beim Wiederkäuen zugucken? Frische Milch trinken, in der Landwirtschaft mitarbeiten? Die ersten verwirrten Konzepte kursieren, fast in allen Gebieten werden Rubel locker gemacht, um den Agrotourismus schön zu reden. Der Tourismuschef spricht in vielen Talkshows über die traumhaften Möglichkeiten, die sich den Landurlaubern bieten.

Eines vergisst der gute aber. Die männlichen Agrotouristen müssen nach dem Urlaub entweder zum Entzug oder zur Lebertransplantation.