Obamas grausame Rache

Foto: AFP / East News

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Der US-Präsident Barack Obama hat sein geplantes Treffen mit dem russischen Staatschef Wladimir Putin in Moskau gestrichen. Unser Ulenspiegel versucht diese Entscheidung zu erklären.

Barack Obama hat es gesagt: Die Russen fallen manchmal in das Denken des Kalten Krieges zurück. Recht hat er. Für die Amerikaner gilt das nicht. Die haben nämlich nie aufgehört, in den Kategorien dieser Epoche zu denken. Also können sie auch nicht zurückfallen. Die Russen hingegen haben einige Zeit lang wirklich geglaubt, man könnte durch Nettigkeit die Konfrontation beenden. Das war natürlich ein Irrtum, und darum fand man in Moskau nach einigen Irrungen auch wieder zurück zur Vernunft. Ja genau, zur Vernunft. Denn jemand, der alles mit sich machen lässt, niemals Gegenleistungen fordert, ohne Not Positionen aufgibt, dafür eine gewischt bekommt und sich auch noch bedankt – der ist einfach nur ein Idiot.

Seit Jahren nimmt der Westen jeden Bürger Russlands auf, der sich als politisch Verfolgter ausgibt, egal was er sonst noch angestellt hat. Ob Terrorist oder Wirtschaftskrimineller, sage einfach „Putin ist böse" und du bekommt Asyl. Andersrum gilt das natürlich nicht. Wer den umgekehrten Weg geht, der ist ein Verbrecher und kein politischer Flüchtling, und wenn die USA es verlangen, dann muss diese Person auf der Stelle ausgeliefert werden.

Nicht nur wirtschaftlich schwache lateinamerikanische Republiken (ich nenne bewusst in diesem Zusammenhang keine Früchte) haben daher Angst, Edward Snowden aufzunehmen. Selbst das große und vergleichsweise starke Russland tut sich schwer mit dem Überläufer. Alexej Puschkow, Politologe, Außerpolitiker, Duma-Abgeordneter und Fernsehmoderator, der in seiner Sendung „Postskriptum" gerne die ganz große Keule gegenüber dem Westen schwingt, spekulierte nervös über die baldige Abreise des Whistleblowers. Und Putin ermahnte Snowden, nichts zu tun, was den amerikanischen Freunden schaden könnte.

Trotzdem hat Barack Obama jetzt gezeigt, dass die Angst in Moskau nicht unbegründet war. Niemand legt sich ungestraft mit der Weltmacht Nr. 1 an. Es steht fest: Beim G-20 Gipfel in St. Petersburg wird sich der US-Präsident nicht mit seinem russischen Kollegen treffen. Putin ist vermutlich am Boden zerstört. Kein Zwiegespräch mit Obama! Hat sein Leben jetzt noch einen Sinn?

Na ja, eigentlich hat Russland ja schon Schlimmeres überstanden als die kalte Schulter des US-Präsidenten. Wenn das die einzige Reaktion aus

Washington ist, dann hat Puschkow zu früh gezittert. Vielleicht weiß der Professor für Diplomatie aber auch, was die vereinigten Staaten noch alles für Pfeile im Köcher haben?

Ob sie die verschießen, ist allerdings fraglich. Selbst die USA kommen nicht ganz ohne Russland aus, gerade weil dieses Land nicht mehr alles mitmacht, was der Westen vorgibt. Weil Russland eine eigene Außenpolitik betreibt, muss auch der US-Präsident mit diesem Faktor rechnen. Aber auch Russland braucht die Vereinigten Staaten, allein schon wegen des russischen Geldes, das dort angelegt ist. Und schließlich brauchen beide sich als Feindbild. Wir sind die Guten und die anderen sind ganz furchtbar schlecht. Das hält die Wähler bei der Stange. So wie im Kalten Krieg.

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