Samjatin jenseits der Anti-Utopie lesen

Foto: aus dem persönlichen Archiv

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Ilaria Parogni, Russia Beyond the Headlines/Russland HEUTE Ressort-Leiterin Social Media und Community Engagement, ist beeindruckt von den Frauen in „Wir”.

Als ich mit der Lektüre von Jewgeni Samjatins „Wir” begann, war ich fasziniert, eine echte moderne Anti-Utopie in den Händen zu halten, einen Vorläufer und eine Inspiration für Romane wie George Orwells „1984” und Anthony Burgess’ „Uhrwerk Orange“. Dann fing ich an, nach den Merkmalen zu suchen, die das Buch zur typisch russischen Literatur machen. Meine Antwort fand ich in der Art, in der die Frauenfiguren gezeichnet werden.

Die Handlung in „Wir” ist einfach – ein Mann, der die Zwänge der Welt, in der er lebt, niemals hinterfragt hat, lernt eine Frau kennen, verliebt sich und stürzt in eine persönliche Krise. Sie lässt ihn einen zum Scheitern verurteilten Versuch unternehmen, jene Verhaltensnormen zu durchbrechen, an denen er sich immer orientiert hat. Es ist die Charakterisierung von Personen, die das Buch zu einer extrem fesselnden Lektüre macht. Obwohl der Protagonist und Erzähler der Konstrukteur D-503 ist, tritt das männliche Universum nicht selten in den Hintergrund oder erscheint sinnlos und unbeholfen.

Andererseits scheint das feminine Element oft auf eine typisch russische Weise durch die Geschichte hindurch. Die Frauenfiguren zeichnen sich durch Zielstrebigkeit und Unabhängigkeit aus, zwei Eigenschaften, die man russischen Frauen gemeinhin zuschreibt. Seien es die mütterliche und rundliche O-90 oder die I-330, die verführerische Frau, die das Herz des Protagonisten erobert und ihn in den revolutionären Untergrund einführt. Ihre Handlungen und Worte sind immer pragmatisch und von entwaffnender Direktheit. Sie schrecken außerdem vor mutigen Entscheidungen nicht zurück.

O-90 trägt ihre Bitte, von D-503 ein Kind zu bekommen, überraschend energisch an ihn heran. Später scheut sie sich nicht, ihren geliebten, wenngleich grausamen Einzigen Staat zu verlassen, der von ihr verlangen würde, das Kind an das Kollektiv abzugeben. Die Weigerung von I-330 selbst angesichts von Folter, ihre Werte zu verraten, ist eine der einprägsamsten und berührendsten Szenen der Geschichte.

Die Frauen in „Wir” sind die menschlichen und farbenreichen Elemente der Romanhandlung. Während der Leser ihre Charaktere kennenlernt, haben sie ihn schon für sich gewonnen.

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